Ostern

Ein Ei kommt selten allein

Ein markerschütterndes Gegakel erfüllte den Hühnerstall in aller Herrgottsfrühe und alle Hennen, die noch friedlich geschlafen hatten, waren schlagartig wach.
Es war Ende Februar und frostig kalt, aber die Gakelhenne, die für den Lärm verantwortlich war, gackerte freudig erregt und unbeirrt:
„Mädels, aufwachen, es wird Frühling. Bald ist Ostern und wir müssen  Eier legen!", und dabei zeigte sie voller Stolz auf ein wohlgeformtes, hellbraunes Ei, das sie soeben hervor gebracht hatte, das erste in dieser Saison. Es war sogar das erste in ihrem Leben, denn sie war erst etwas spät im letzten Sommer geschlüpft und bis zum Herbst nicht mehr zum Legen gekommen.

„Ach du Schande, jetzt geht das wieder los!", stöhnte eine der älteren Hennen, die schon abgeklärter Profi war in Sachen Frühlingserwachen und Ostern. Es war nicht ganz klar, ob sie das Eierlegen meinte oder die unverhüllte Freude und Erregung der Jüngeren. 
„Hast du schon mit dem Osterhasen telefoniert?", richtete sich die stallälteste Henne verschlafen gähnend an die Osterhasen-Kontakt-Henne, die gerade vor einer Woche neu gewählt worden war.
„N-nein", stotterte diese, so, als wäre sie bei einer unverzeihlichen Unterlassenssünde ertappt worden. Weil es dunkel war, konnte niemand sehen, dass sie rot anlief. Sie war noch unerfahren und wollte ihre Sache gut machen.

„Könnt ihr nicht ruhig sein?", brüllte der Hahn dazwischen, „es ist mitten in der Nacht!"
Aus allen Ecken des Stalles erscholl aufgebrachtes Gegakel.
Es war zwar mitten in der Nacht, aber was ging den alten Schreihals ihr Problem an?! Schließlich konnte er keine Eier legen und wenn sie, wie letztes Jahr, wieder in Stress gerieten, weil irgendetwas schief ging, wäre er der letzte, der ihnen helfen könnte. Wenn er so schwache Nerven hatte, sollte er doch draußen schlafen!

Die Henne, die soeben das Ei gelegt hatte, war wirklich sehr aufgeregt und gab keine Ruhe.
„Ihr könnt doch jetzt nicht schlafen!", gackerte sie, „wir müssen anfangen zu legen. Endlich ist es so weit!"
„Willst du etwa behaupten, du könntest gleich noch einmal legen?", fragte eine andere Henne äußerst skeptisch, wenn nicht gar ironisch, denn außer ein paar jungen Heißspornen wusste jede hier im Stall, dass die nächste Zeit bis Ostern keine Zeit der Freude, sondern eine Zeit der unsäglichen Plackerei sein würde. Das beste, was sie im Augenblick tun konnten, war, sich ordentlich auszuschlafen.
Außerdem fühlten sich noch gar nicht alle bereit. Schließlich konnte niemand der Natur ein Schnippchen schlagen. Es war alles eine Frage der Hormone und die würden sich schon rechtzeitig melden.
Und was die junge Henne betraf: Zwei Eier hintereinander ging nun wirklich nicht, aber so lief das immer mit den Erstlegerinnen!

Allmählich legte sich der frühmorgendliche Tumult im Hühnerstall wieder. Nicht, dass alle Hennen und der Hahn zu schnarchen anfingen. Hühner schnarchen nicht; aber hier und da hörte man bald ein leises Säuseln und ab und zu ein zufriedenes, schläfriges Gagaga.

Ulrike Unger, NPH

Die Inselglocke 1-2001 

Die Inselglocke Baltrum