Aus Baltrums Tierwelt  

Senta Seehund 

Wie ein Pfeil schoss sie durchs Wasser, mit einer Geschwindigkeit von ca. 30 km/h - und das war noch nicht das Schnellste, was sie zu bieten hatte.
Wozu diese Eile?
Senta Seehund, eine Hundsrobbe, war gerade auf der Jagd nach Nahrung. Sie jagte hinter Plattfischen her, der Hauptnahrung eines ausgewachsenen Seehundes.
Und ausgewachsen war sie: ganze zwei Meter lang!
Um bei angemessenen Seehundskräften zu bleiben, vertilgte sie jeden Tag etwa fünf Kilogramm Fisch. Noch war Senta unabhängig und brauchte nur für sich selbst zu sorgen. Es war erst Mai. Aber in etwa vier Wochen, gegen Ende Juni, rechnete sie mit ihrer Niederkunft.
Seehunde bekommen nur ein Junges pro Jahr. Zwillinge sind selten.
Senta war hungrig. Deshalb ließ sie sich auch keine Zeit. Die Ruhepause hatte sie noch vor sich, später, bei Niedrigwasser. Dann würden sich wieder alle Seehunde der Region auf den Sandbänken versammeln, die das Meer für einige Stunden freigab.
Viele waren um diese Jahreszeit schon aus der tieferen "warmen" Nordsee in die "Sommerresidenz" übergesiedelt. (Wegen des milden Winters waren einige aber auch gar nicht erst weg gewesen.) Im Winter hatten sie sich Fett angefressen, damit sie im Sommer die lebenswichtigen kräfte- und fettzehrenden Aufgaben wie Geburt, Fellwechsel und Paarung erledigen konnten. Wer glaubt, Seehunde haben ein bequemes Leben, weil sie ständig auf Sandbänken herumliegen, der irrt.

Im Sommer gibt es für Seehunde keinen Urlaub, da wird hart gearbeitet!
Im Winter, wenn sie sich in den tieferen Regionen des Meeres aufhalten, wo es keine Sandbänke gibt, schlafen oder ruhen Seehunde übrigens im Wasser. Dank einer weisen Laune der Natur sind ihre Nasen im Normalfall "verriegelt". Sie müssen sie mutwillig öffnen um zu atmen. Das erleichtert den Schlaf im Wasserbett.

Auf Sentas angestammter Sandbank war es inzwischen wieder ziemlich bevölkert. Gestern hatte sie neben dem ältesten Bullen dieser Gegend geruht. Er war ein kräftiger Bursche, gute 150 Kilogramm schwer und bereits 29 Jahre alt! (Seehunde können bis zu 40 jahre alt werden).
Senta selbst hatte erst sechs Jahreswechsel erlebt und sie erwartete in diesem Jahr ihr fünftes Junges. Wenn es soweit war, würde sie sich auf eine ruhige, sogenannte Mutterbank zurückziehen.

Seehunde sind schwimmende Säugetiere. Ihre Vorfahren lebten einmal an Land, aber das ist schon über vierzig Millionen Jahre her. Geblieben ist, dass Seehunde ihre Jungen immer noch an Land bekommen. Außerdem können Seehund-Babys nur an Land gesäugt werden. Die Zeit der Ruhephasen auf einer Sandbank würde dann für Senta und ihr Junges besonders wichtig sein, damit es die nötige Nahrung in Form von äußerst fetthaltiger (45%) Seehund-Muttermilch bekäme.
Wenn ihr Kind geboren war, würde Senta für die kommenden vier bis fünf Wochen eine treu sorgende Mutter sein. Nur in dieser Zeit und aus diesem Grunde haben Seehunde Kontakt zueinander und natürlich bei der Paarung. Ansonsten sind sie Einzelgänger.
In den besagten vier bis fünf Wochen müsste Sentas Baby fett werden, um Reserven für die Zeit danach zu haben, denn dann würde es auf sich gestellt sein, und das Fischefangen ist Seehunden nicht angeboren. Sie müssen es erst lernen. Da ist es gut, wenn man vorerst von seinen Fettpolstern leben kann.

Doch zurück zum Ausgangspunkt der Geschichte: Senta jagte immer noch hinter Fischen her. Sie war jetzt bereits seit 23 Minuten unter Wasser. Nun wurde es langsam Zeit, 'mal wieder aufzutauchen!
Das tat sie dann auch, denn es war Ebbe und die ersten Sandbänke lugten schon aus dem Wasser hervor. Senta war jetzt satt und hatte sich ihre Pause redlich verdient.

Ulrike Unger 
NPH Baltrum 

Diese und andere Geschichten gibt es (schön illustriert) im Nordseehaus zu erwerben. 

Die Inselglocke Baltrum 3-2000 

Die Inselglocke Baltrum