Beziehungen

Einmal habe ich von einem Ehepaar gelesen, das immer mal wieder Reibereien, Auseinandersetzungen und Missverständnisse hatte. Eines Tages soll die Ehefrau auf die Idee gekommen sein, die jeweiligen Kritikpunkte doch einmal schriftlich auf je zwei verschiedenfarbigen Zetteln festzuhalten und per Losentscheid zunächst einen der Partner "abzuarbeiten". Der Mann zeigte sich erstaunlicherweise kooperativ, die Papierschnipsel wurden beschrieben, gefaltet und in einen Topf gelegt. Nach dem Würfellos hatte zunächst der Mann die Notizen seiner Frau zu lesen: "Du hast mich heute zu wenig beachtet und gelobt!", "Warum warst Du gestern so nervig und unausgeglichen?", "Du schenkst mir so wenig Aufmerksamkeit in Kleinigkeiten!" und so einiges mehr war da zu lesen. Der Mann sagte, er wollte erst alle Zettel öffnen und laut verlesen, bevor er darauf einginge. Zum Schluss meinte er dann: "Oh, mein Schatz! Gib mir mehr Zeit und Gelegenheit, das in Zukunft anders und besser zu machen."

Was die Beiden nun noch ausgetauscht habe, ist mir nicht so weiter bekannt, da ich nur noch das verblüffende Ende dieser Gegebenheit vor Augen habe, denn jetzt war die Frau an der Reihe. Sie faltete den ersten Bogen auseinander und las: "Ich liebe Dich". Das Gleiche geschah mit jedem weiterem Stück Papier: "Ich liebe Dich", "Ich liebe Dich" und wieder "Ich liebe Dich".

Nun bin ich nicht unbedingt ein Mensch, der zur Sentimentalität neigt, dafür bin ich eigentlich zu nüchtern. Dennoch hat mich diese kleine sich wahrhaftig zugetragene Episode beeindruckt, mich zum leichten Schmunzeln, ein wenig "Herztreiben" aber auch zu ernstlichem Nachdenken gerührt. Meiner Frau ging es nicht viel anders, erst hier auf der Insel ist uns das Ganze wieder kurz durch den Kopf gegangen. Auch eine Ehe braucht Urlaub, Erholungs- und Ruhephasen, Besinnung auf das Eigentliche, Auffrischung, neue Impulse, Regeneration und "Meer"!

Dann hat mich diese Geschichte hier aber auch unter gänzlich anderen Aspekten zum Nachdenken gebracht. Hier auf diesem Eiland mache ich nun seit Langem immer wieder Urlaub. Eigentlich wollte ich nie hierher. Meiner Frau war es vor Jahren ein großer Wunsch, da sie hier früher einmal arbeiten durfte. Auf das Drängen von Freunden, der liebenden Beziehung zu meiner Frau und einem allmählich gesteigerten Neugierdesyndrom willigte ich schließlich ein - ich habe es nie bereut: Ich war begeistert. Eine innige Beziehung habe ich aufgebaut - zu dieser Insel, den engagierten Menschen mit Theater, Unterhaltung und Gästeverständnis sowie vor allem den Naturschönheiten. Hier passt alles. Nach einigen Urlauben war es dann umgekehrt: Nun musste ich meine Frau überreden, doch "ja" zu sagen! Nur bin ich leider momentan selbst ein wenig in Zweifel, ob es sich lohnt, immer hierher zu kommen.

So wie die erzählte Geschichte muss und kann auch ich nur bekennen: "Baltrum, ich liebe Dich!"

Die Kritik, die Skepsis, die Zweifel und Enttäuschungen sind vorhanden. Nur möchte ich heute in Anbetracht meines aufgezogenen Hintergrundes darüber schweigen und allenfalls in weiteren Artikeln meine Liebe in Verbundenheit mit "außen stehender" Kritik äußern, wie etwa: "Baltrum, ich liebe Dich - aber tu etwas!"

Michael Ziegler

Die Inselglocke 3-2001