Die Gezeiten (von Klaas Beck u. Heino Comien) 

(Baltrum, d. 17.03.1999) 

Wieder und wieder wird von meinem Chef die Frage gestellt: "Warum kommt heute die Post so spät?" Eines Morgens sagte ich ihm:" Daran ist der Mond Schuld!" Betretenes Schweigen. Nun kommt das Donnerwetter - nein, es folgt eine knappe Erklärung. Das Eintreffen der Post ist von der Ankunft der Fähre abhängig. Die Fahrzeiten des Schiffes richten sich nach den Gezeiten. 
Nicht nur der Transport der Post wird von Ebbe und Flut beeinflusst, dass ganze Leben richtet sich auf den Inseln aber auch in den Siel-Orten und Festlandshäfen nach diesem Naturwunder. 

Zum Beispiel richten sich Zeitunglesen, Baden im Meer, Kauf von Frischwaren nach den Gezeiten. Für die Urlaubsplanungen und Seminarbesuche drüben wie hüben gilt: zuerst einmal einen Blick in den Schiffsfahrplan werfen. Aber auch die Arbeiten an Uferschutzanlagen wie Buhnen, Deichen, Sielen in den Häfen und an den Strandmauern sind von Ebbe und Flut beeinflußt. 

Merken wir uns: Schiffsfahrten und Baden im Meer bei auflaufendem Wasser, dieser Zeitraum wird Flut genannt. Wattwandern und Gänge zu den Sandbänken bei ablaufendem Wasser, der als Ebbe bezeichneten Zeitspanne. Hochwasser ist der Zeitpunkt, an dem die Flut endet, also der höchste Wasserstand erreicht ist. Ist die Ebbe vollendet, sprechen wir vom Niedrigwasser. 

Wie kommt es nun zum Naturwunder der Gezeiten? 
Die Kräfte des Mondes ziehen die Wassermassen an und verursachen die Bildung eines Anziehungsberges. Diesem Anziehungsberg steht auf der dem Mond abgewandten Seite der Erde ein Fliehkraftberg gegenüber. 

Wie entsteht nun dieser Fliehkraftberg? 
Erde und Mond drehen sich um eine gemeinsame Achse, die zwischen Erde und Mond liegt. Durch diese Drehung umeinander, die aber besser die Bezeichnung "eiern" verdient, entsteht auf der dem Mond gegenüberliegenden Seite der Erde ein Fliehkraftberg. 
 
Auch die Masse der Sonne hat über die Entfernung hinweg Einfluss auf die Wassermassen der Erde. Stehen Sonne und Mond auf einer Linie, was bei Vollmond und Neumond der Fall ist, verstärken sich die Kräfte, die auf das Wasser einwirken. Das Hochwasser fällt höher aus als sonst und auch das Niedrigwasser ist niedriger. Wir sprechen von einer Springtide
 
Wenn Sonne und Mond in einem Winkel von 90° zueinander stehen, also bei Halbmond, dann ziehen die beiden Himmelskörper das Wasser in unterschiedliche Richtungen. Dadurch ist der Hochwasserstand niedriger und der Niedrigwasserstand höher als zu anderen Zeiten. Dieser Umstand wird auch Nipptide genannt. Erklären lässt sich der höhere bzw. niedrigere Wasserstand dadurch, dass die Wassermenge der Erde immer gleich ist. Wenn wir also an dem einen Punkt der Erde mehr Wasser als sonst haben, so muss dieses Wasser von einem anderen Punkt gekommen sein. Demzufolge haben wir dort auch weniger Wasser und dadurch auch einen niedrigeren Wasserstand. 
 

Wie kommt es nun zu Hoch- und Niedrigwasser? Die Wasserberge liegen in einer Linie zum Mond, also immer an der gleichen Stelle. Jetzt kommt zum Tragen, dass die Erde sich in 24 Stunden einmal um sich selbst dreht, das heißt, die Erde dreht sich durch die Wellenberge. Dadurch haben wir zwei mal am Tag Hochwasser. 

Warum ist denn nicht jeden Tag zur gleichen Zeit Hochwasser? 
Das Problem ist, dass hier gleich zwei verschiedene Zeiten zum Tragen kommen. Die Erde "geht" nach der Sonne und das Wasser "geht" nach dem Mond. Dadurch dass der Mond 28 Tage für einen Umlauf um die Erde benötigt, legt der Mond pro Tag 1/28 der Wegstrecke zurück. Das heißt, wenn heute auf Baltrum um 12.00 Uhr Hochwasser wäre, dann ist morgen um 12.52 Uhr Hochwasser, weil die Erde sich dem Mond noch etwas hinterherdrehen muss damit Mond und Wasserberg wieder genau über Baltrum stehen. Deshalb dauert eine Tide, also der Zeitraum von einem Niedrigwasser zum nächsten Niedrigwasser, auch 12 Stunden und 26 Minuten. 

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor für die Höhe des Wasserstandes ist der Wind. Dabei sind die Windrichtung, die Zeitdauer und die Windstärke von Bedeutung. Für Baltrum hat der Wind aus nordwestlichen Richtungen zur Folge, dass das Wasser von der nördlichen Nordsee in die Deutsche Bucht gedrückt wird und dadurch der Wasserstand erhöht wird. Bei östlichen Winden wird das auflaufende Wasser zurückgedrängt, was niedrigere Wasserstände zur Folge hat. Die Auswirkungen von Spring- und Nipptiden auf den Wasserstand können durch den Wind extrem verstärkt oder auch abgeschwächt werden. 

Heino Comien, Klaas Beck, 

Die Inselglocke 1-1999 

Die Inselglocke Baltrum