Baltrum - mein Inselleben 

Wie Silber leuchtet das Meer, die Flut kommt, das Dünengras erzittert ganz leicht im Morgenwind, Reif und Tau werden sieh auflösen im Laufe des neuen Tages. Leuchtend auch liegen die Dünen vor mir in vertrauter Umgebung, ich stehe am Fenster und spüre tief in mir, daß ich lebe. Die Schönheit der Insellandschaft,die ich schon als Kind geliebt habe, entfaltet täglich neu ihren unwiderstehlichen Zauber. Freude und Schmerz, Lachen und Weinen vereinigen sich zu einem Gleichklang. 

Die vielen sonnenhungrigen Sommergäste haben mein Inselchen verlassen, ein klarer, kalter Spätherbsttag liegt vor mir. Mein Tagesprogramm ist beschlossen, ich hülle mich in warme Kleidung und wandere zum Strand. Standkörbe, Zelte, Spiel- und Klettergerüste sind fortgeräumt und warten auf die Ausbesserung, schließlich wird wieder eine neue Saison kommen. Noch bereitet sich die Insel auf den Winterschlaf vor. Ich begegne an diesem Morgen keinem Menschen am Strand, und es ist mir recht so. 

Muscheln in meiner Hand, ein Stückchen Bernstein und Sand, alles scheint mir alleine zu gehören. Das Meer, immer gleichförmig für den oberflächlichen Betrachter, erscheint mir vielfältig und geheimnisvoll, es hat mir niemals Angst bereitet, aber stets Respekt abgenötigt. Ich denke an die unendlichen technischen Möglichkeiten, die uns heute gegeben sind, und es beruhigt mich, dass das Meer sieh nicht beherrschen und verändern lässt. Es kommt und geht und passt sich in seinem Lauf keinem menschlichen Willen an. Wie gut es tut, das zu wissen. 

Mein Inselchen ist nicht groß, aber der Strand erstreckt sich zu Beginn meines Spazierganges schier endlos vor meinen Augen. Ich spüre Salz auf den Lippen, mein Gesicht brennt im stärker werdenden Wind, der mir entgegenbläst. Lieder fallen mir ein, Gedichte und Verse, die sich um das Meer, die Insel und seine Bewohner ranken. Schön ist es hier, wunderschön. 

Ich weiß,dass die Menschen auf diesem Eiland immer in mannigfaltiger Weise mit dem Meer zu kämpfen hatten, niemals wird der Kampf enden, und dennoch kenne ich niemanden, der hier geboren ist und seine Insel für immer verlassen möchte. 

Es ist mir inzwischen entfallen, wie oft ich hier gewesen bin, ungezählte Male wohl. Laufen habe ich hier gelernt, Freunde gefunden, zu Zeiten dem Meer unerträglichen Schmerz, der mich zu ersticken drohte, anvertraut, ich habe mein inneres Gleichgewicht gefunden im Frieden dieser stillen Insel, hier habe ich meinen Mann kennengelernt und unseren Sohn gelehrt, die Insel mit meinen Augen zu sehen und zu lieben. 

Häuser gibt es hier, wie sie in anderen, küstenfernen Landstrichen nicht zu finden sind. Es sind fast immer rote Klinkerbauten, teilweise sind sie sehr alt. Über viele, viele Jahre haben sie Wind und Wetter und der salzhaltigen Luft getrotzt; geduckt kuscheln sie sich im Ostdorf zwischen grasbewachsenen Dünen. Neubauten sind errichtet worden, und ich stelle mit Genugtuung fest, dass keine Betonklötze das Bild der Insel zerstören und ihr auf diese Weise den Zauber nehmen. 

Ein paar Läden erfüllen alle Bedürfnisse der Inselgäste, sogar ein Blumengeschäft gibt es hier. Die Möglichkeit, ein Gastzimmer oder eine Ferienwohnung mit Blumen vertrauter zu gestalten, ist also zu meiner Freude auch gegeben. 

Und einen Hafen gibt es, malerisch und klein, mit Schiffen die im Sommer erholungsbedürftige Großstadtmenschen ausspucken. Gleich daneben liegen Segelyachten, wunderschön anzusehen, wenn sie sich im Sommer der Insel nähern. Wer kann sich schon der Faszination eines Bootes unter vollen Segeln entziehen? 

Noch immer, und schon solange ich denken kann, erklingt auf den Fährschiffen das Lied: "Auf Wiedersehen". Es wird gewinkt, Versprechungen wiederzukommen werden vom Schiff zur Insel gerufen, und auch ich verspüre stets einen Kloß in der Kehle, wenn ich dieses Inselchen, mein zweites Zuhause, verlassen muss. Seit Jahren lebe ich in Ostfriesland, küstennah zum Glück, so laufe ich mit meiner Familie die Insel segelnd an so oft es unsere Zeit zulässt. 

Baltrum Gäste, es war schon immer so, sind zu einem hohen Prozentsatz treu, sie kommen immer wieder. Ich fühle mich ihnen in meiner Liebe zu Baltrum verbunden. Ein allseits bekannter Inselgast spricht mir mit seinem Lied aus voller Seele, einem Lied, das sagt: ich wollte immer mal nach Barbados, doch bis Ostfriesland komm ich bloß. Statt Rum zu trinken, häng ich halt rum im Friesennerz auf Baltrum. 

Ganz gleich welche Ausdrucksform man wählt, ob eine kleine Geschichte wie diese, ob Lied oder Gedicht, es wird immer eine große Liebeserklärung an Baltrum daraus. 

Ich bin am Inselende angekommen, der Rückkweg führt mich vorbei am Wäldchen, am Watt und den Hellerwiesen. Das Kreischen der Möwen begleitet mich, und mir fällt ein, dass ich im Sommer oft die wunderhübschen Austernfischer bewundert habe, diese zierlichen, bezaubernden Vögel, die auf den Salzwiesen ihre Gelege und Jungvögel laut schreiend verteidigten. 

Wenn ich wieder angelangt bin in meinem Domizil, werde ich einen friesischen Tee zu mir nehmen und einen Schwatz halten mit einer auf Baltrum beheimateten lieben Freundin aus Kindertagen. 

Monika Froese-Janssen, Hage 

Die Inselglocke Baltrum 1-1999