Hurra - der Frühling kommt 

Welche Zeit ist denn die schönste auf der Insel??? 

Wenn Gäste oder Freunde diese Frage stellen, gibt es für mich eigentlich nur eine Antwort: Baltrum ist zu jeder Jahreszeit schön! 
Man muss das Wetter nur von der richtigen Seite betrachten. Baltrumliebhaber können jedem Monat die guten Seiten abgewinnen. Ich mag den Sommer mit warmen Tagen, den Herbst wegen der Stille und der Vielfalt der bunten Beeren, den Winter mit Kälte, Wind und Sturm. Wenn ich jedoch ganz ehrlich bin und in mich hineinhorch, freue ich mich ganz besonders auf das Frühjahr. 
Wenn im März und April das erste zarte Grün an den sonst noch sehr durchsichtigen und trocken aussehenden Sträuchern und Bäumen zu sprießen beginnt, die Frühlingsblumen mit kräftigen Farben die Sonne locken und die Veilchen sich durch die noch feste Erddecke kämpfen, spüre ich bei mir und bei den Menschen, die mir begegnen, dass die warmen Sonnenstrahlen "die Winterkruste" schmelzen lassen. 
Frühjahrsverkünder sind unsere Ganz-Jahres-Singvögel. Am fleißigsten ist der Zaunkönig, der mit einer unwahrscheinlichen Ausdauer und Stärke sein Lied erschallen lässt. Schon sehr früh am Tag und bis abends spät lässt er sein Trillern laut schmetternd ertönen. Blau- und Kohlmeisen beginnen den Tag ein klein wenig später, warten auf Sonne und sind schon mit dem Vor-Nestbau beschäftigt. Ein bisschen Moos in den Nistkästen bedeutet: "Seht her - das ist mein Haus!" 
Ein wenig lebhafter geht es in den Gärten und Dünen zu, wenn die gefiedrten Sommergäste eintreffen, bzw. auf ihrem Flug in den Norden auf der Insel rasten. 
Das ist ein Geflatter und Gezwitscher, Stare in großen, dunklen Schwärmen, Buchfinken - Leckeres pickend - auf dem Rasen, in ihrem Gefolge die bunten Bergfinken und einige Grünfinken. Gleichzeitig in den Wiesen und auf dem Deich die farbenfrohen Stieglitze (Distelfinken) und unter den Bäumen und im Dickicht Rotkehlchen und Heckenbraunelle. An den Baumstämmen klettern und flattern die winzigenGoldhähnchen. Bachstelzen sind auch schon eingetroffen und überprüfen im wellenförmigen Flug die in Frage kommenden Nistplätze. Rotdrosseln überfliegen mit ihren Artgenossen in Scharen die Insel, einige Drosseln bleiben hier, so wie die Singdrossel, die an schönen Tagen ihre Liedfolge von hoher Warte erschallen lässt. Bluthänflinge verschönen den Frühlingstag mit ihrem Gesang. Noch sind nicht alle Zugvögel eingetroffen, doch mit jedem Tag mehr wird das Leben in der Natur lebhafter. 
Auch die Waldohreule freut sich, wenn die Tage wärmer werden und hofft auf eine mäusereiche Zeit. In den Wassergräbern und Garteneteichen tummeln sich die Frösche und legen ihren Laich zwischen den Wasserpflanzen ab. Die Vogelkundigen unter den Lesern werden jetzt vielleicht denken: "Den und den Vogel hat sie vergessen" - Vergessen nicht, aber wenn ich sie alle aufzähle, wird ein Buch daraus. Das Frühlingserwachen beginnt nicht nur in den Dünen, sondern auch am Inselrand, am Watt. Darüber schreibe ich dann ein anderes Mal. Jetzt freue ich mich halt erst mal über jeden Frühlingstag, auf wärmere Tage und dann können auch all die anderen Sänger und die Schwalben kommen. 

Bärbel Nannen 
Die Inselglocke Baltrum 1-2000