Keine Spuren im Sand  

- die Weichtiere auf der Insel Baltrum leben im Verborgenen

Karsten Lill, Inselglocke 1/99 

Was läuft dem Baltrum-Freund über den Weg, wenn er auf den ihm zugewiesenen Pfaden die Insel durchstreift? Oberflächlich betrachtet sind das die allseits beliebten Fasanen, die Kaninchen, die Haubenlerchen, die Seevögel, die ihn überall begleiten. Auf dem Weg zur Insel begeistern uns die Seehunde im Flachwasser des Watts. Am Strand lassen wir uns beeindrucken von den vielfältigen Lebensformen, die das Meer anspült. An jedem Ort der Insel ist das Meer gegenwärtig und es wird deutlich, daß dieser Lebensraum nicht existierte, wenn nicht das Meer ihn geschaffen hätte und ihn stetig beeinflußt und verändert. 

Und doch ist der Boden, den wir auf der Insel unter den Füßen haben, mittlerweile fest, und bietet Pflanzen und Tieren Lebensraum, der nach den ökologischen Ansprüchen als terrestrisch, bzw. - wegen ausgedehnter Süßwasservorkommen im Untergrund - als limnisch zu charakterisieren ist. Erst diese Lebensräume machen Baltrum so liebens- und lebenswert und ohne sie würden wir - ehrlich gesagt - auf dieses „Sandfatt" in der Nordsee höchstens Expeditionen oder Hungerkünstler schicken. 

Im Laufe der jüngsten Erdgeschichte (vgl. Inselglocke Nr. 1, 1998) differenzierten sich Biotope auf der Insel, auf die seit 600 Jahren der Mensch direkten Einfluß hat. Seit etwa 150 bis 200 Jahren - mit zunehmender Perfektionierung der Inselschutzbauten - hat dieser menschliche Einfluß auf die Flora und Fauna der Insel die Bedeutung der marinen Dynamik überrundet, oder ist ihr zumindest ebenbürtig. 

Pflanzen und Tiere im Lebensraum „Wattenmeer und Düneninsel" sind heute wegen der weltweit einmaligen Ausprägung und vergleichsweise geringen Flächenausdehnung sowie wegen der sehr komplizierten ökologischen Wechselbeziehungen zwischen den eng verzahnten marinen und terrestrischen Lebensräumen gegenüber zuwiderlaufenden Interessen geschützt. 

Ein Phänomen der Düneninseln ist, daß sie trotz ihrer Einmaligkeit in Bezug auf die Vielfalt bestimmter Organismengruppen, eine sehr hohe Anzahl von Arten beherbergen, die nahezu ausschließlich durch den Menschen dorthin gebracht wurden - entweder gezielt, oder häufig auch ganz unbewußt. Dies gilt besonders für die nicht gerade für ihre Mobilität bekannten Land- und Süßwasserschnecken und -muscheln. 

Die aktive Eroberung der früher nahezu vegetationsfreien, dann sich sukzessive begrünenden Insel scheidet für die landlebenden Weichtiere vollständig aus. Andernorts denkbare und realistische Verbreitungsmechanismen durch z. B. Wind oder strömendes Wasser sind ebenfalls nicht geeignet, die Besiedelung einer mehr als vier Kilometer vor dem Festland liegenden Insel zu erklären. Kleine Arten von Landschnecken und besonders Süßwassermollusken werden zweifellos von Vögeln verschleppt - der Großteil der Weichtierfauna auf der Düneninsel Baltrum verdankt seine Vielfalt allerdings der Siedlungstätigkeit der Insulaner, die zur Befestigung, zum Häuserbau und für Garten- und Viehwirtschaft bis heute große Mengen an Baumaterialien, Boden, Pflanzen, Saatgut und Tiere auf die Insel transportiert haben. 

Während Herr Nennen regelmäßig über die artenreiche Inselflora und ihre anthropochoren Besonderheiten berichtet, war es um die Kenntnis der an Artenvielfalt vergleichsweise unbedeutenden Gruppe der Weichtiere lange Zeit eher schlecht bestellt. 

Im Jahre 1915 veröffentlichte der vielzitierte Naturforscher Otto Leege seine weichtierkundlichen Untersuchungsergebnisse für die ostfriesischen Inseln. Im Bereich der Siedlungen auf Baltrum waren seit dieser ersten und über 80 Jahre lang einzigen gezielten Bearbeitung lediglich neun Landschneckenarten bekannt. Das bis dahin vollständige Fehlen von Süßwasserschnecken veranlaßte Leege zu dem fragwürdigen Experiment, in dem „Küper'schen Graben innerhalb der Vordünen westlich des Ostdorfes" sechs Arten von Süßwasserschnecken auszusetzen. 

Über die Baltrumer Binnenmollusken wurden seitdem keine weiteren Untersuchungsergebnisse veröffentlicht. Deshalb ist über die zeitliche und räumliche Entwicklung dieses Eingriffes nichts bekannt. Von den sechs ausgesetzten Arten kommt heute nur noch die Weißmündige Tellerschnecke (Anisus leucostoma) vor, die sich in alle Süßwasserbereiche der Insel verbreitet hat und - zumindest im Großen Dünental - häufig auftritt. Der „Küper'sche Graben" ist heute nicht mehr vorhanden. Der ehemalige Verlauf liegt im heutigen Mitteldorf und ist nur noch bedingt an feuchten Stellen in privaten Gärten zu identifizieren. 

Im Jahr 1997 wurde eine weichtierkundliche Untersuchung der terrestrischen und limnischen Biotope auf der Insel Baltrum vorgelegt (Lill (1997): Drosera '97(2): 71-86; Oldenburg). Dafür wurden alle Lebensräume auf der kleinsten ostfriesischen Insel nach Land- und Süßwassermollusken durchsucht: Gärten, Grünanlagen, Wäldchen und ruderalisierte Dünenbereiche in den Siedlungen, die Biotope der oberen und unteren Salzwiesen, die tertiären Grau- und Braundünen mit ihren Gebüschen und Gehölzen, die grundwassernahen feuchten bis nassen Dünentäler und die Sümpfe des Großen Dünentals. In allen Biotoptypen mit Ausnahme der primären und sekundären Weißdünen wurden Binnenmollusken nachgewiesen. 

Die Untersuchung ergab, daß auf Baltrum heute insgesamt 36 Arten von Binnenmollusken lebend vorkommen: 31 Landschneckenarten, 4 Arten von Süßwasser-/Brackwasserschnecken und eine Süßwassermuschelart. Ergänzende Untersuchungen während des verregneten, für Schneckenbeobachtungen ausgesprochen günstigen Sommers des Jahres 1998 erbrachten den Nachweis von zwei weiteren, auf der Insel bisher nicht bekannten Landschnecken, so daß auf Baltrum mittlerweile mit 38 Arten die höchste Artenzahl von Binnenmollusken für die niedersächsischen Düneninseln bekannt ist. 

Die Weichtiere kommen schwerpunktmäßig in den Gärten, Grünanlagen und Randbereichen der Siedlungen vor, die auch schon von Leege als besonders vielversprechend erwähnt wurden. Vergleichbar hohe Artenzahlen und ein ähnliches Artenspektrum weist das naturnahe Große Dünental auf. 

Die extremen ökologischen Bedingungen in den stark marin beeinflußten Salzwiesenbiotopen erlauben es nur wenigen spezialisierten, mehr oder weniger amphibisch lebenden Binnenmolluskenarten, dort dauerhafte Populationen aufzubauen. In den Salzwiesen lebt die Marschenschnecke (Assiminea grayana) und die Wattschnecke (Hydrobia ulvae). In der Unteren Salzwiese lebt das Mäuseöhrchen (Ovatella myosotis) auf feuchtem Schlick in der Verlandungszone und ist hier sowohl Salzwasserüberflutungen als auch starken Schwankungen der Bodentemperaturen, der Salz- und Feuchtigkeitsgehalte und der Lichtverhältnisse ausgesetzt. In der Oberen Salzwiese lebt die Moos-Puppenschnecke (Pupilla muscorum) unter altem Holz und Pfählen. 

In den humussäurereichen Sumpf- und Röhrichtbiotopen und in den periodisch wasserführenden Gräben des Großen Dünentals konnten bisher nur drei Arten von Süßwassermollusken nachgewiesen werden: Die schon erwähnte Weißmündige Tellerschnecke (Anisus leucostoma), die Kleine Sumpfschnecke (Galba truncatula) und die Stumpfe Erbsenmuschel (Pisidium obtusale). 

In den Gärten, Grünanlagen, Wäldchen und Anpflanzungen der Siedlungen halten sich zahlreiche Kleinschnecken und Nacktschnecken unter Brettern, Steinen, Laub und Bodenstreu versteckt und sind doch typische und häufige Vertreter der von den Insulanern unabsichtlich auf ihre Insel verschleppten Weichtiere. Hier sind zu nennen: Gemeine Glattschnecke (Cochlicopa lubrica), Schiefe Grasschnecke (Vallonia excentrica), Glatte Grasschnecke (Vallonia pulchella), Punktschnecke (Punctum pygmaeum), Gefleckte Schüsselschnecke (Discus rotundatus), Helles Kegelchen (Euconulus fulvus), Kugelige Glasschnecke (Vitrina pellucida), Streifenglanzschnecke (Perpolita hammonis), Keller-Glanzschnecke (Oxychilus cellarius), Große Glanzschnecke (Oxychilus draparnaudi), Gemeine Haarschnecke (Trichia hispida), Garten-Bänderschnecke (Cepaea hortensis) und Hain-Bänderschnecke (Cepaea nemoralis). An Nacktschnecken weiterhin: Genetzte Ackerschnecke (Deroceras reticulatum), die artenreichen Wegschnecken (Arion rufus, Arion subfuscus, Arion silvaticus, Arion intermedius) sowie die Mittelmeer-Ackerschnecke (Deroceras panormitanum) und der Tigerschnegel (Limax maximus). 

Typische Bewohner der feuchten Graben- und Gewässerränder und der nassen, laub- und totholzreichen Birken- und Erlengebüsche im Großen Dünental sind neben zahlreichen, oben schon genannten Arten die Bauchige Zwerghornschnecke (Carychium minimum), Sumpf-Windelschnecke (Vertigo antivertigo), Schlanke Bernsteinschnecke (Oxyloma elegans), Kleine Bernsteinschnecke (Succinella oblonga), Punktschnecke (Punctum pygmaeum), Glänzende Dolchschnecke (Zonitoides nitidus), Dunkles Kegelchen (Euconulus alderi), Wasserschnegel (Deroceras laeve) und Igel-Wegschnecke (Arion intermedius). 

Charkteristische Arten der Bodenstreu in Gebüschen/Gehölzen und in den offenen, häufig großflächig mit Moos überwucherten Grasbiotopen der tertiären Grau-/Braundünen sind die Gemeine Glattschnecke (Cochlicopa lubrica), Rauhe Windelschnecke (Columella aspera), Schiefe Grasschnecke (Vallonia excentrica), Kleine Bernsteinschnecke (Succinella oblonga), Kugelige Glasschnecke (Vitrina pellucida), Streifen-Glanzschnecke (Perpolita hammonis) sowie die gehäuselosen Wegschnecken Arion subfuscus und Arion intermedius

Es zeigt sich, daß die ökologischen Ansprüche der mit insgesamt 38 Arten im Vergleich zu anderen Tiergruppen oder gar den Pflanzen nicht gerade üppig vertretenen Weichtiere ganz überwiegend als mesophil (sowohl „feucht", als auch „trocken") charakterisiert werden können. Reine Waldarten fehlen mangels geeigneter Biotope nahezu völlig oder weichen in sekundäre, offenere Biotope aus. Arten, die Sümpfe, nasse Wiesen, Gewässerränder und stehende Gewässer bevorzugen, sind gut repräsentiert; davon leben allerdings lediglich drei Arten im Süßwasser. Landschnecken, die ihr natürliches Optimum in offenen, gehölzfreien oder gar thermophilen Standorten haben, sind auffallend unterrepräsentiert, obwohl die Dünen- und Graslandschaften der Insel hier vielfältigen Lebenraum zu bieten scheinen. 

Die Binnenmollusken auf der Düneninsel im Wattenmeer sind vorwiegend durch Arten vertreten, die in gewissen Grenzen tolerant gegenüber schwankendem Feuchtigkeitsgrad, Lichteinwirkung, Kalkgehalt und pH-Wert des Bodens und gegenüber anthropogener Beeinflussung sind. Nicht ohne Grund wurde die größte Artenzahl im Bereich der Siedlungsbiotope und der früher intensiv für Gartenbau und Viehwirtschaft genutzten westlichen und mittleren Dünen festgestellt. Immerhin 23 % aller Landschnecken auf Baltrum sind als ausgesprochene „Kulturfolger" bekannt; das sind synanthrope Arten, die dem Menschen sozusagen „bis in den Garten und in den Keller" folgen. 

In diesem Zusammenhang ist die Mittelmeer-Ackerschnecke (Deroceras panormitanum), deren Ausbreitung in Deutschland seit etwa 30 Jahren beobachtet wird, etwas Besonderes. Deren Vorkommen im Baltrumer Westdorf wurde im Sommer 1998 entdeckt. Der anatomisch abgesicherte Nachweis ist der vermutlich erste für die Inselkette vor der niedersächsischen Küste. 

Die „Einwanderung" von Binnenmollusken auf die Insel bzw. der Aufbau überlebensfähiger Populationen konnte schätzungsweise erst vor ca. 150 bis 200 Jahren beginnen. Wenn man annimmt, daß Otto Leege bei seinen malakologischen Untersuchungen im Jahre 1910 kenntnisreich und sorgfältig vorging, belegt die geringe Anzahl von neun Arten, die er damals vorfand, daß der Großteil der heutigen Molluskenfauna auf Baltrum erst im Laufe der letzten 80-90 Jahre hier angesiedelt wurde. 

Dem Feriengast auf Baltrum werden die heimischen Schnecken und Muscheln wegen ihrer meist geringen Größe und versteckten Lebensweise nahezu vollständig verborgen bleiben, wenn er sich nicht einmal bei schönstem Regenwetter mit gesenktem Blick in die Büsche schlägt oder hier und da herumliegendes Zeug aufhebt und umdreht. Eine Auswahl der auf der Insel lebenden Gehäuseschnecken ist deshalb auf den Abbildungen (in der papiernernen Inselglocke!) in vergrößerter Form dargestellt. Die natürlichen Größen sind mit Hilfe der Striche rechts neben den Gehäusen zu ermitteln: eine Strichlänge ist in der Natur etwa 1 mm lang. Daran ist zu sehen, daß auf Baltrum auch die kleinsten unserer einheimischen Weichtiere leben. 

Die Abbildungen (in der Original Inselglocke 1/99, erhältlich auf Baltrum oder auf Wunsch unter 04939-91200, S. Hinrichs) wurden folgendem Bestimmungsbuch entnommen: Kerney, M.P., Cameron, R.A.D. & Jungbluth, J.H. (1983): Die Landschnecken Nord- und Mitteleuropas.- 384 S.; Hamburg (Parey). Der Parey-Verlag war so freundlich, die Abdruckgenehmigung zu erteilen. 

Karsten Lill, Hildesheim.

Die Inselglocke Baltrum 1-1999 

Die Inselglocke Baltrum