Auf und nieder

Die Gezeiten II

Das wichtigste Buch für die Insel- und Küstenbewohner ist der Tidekalender. Dieses Buch gibt uns Aufschluss über die Gezeiten des vor uns liegenden Jahres. Es informiert aber auch über die Mondphasen, Auf- und Untergänge der Sonne und des Mondes. Daneben enthält es kurze Erläuterungen über die Gezeiten und über die herausragenden Wasserstände der letzten 100 Jahre. 
Herausgegeben wird dieses Druckwerk vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH). Der "Gezeitenrechner" erzählte mir, als ich wissen wollte: seit wann es überhaupt exakte Vorausberechnungen gibt, dass der älteste ihm bekannte, und in seinem Büro verwahrte Kalender in Heftform aus dem Jahre 1902 stammt. Es gibt kaum Zweifel, dass die Vorausberechnung durch den Forscher Newton (1634 - 1717) ermöglicht wurden, der 
herausfand, dass ein Zusammenhang zwischen dem Mondumlauf, der Erdumdrehung sowie der Sonnenstellung und dem Eintreten von Ebbe und Flut besteht. 
Vor vielen Jahren sah ich in der Wasserbau-Abteilung des Deutschen Museums den mathematischen Gezeiten- Rechner, der 1936 in der Deutschen Seewarte in Betrieb genommen wurde. Diese Maschine, deren Größe sehr beeindruckend ist, wurde mittels Handräder bedient, die eher an Wasserschieber erinnern, als an Bedienelemente für einen Rechner. So lässt die Größe und das Aussehen den Gedanken zu, dass in diesem Koloss nicht die Gezeiten errechnet, sondern erzeugt werden! Anfang der 60ziger Jahre wurde der Rechner durch einen zeitgemäßen kleineren ersetzt. 
Nun zurück zum Gezeitenkalender. Für die wichtigsten Orte an der Küste und für einige Inseln werden die Eintreffzeiten von Ebbe und Flut in Tabellenform veröffentlicht. Für die Nachbarorte und Inseln werden die Abweichungen in einer besonderen Tabelle dargestellt. So erkennen wir, dass der höchste Wasserstand am Baltrumer Hafen zwei Minuten später als am Norderneyer Riffgatt erreicht wird. Die Abweichung beim Niedrigwasser ist mit 22 Minunten errechnet. 
Die Gezeiten werden im Laufe des Monats übrigens um einige Minuten unter- bzw. überschritten. So stellen wir fest, dass der Tideverlauf zwischen 12 h 12 min und 12 h 47 min schwankt. Diese zeitliche Schwankung wird genau wie die Spring- und Nipptiden durch die Stellung von Mond und Sonne zueinander verursacht. 
Der "Gezeitenrechner" ist der für die Vorausberechung von Ebbe und Flut verantwortliche Mitarbeiter im Institut. 
Die Radiomeldungen, die Abweichungen vom Mittleren Hochwasser ankündigen, sind uns alle bekannt. Diese Informationen haben unterschiedliche Bedeutung. So werden schon kleinere Abweichungen für die Schifffahrt wichtig sein. Größere Abweichungen, besonders, wenn es sich um Sturmfluten handelt, werden an der Küste und auf den Inseln mit großem Interesse aufgenommen. Aber auch erhebliche Unterschreitungen finden hier große Beachtung, weil eventuell die Fährschiffe nur mit großer Verspätung oder gar nicht fahren können. Wie kommt es nun zu diesen Vorhersagen? 
Die ersten öffentlichen Vorhersagen gibt es seit 1924. Allerdings ist der Sturmflutvorhersagedienst schon etwas älter. Er wurde für die deutsche Marine im Ersten Weltkrieg geschaffen. Für zivile Stellen - vor allem für die Wasserbauämter und Deich-Bauleitungen - wurden ab 1921 Warnmeldungen herausgegeben. Die Verbreitung erfolgte per Telegramm. Die Deutsche Seewarte in Hamburg war für die Berechnungen und die Post für die Zustellung verantwortlich. Die Marine übernahm 1937 die gesamte Gezeitenvorhersage und damit auch den Sturmflutwarndienst. Während des Zweiten Weltkrieges unterblieben sowohl die Veröffentlichung der Tidezeiten als auch die öffentliche Ausbreitung der Abweichungen vom Mittleren Hochwasser. Allerdings wurden 61 Zivilstellen, die ein besonderes Interesse an diesen Informationen hatten, gewarnt. Noch vor dem Ende des Jahres 1945 wurden wieder öffentliche Warnungen über außergewöhnliche Wasserstände verbreitet und an alle Interessenten Telegramme verschickt. 
Wie werden nun Abweichungen vom Mittleren Hochwasser vorausberechnet? Der wichtigste Faktor ist der Wind bzw. Sturm. Melden die weitverteilten Wetterbeobachtungsstellen dem Seewetteramt in Hamburg starken Wind oder gar Sturm aus westlichen Richtungen, ist das für den Gezeitenrechner beim BSH ein Grund, den Pegel auf der Insel Borkum besonders zu beobachten. Eine Sturmflut kündigt sich für die Deutsche Bucht an. Sturm aus östlichen Richtungen wird allerdings zu nennenswertem Niedrigwasser führen. Es ist möglich, 6 bis 10 Stunden im Voraus die zu erwartende Abweichung zu erkennen. Der Rundfunk wird informiert. In früheren Jahren wurden die Telegrafenämter der Deutschen Bundespost beauftragt, an einen festgelegten Empfängerkreis die Telegramme per Telefon zuzusprechen und als Dokumentation später den Text schriftlich zu senden. Nun mussten Telegramme auch außerhalb der gewöhnlichen Arbeitszeit verbreitet werden. Einerseits waren die Telegrafenämter dann personell nicht zu stark besetzt und andererseits mussten vielfach mehrere Telefonnummern (manchmal bis zu drei) angewählt werden. Diese Übermittlungen waren sehr zeitraubend, und manchmal kamen die Telegramme erst mit langen Zeitverzögerungen beim Empfänger an. Natürlich hatte die Übermittlung dieser Warntelegramme Vorrang vor den einfachen Privattelegrammen. 
Die Möglichkeit, die Warnungen z.B. über City-Ruf zu verbreiten, wurde überlegt, aber dann nicht in die Tat umgesetzt. 
Vor einigen Jahren wurde die automatische Aussendung der Warnungen per Telefon-Computer eingeführt. Die Empfänger werden mittels Wählgerät angerufen. Der Warntext wird übermittelt, und der Empfänger bestätigt den Erhalt durch die Betätigung einer beliebigen Taste seines Telefons. Die Anwahl von Ersatznummern, falls unter der Hauptnummer eine Übermittlung nicht angenommen wird, ist selbstverständlich möglich. 
Ende der Achtzigerjahre wurde beim damaligen Staatlichen Amt für Insel- und Küstenschutz Norden ein eigener Warndienst aufgebaut. Genau wie die das DHI bzw. BSH sind die Wind- bzw. Sturmbeoabachtungen sehr wichtig. Hinzu kommen die Beobachtungen der Pegel in den Niederlanden. Der wichtigste Pegel befindet sich für uns vor der Insel Teerschelling. Dadurch ist es schon einige Stunden früher möglich, treffende Vorhersagen herauszugeben. Es besteht auch die Möglichkeit, 2 - 3 Tage vorher ungefähre Prognosen für Sturmflutwasserstände zu treffen. Das ist besonders wichtig, wenn Bauarbeiten an Uferschutzanlagen ausgeführt werden. Nötigenfalls können dann Notdeiche errichtet und Baumaschinen und Material rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. 
Eine gute Zusammenarbeit mit dem niederländischen Sturmflutwarndienst, ein gutes Pegelnetz sowie die Erfahrungswerte der letzten 100 Jahre ermöglichten es, einen hervorragenden regionalen Warndienst für außergewöhnliche Wasserstände zu betreiben. Die Informationen werden an die Außenstellen des Amtes und an die Insel- und Küstengemeinden gegeben. Die Datensammlung erfolgt rund um die Uhr. Bei extremen Windverhältnissen ist diese Dienststelle auch außerhalb der gewöhnlichen Arbeitszeit erreichbar. 
Welche Informationen werden auf Baltrum benötigt? In den Sommermonaten sind schon Überschreitungen des Mthw von einem Meter von Interesse, weil dann die Strandkörbe und andere Strandutensilien in Sicherheit gebracht werden müssen. Sobald der Strand nach den Herbstferien geräumt ist, sind erst Warnungen ab zwei Meter wichtig. 
Wie über die vielen Jahrzehnte ständig die Technik vor allem zur sichereren Wasserstandvorhersage verbessert wurde, so wurden auch die Behördenbezeichnungen oftmals geändert. Die seit 1945 als Deutsches Hydrographisches Institut bezeichnete Behörde wurde vor einigen Jahren in Bundesamt für Seeschifffart und Hydrografie umbenannt. Das jahrelang als Staatliches Amt für Insel- und Küstenschutz bekannte Amt führt jetzt die Bezeichnung Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz. 
Wird fortgesetzt. 

Heino Comien und Klaas Beck 

Die Inselglocke 2-1999