Seelsorger

 

Jupp Flockert weiß bestens Bescheid

 

Jupp Flockert schiebt einen Briefumschlag zu Elke Sieksmeyer hinüber. Sie guckt ihn fragend an. "Eine Spende, für unsere Kirche", sagt er lakonisch. Und die Gemeindereferentin wundert sich überhaupt nicht, dass ein großzügiger Urlauber eine stattliche Summe direkt bei dem Gastwirt abgegeben hat. Jupp Flockert vertritt St. Nikolaus auf Baltrum, Außenstation der Norder St.-Ludgerus-Gemeinde, nicht nur den dortigen Kirchenvorstand. Er managt auch für das katholische Leben auf der kleinsten der ostfriesischen Nordseeinseln. "Manche sagen, ich sei der heimliche Pfarrer", sagt der 65-Jährige und schmunzelt. Zumindest weiß er bestens Bescheid. Und so steuern die Kurseelsorger nach der kurzen Überfahrt mit der Fähre oft nicht zuerst das Pfarrhaus, sondern sofort den Gasthof "Zum Seehund" an. Denn dort steht Flockert hinter der Theke und erzählt ihnen alles, was sie für Urlaub und Gottesdienste auf Baltrum wissen müssen. "Vor allem, dass sie nicht zu lange predigen sollen", sagt er und grinst.

Dabei stammt Flockert, der eigentlich Josef heißt, aber viel lieber "Jupp" genannt werden möchte, gar nicht von der Nordseeinsel, sondern aus dem Ruhrgebiet, aus Oberhausen. Nach 37 Jahren auf Baltrum aber ist das kleine Eiland längst Heimat geworden - in den "Pott" zieht ihn nichts mehr zurück. "Ich will hier alt werden", sagt er und lehnt sich im gemütlichen Wohnzimmersessel behaglich zurück. "Hier ist die Welt noch in Ordnung".

Ein glücklicher Zufall hatte ihn Mitte der sechziger Jahre nach Baltrum geführt. Nach einer Lehre bei der Post, die er selbst als "Notlösung" betrachtete, schlug er den Weg in die Gastronomie ein. "Das ist mein Traumberuf. Ich muss mit Leuten zu tun haben. Man lernt nirgendwo besser Menschen kennen, als an der Theke", erzählt er. Da wird er zuweilen sogar zum "Beichtvater". Nach einer Zwischenstation als Wirt in einem Lokal nahe der Lingener Kaserne landete er 1966 auf Baltrum. "Mit Kaffee und Linsensuppe haben wir eröffnet, das weiß ich noch genau."

Damals galten die Flockerts fast als Exoten auf der Insel. "Anfangs waren wir fast die einzige katholische Familie auf Baltrum. Unsere drei Töchter sind in einem Buch als echte Diaspora-Kinder verewigt." Da die Gastwirtschaft ihn in der Saison stark forderte, fehlte zunächst die Zeit für eine stärkeres Engagement in der Kirche. Seit klar ist, dass Tochter Martina den "Seehund" übernimmt, kann sich Jupp Flockert langsam aus dem Geschäft zurückziehen. Und sich mehr in der Gemeinde einsetzen. Was er alles macht? "Ich bin hier der katholische Entertainer", sagt er ebenso trocken wie amüsiert. Er sitzt im Kirchenvorstand, ist Lektor und Wortgottesdienst-Leiter für werktags und sonntags. Wenn Kurseelsorger oder Urlauber Fragen rund um die katholische Kirche haben, kommen sie zu ihm. Bei Jupp Flockert laufen viele Fäden zusammen, konzentriert sich katholisches Leben auf Baltrum.

Warum er das tut?

Er zuckt die Schultern, will seine Arbeit nicht groß begründen, hält sie für selbstverständlich. Sicher ist es auch seine Gabe, zu planen und zu organisieren, Kontakt mit Menschen zu haben und mitzumischen - Verantwortung zu übernehmen. Denn die Kirche ist nicht sein einziges Aufgabengebiet. Er sitzt zum Beispiel im Vorstand der örtlichen CDU, war lange Jahre Vorsitzender des Baltrumer Hotel- und Gaststättenverbandes und wirbt nun mit nun mit Kurverwaltung und Werbegemeinschaft auf Messen für alle ostfriesischen Inseln. Da redet er mit seinem Team schon mal Tacheles. Und er steht mit Leidenschaft auf der Inselbühne, hat für sein 35-jähriges Theaterspiel längst die Ehrennadel ans Jackett bekommen. "Da hab' ich alles schon gespielt - auch einen Franziskanerpater."

Und kaum jemand wird daran zweifeln, wie überzeugend der Gastwirt den frommen Ordensmann verkörpert hat.

 

Petra Diek-Münchow

02.11.2003

Die Inselglocke Baltrum 1 - 2004

St. Nikolauskirche auf Baltrum

Foto: Simon