Aus Baltrums Tierwelt

Der Osterhas 

Das Telefon klingelte: „Hier Osterhase. Was kann ich für sie tun?" 
„Dok, dok, dok, dok!" klang es aufgeregt vom anderen Ende der Leitung. 
„Wie bitte?" sagte der Osterhase, „ich kann sie nicht verstehen. Würden sie bitte etwas deutlicher sprechen!" 
Noch ein kurzes Dok und dann bekam das Gesagte endlich eine verständliche Struktur: 
„Eine Katastrophe, eine furchtbare Katastrophe!" „dokte" es durch die Leitung, „gleich zwei auf einmal! Das ist nicht nur ein entsetzliches Unglück, das bringt auch unseren Arbeitsplan völlig durcheinander. Wir werden unseren Vertrag nicht einhalten können!" gackerte die Henne und allmählich schwante dem Osterhasen worum es ging. 

„Wie ist es passiert?" fragte er gepresst - weniger aus Anteilnahme als aus Sorge um seinen Auftrag. Osterhasen sind Geschäftsleute. Da bleibt nicht viel Platz für Sentimentalität! Die Konkurrenz schläft nicht und wenn es bei „seinen" Hennen eine Schwachstelle gab, einen Bauern, der allzu gerne Hühnerfleisch aß oder natürliche Feinde wie Fuchs oder Habicht, dann musste er das unbedingt wissen und sich beizeiten nach einem anderen Stall umsehen. 
„Letzte Nacht kam der Fuchs und heute Morgen der Bauer!" jammerte die Henne. „Wir haben getan, was wir konnten, um die Katastrophe zu verhindern, aber es hat nichts genützt!" 

„Was werdet ihr schon getan haben außer gackern und Flügel schlagen", dachte der Osterhase nicht ohne eine Spur Geringschätzung. Andererseits wusste er sehr genau, dass seine eigene Spezies nicht einmal das konnte. Sie hatten ähnliche Feinde wie die Hühner aber sie konnten nicht einmal Lärm machen, um ihre Gegner zu erschrecken. Hasen, Osterhasen eingeschlossen, können nur abhauen! 
Er vermied es, diesen Gedanken zu vertiefen und widmete sich wieder der Henne am anderen Ende der Telefonleitung. 
„Wie weit seid ihr mit der Arbeit?" fragte er und bemühte sich, nicht übermäßig barsch und geschäftsmäßig zu klingen. 
„Uns fehlen noch 20 Paletten"; klagte das Huhn, „ und ohne die beiden Routiniers schaffen wir bis zum Abgabetermin höchstens noch 15!" 
Fünf Paletten zu wenig! Des Osterhasens Gehirn lief auf Hochtouren: Bis Ostern waren es nur noch vier Wochen, das bedeutete, in drei Wochen mussten alle Eier bei den Verteilern sein, bei seinen zahlreichen Hilfsosterhasen. 
Jetzt noch Ersatzhennen ausfindig zu machen, schien ihm unmöglich. Er musste sich wohl oder übel eine andere Lösung überlegen. 

Also, da waren als erste die ungezogenen Kinder von Familie Meyer aus Krusenbüttel, die, sobald sie alle Eier gefunden hatten anfingen, damit Fußball zu spielen. Angesichts dieser Lümmel fragte er sich seit Jahren, wozu sie sich eigentlich die ganze Arbeit machten. Die mussten dieses Jahr mit einem Ei pro Kind statt mit vieren auskommen. 
Die Kinder der Schmidt-Mühlensteins brauchten auch nur jeder eins. Sie mochten gar keine Eier und es war nachgerade grausig mit anzusehen, wie sie bei jedem Ei, das sie fanden, verächtlich die Nase rümpften. Eine undankbare Bande, die immer nur an Schokolade dachte! 
Der Osterhase ging sorgfältig alle seine Kunden durch und fand nach und nach genügend Familien, die gut und gerne mit weniger Eiern als in den vergangenen Jahren auskommen konnten. Am Ende seiner Überlegungen und Berechnungen hatte er sogar Eier übrig und er beschloss, sie den Kindern zu geben, die sich all die Jahre sichtlich über buntbemalte Eier gefreut hatten. 

Der Osterhase war zufrieden mit sich und seinen Entscheidungen. 
„Wer weiß, wofür es gut ist?!" sagte er laut und merkte erst jetzt, dass er noch immer den Telefonhörer in der Pfote hatte.! 
„Wie bitte?" gackerte die Henne am anderen Ende der Leitung. 
„Es geht alles klar", antwortete der Osterhase, „ihr macht weiter wie bisher und liefert, was ihr schafft." 
„In Ordnung", sagte die Henne, „aber wir legen heute Abend und morgen früh eine Gedenkminute ein. Das sind wir den beiden schuldig!" 
Dem Osterhasen war es recht. Für ihn war das Problem gelöst. 

Und der Bauer? 
Der wusste nichts von alledem. Er war verärgert über den Fuchs, aß aber dennoch genüsslich das von ihm geschlachtete Huhn. 
Der Osterhase kam schon lange nicht mehr zu ihm und so hatte er bereits vor Jahren aufgehört, an diesen Unsinn zu glauben. 

Ulrike Unger, NPH Baltrum 

Die Inselglocke Baltrum 1-2000