Erster Tag am Meer

Bevor ich über die letzte Düne gewandert bin, die mich noch vom Meer trennt, rieche ich das Meer, und der Geruch sagt mir, ob Ebbe oder Flut ihr Wesen treiben. Die letzte Düne, das Meer. Immer wieder glaube ich, es zum ersten Mal zu sehen. Immer ist es anders, und immer wieder entdecke ich Einzelheiten, die ich längst vergessen hatte und denen ich es verdanke, dass das Meer für mich immer wieder neu ist.

Und ich höre es. Ich hatte es längst gehört, bevor ich es roch und sein Salz in meine Nase stieg und meine Sehnsucht nach seinem Anblick steigerte.

Die Düne im Rücken, setze ich mich in den Sand. Meine Schuhe stehen neben mir, und meine nackten Füße graben sich in den Sand, und ich habe ein Gefühl, wie es ein kleines Kind haben muss, wenn es sich mit seinen bloßen Füßen in den Rockfalten seiner Mutter verbirgt.

Endlich bin ich wieder hier. Möwen balgen sich schreiend um irgend etwas, ihre Stimmen rufen Erinnerungen in mir wach, die sehr weit zurückgehen. Die erste Möwe meines Lebens sah ich in einem kleinen Nordseehafen, sie saß auf einem Poller, den gelben Raubvogelschnabel in den Wind gestreckt und schrie und jammerte gellend und zum Erbarmen. Wenn ich an meinem ersten Tag am Meer sitze, die Salzluft rieche und eine Möwe höre, denke ich mechanisch an die erste Möwe damals auf dem Poller.

Ich stehe auf und gehe behutsam auf die Linie zu, an der Wasser und Land sich in langem, atmenden Rhythmus begegnen, um sich zögernd wieder voneinander zu trennen. Meine Zehen fühlen die Feuchtigkeit. Ich stehe lange so, und das Wasser wandert langsam aber stetig an meinen Füßen empor. Die gewaltige Wasserfläche liegt wie eine graue, dünne, geschmeidige Folienschicht über etwas unnennbar Geheimnisvollem, das sie zu schützen scheint. Wie viele Wassertropfen mag sie bedecken und wie viele zauberhafte Lebewesen?

Der Sand. Ich trete einen Schritt zurück und stehe auf trockenem, warmem Sand. Eine Handvoll des Sandes gleitet durch meine Finger. Der Duft von Salz und Leben dringt in meine Sinne. In jenem friedlichen, sanften Abendwind, den man bisweilen an der See haben kann, schickt sich eine glühendrote, mächtige Sonnenscheibe an, dem Tag Lebewohl zu sagen. Es soll mehr Sterne geben als Sandkörner auf der Erde, fällte mir ein, und auch dieser Gedanke kommt mir jedes Mal bei meinem ersten Tag am Meer, und er erhöht die große Feierlichkeit des Augenblicks.

Werner Nolting, Münster

Die Inselglocke Baltrum 2-2003