Als ich der Nacht trauen lernte

 

Ein österlicher Morgenspaziergang im Sommer

erlebt auf der Insel Baltrum am Samstag, 7. September 2002

von Josef Haselberger

 

Es war das Ende der vorletzten Nacht auf Baltrum. Ich war noch früher aufgewacht als sonst. So gegen 4.30 Uhr morgens.

Wie des öfteren begab ich mich ins Spielzimmer um zu schreiben. Diesmal entstand ein Brief an John und Mary, meine Freunde in England, denen ich sehr lange nicht mehr geschrieben hatte. Gegen 5.30 Uhr war ich fertig. Was nun?

Sollte ich mich trauen einen Morgenspaziergang zu machen?

Es war noch stockdunkel draußen.

Ich wagte mich vors Haus und blickte zum Himmel. Es war eine sternklare Nacht. Ich erfreute mich an tausenden funkelnder Sterne. Spärlich leuchtete der Mond durchs Dunkel des noch schlafenden Morgens.

Da waren meine Füße schon unterwegs...

in die Nacht hinein.

Es dauerte eine Weile, bis meine Augen im Dunkeln ein wenig sehen konnten. So hing mein Blick zunächst am Sternenhimmel. Staunend tastete ich mich vorwärts.

Der schmale befestigte Weg führte mich in Richtung der Salzwiesen am Ufer des Wattenmeeres. Schilfgräser bewegten sich leicht im Wind. Nichts sonst regte sich.

Es war still - absolut still.

Kein Mensch weit und breit. Noch kein Tier zu sehen.

Ließen nicht doch einige Vögel schon ihre Stimmen vernehmen?  ... Ich weiß es nicht mehr...

Kleine grasbewachsene Dünenketten tauchten zu meiner Linken auf - oben ein großes Haus. Alles noch dunkel. Kein künstliches Licht. Langsam habe ich mich ans Dunkel gewöhnt. Zusehends mutiger wagte ich fester werdende Schritte in die Nacht hinein...

Da durchbrach auf einmal grelles Licht die Idylle der Naturerfahrung.

Ich war an den beiden Häusern am Zeltplatz angelangt. Auch hier ruhte noch alles. Der Zeltplatz schlief.

Kein menschlicher Laut war zu hören.

Ich ging ein Stück in die Salzwiesen hinein. Meine Schuhe wurden ein wenig feucht, benetzt vom Tau des erwachenden Morgens. Ich atmete den leicht salzigen Duft und streckte meine Arme zum Himmel empor.

"Danke! Mein Gott! Schöpfer der Natur, die ich bisher so wenig ergründet habe, die mich manchmal durch ihre Kraft und Gewalt erschreckt und oft staunen lässt wegen ihrer geheimnisvollen Schönheit!"

Bald darauf ging ich zurück zum Zeltplatz. Ich suchte und fand einen Weg drum herum, denn ich wollte niemanden wecken - so früh am Morgen. Ich schätze, dass es inzwischen etwa 6.30 Uhr geworden war.

So ging ich ein kleines Stück zurück und folgte dem kleinen Pfad, der sich auf der Innenseite der Dünenkette entlang schlängelt. Dabei sah ich die ersten Feldhasen hoppeln und blitzschnell in ihren Erdhöhlen verschwinden. Ich folgte dem Pfad nach links ins Landesinnere des unbebauten Teils der Insel.

Der Weg wurde wieder breiter. Schilfgras säumte ihn auf beiden Seiten. In den kleinen Gräben neben dem Weg floss oder stand gemächlich modriges Moorwasser.

Da war auf einmal der Weg belebt. Mehrere kleine Feldhasen - braun, grau und schwarz - lauschten im Morgengrauen. Wenn ich stehen blieb, so bleiben sie auch hocken. Doch sobald ich einige Schritte ging, witterten sie mich und sausten in Windeseile ins Feld nebenan, um sich zu verstecken.

Ich wanderte bedächtig und schauend aufs Meer zu. Jetzt war der Weg gepflastert und wirkte auf mich wie eine Fußgängerautobahn mitten in den Dünen. Völlig im Kontrast zur ansonsten weitgehend unberührten Landschaft: Paradies für Vögel und Hasen. Hügelauf und hügelab trugen mich meine Füße zur Dünenkette am Strand.

Ich blickte hinaus aufs Meer. Inzwischen war es hell geworden.

Ich sah, dass das Meer sich gerade weit zurückgezogen hatte vom Land. Die Ebbe lenkte meinen Blick auf viele kleine Priele und unzählige kleine Muscheln im festen Sand am Strand.

Eine leichte Brise wehte vom Meer herüber.

Dann ging ich hinunter an den Strand. Ich spürte den festen Sand unter den Füßen. Ich zog die Schuhe aus und lief barfuß eine Weile am Meersaum entlang Richtung Westdorf. Einmal wandte ich mich kurz um. Da sah ich den glühend roten Feuerball, der am Horizont aufgestiegen war.

Die Sonne war aufgegangen.

Und ich hatte nur bemerkt, dass es hell geworden war.

Für Minuten wurde ich ganz in den Bann dieses Naturschauspiels am Himmel gezogen. Die orangerot leuchtende Sonne kletterte immer weiter am Himmel empor. Sie strahlte mich an mit ihrem gewaltigen Leuchten. In diesem Moment fühlte ich mich frei und glücklich.

Dankbar verweilte ich an meinem Platz für einige Augenblicke.

Nun war ich froh, dass ich mich getraut hatte, durch die Nacht zu gehen dem erwachenden Morgen entgegen.

Ich fühlte mich reich beschenkt durch die Erfahrungen auf meinem Weg. Ich verkostete den geschenkten Augenblick am Strand.

Dann wandte ich mich wieder um und ging freudestrahlend heimwärts.

Die Inselglocke Baltrum 1 - 2004