Dornröschen

 

Liebe Insel

 

Vor fünf Jahren habe ich dich zum erstenmal entdeckt. Du kleines Eiland, „die Perle des Nordens", oder wie dich die Insulaner liebevoll nennen; „Dornröschen der Nordsee". Mein Paradies: du schönste aller Schönen, meine Insel Balt­rum.

Zurückhaltend, einfach und ruhig, dennoch nicht verschlafen und langweilig liegst du da, eingebettet zwischen deinen Geschwistern Norderney und Langeoog, wartend auf die Menschen, die dich schätzen und lieben gelernt haben. Baltrum, du bist die Kleinste, aber für mich die bezauberndste, ostfriesische Insel. Knapp fünf Kilometer lang, einen Kilometer breit, beheimatest du nur fünfhundert Seelen. Alles liebe, offene und freundliche Menschen­.

Einmal im Jahr komme ich für eine Woche zu dir. Ich muss dich sehen. Ich brenne darauf, auf deinen breiten einla­denden Stränden spazieren zu gehen, in deinen weiten Dünen auszuspannen, stets die kristallklare Nordseeluft einat­mend.

Zurückhaltend und still. Kein Autolärm stört die Ruhe. Auf den schmalen Terrakotta-Straßen fahren nur Pferdefuhr­werke und Fahrräder. Idylle pur. Immer, wenn ich bei dir bin gebe ich mich der Illusion hin im vorigen Jahrhundert zu sein.

Durch das große Naturschutzgebiet Wattenmeer wandern, die Vögel beobachten oder einfach nur da sitzen der Stille lauschen, Wolken zählen, innere Einkehr halten, die Natur bewusst wahrnehmen und verstehen. Weg von der täglichen Hektik, von dem Lärm und Autoabgasen. Mit sich alleine sein.

Selbstverständlich komme ich zu dir ökologisch verträglich mit der Bundesbahn, dich vom Weiten ahnend und um­armend. Schon die Anreise erfüllt mich mit der fieberhaften Erregung. Es ist mir unmöglich ruhig zu bleiben, wenn bekannte, vertraute Wahrzeichen in der Landschaft auftauchen von mir erkannt werden und an mir vorbeirauschen.

Wenn ich dann mit der Fähre übersetzend das vertraute Panorama sehe, kann ich kaum meine Freude bändigen. Hin­ter dem Damm ducken sich die niedrigen Häuser aus roten Ziegelsteinen. Der Wind drückt den Strandhafer auf den Dünen platt und die Möwen segeln kreischend vor der Küste. Dann weiß ich: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein! Wind in den Rücken, Sonne im Gesicht!

Bei dir da gibt es kein protziges und mondänes Getue. Bei dir haben die Menschen nicht die architektonische Sünde der Hochbauten und Bettenburgen begannen.

Die dringendsten Einkäufe lassen sich im Dorfsupermarkt erledigen. Post, Bank, Dorfschule und noch drei bis vier weitere Läden schmücken dein Zentrum. Das kulturelle Leben spielt sich in der einzigen Turnhalle ab. Hier kann ich auf der Inselbühne die hollywoodreifen Theaterstücke genießen. Für wenig Geld kann ich die alten Kinoschinken oder auch die neuesten Hits sehen.

Ich liebe es am Dorfleben teilzunehmen, bei den Feuerwehrfesten dabei zu sein oder den Konzerten des inseleigenen Chiantichors (also Shantychor, Anm. der Red., aber das ist zu schön!) und der Baltrumer Gitarrengruppe.

In dem Wellenbad kann ich entspannen und danach bei einer guten Tasse Tee und Waffeln den spielenden Kindern zusehen.

Alle diese charakteristischen Merkmale tragen dazu bei, dass du einen Besuchern einen Urlaub der ganz besonderen Art anbieten kannst.

Auch an stürmischen Tagen, wenn du mir dein wütendes Gesicht offenbarst, wenn der Wind mir Sand ins Gesicht bläst, wenn die schwarzen Wolken sich drohend über dem Wasser aufbäumen und schaumgekrönte Wellen sich wäl­zend dem Ufer nähern, um dort mit lautem Getöse zu brechen, ja auch dann, wenn man in Ehrfurcht vor der Natur erstarren kann, auch dann liebe ich dich, meine Insel, und fühle mich bei dir geborgen.

Wenn dann nachts auf der ganzen Insel die Lichter ausgehen, die Ruhe einkehrt und nur das Kreischen der Möwen und das Plätschern der Wellen zu hören ist, liege ich ganz still in meinem Bett und danke Gott für dieses wunderbare Geschenk.

 

Vera Lange, Köln

 

 

Es ist die schönste Insel, die ich je gekannt,

mit reichen, fremden Märchenleben.

Mohnblumen, Klee und Löwenzahn leuchten am Rand,

der Wind trägt leichten Salzgeruch ins Land.

Hasen und Fasane trinken abends in den Gräben.

Der Strandhafer am Deich wiegt sich im Wind,

am Himmel jagten Wolken sich geschwind.

Auf der Koppel grasen friedlich Pferde,

die Luft schmeckt nach Meer und feuchter Erde.

Die Sonnenstrahlen fallen schimmernd durch die Bäume

und am Horizont sehe ich meine Urlaubsräume.

 

Rotgekachelt, freundlich winkt das Haus mir entgegen,

der Anblick, oh Herz was willst du mehr,

erfüllt mich mit Leben.

Nur für ein paar kurze Sommertage

bin ich glücklich auf dieser Insel, diesem Sahnekuchen,

und doch weiß ich: Ist im nächsten Jahr der Urlaub nah,

so werd' ich wieder nach der Insel suchen.

 

Vera Lange

Die Inselglocke Baltrum 1 - 2004