DGzRS

Baltrum bekommt eine Rettungsstation

"Männer, hört mal, was ich Euch zu sagen habe!" So beginnt der damals 42-jährige Georg Breusing seine Rede, als er auf der Insel Baltrum eine Rettungsstation ins Leben rufen will.
Der Zollinspektor, der sich schon seit einigen Jahren mit dem Gedanken getragen hatte, in Ostfriesland die Rettung von in Seenot Geratenen zu ermöglichen, gründete zusammen mit einigen Gleichgesinnten 1861 in Emden der "Verein zur Rettung Schiffbrüchiger" in Ostfriesland.

Er berichtet, dass auf den Nachbarinseln schon Ruderrettungsboote stationiert worden und die Mannschaften mit Freude bei der Sache seien.
Den Baltrumer Männern, darunter Pastor Gerhard Renken, Inselvogt Heinrich Janssen Küper und die beiden Zollbeamten, dankt Breusing für die mutigen Rettungstaten, die in den vergangenen Jahren die Schiffbrüchigen überleben ließen.
Das Für und Wider eines Rettungsbootes wird lebhaft diskutiert. Wer hat Zeit, sich um Boot und Ausrüstung zu kümmern? Fast alle Männer fahren zur See und sind monatelang von der Insel fern.
Die Wirtin der einzigen Wirtschaft Baltrums muss ordentlich Bier heranschaffen für die vom vielen Reden durstigen Männerkehlen.
Nun ergreift der Vogt das Wort: Seine Rede überzeugt!
Bald steht die Mannschaft - mehr als zehn Männer sind bereit, der Nordsee, der Mordsee, jedes Opfer um Baltrum herum abzuringen.
Heinrich Oltmann wird Vormann, der Zollassistent (Grenzaufseher) Henneke übernimmt den Vorsitz des Ortsausschusses. Beide Männer sind für die stete Einsatzbereitschaft des Bootes verantwortlich.
Ein Boot muss her! Ein Rettungsschuppen muss gebaut werden!
Breusing stellt das Boot vor: Es ist ein Rettungsboot vom Typ Francis, Länge etwa 6,40 Meter, ausgestattet mit fünf Riemen (Rudern). Es ist aus Eisen gebaut und hat große Luftkammern. Dazu kommt ein Bootswagen aus Holz mit großen Rädern.
Wo soll der Rettungsschuppen hin? Jeder macht Vorschläge. Ins Westdorf, nahe dem Strande oder ins Ostdorf, sodass das Boot schnell zur Reede gebracht werden kann? Sandwehen dürfen auch bei starkem Sturm und Sandflug den Transport des Bootes nicht erschweren.
Der Vogt des Eilandes hat ein wichtiges Wort. Er besitzt das einzige Pferd auf der Insel.
Langsam löst sich die Versammlung auf.
Eine Besichtigung bringt am folgenden Tag Klarheit: Der Rettungsschuppen wird vor dem Ostdorf gebaut. Der Weg ans Wasser ist bis zur Reede kurz.
Man geht in der Überzeugung auseinander, in der Zukunft noch besser Seeleuten in Not helfen zu können.
Niemand ahnt zu dieser Stunde, noch in jenem Jahrhundert 25 Menschen der See zu entreißen, oft unter Einsatz des eigenen Lebens, ohne Gedanken an die eigene Familie und sich selbst.

Heino Comien

Die Inselglocke 1-2001