Inselfriedhof

 

Wo Wiesensaum und Dünenrand

der Insel herbes Antlitz schufen,

da schlummert still im Meeressand

so mancher, den der Tod gerufen.

 

Ein schmucklos kleiner Friedhof nur,

auf den die Sommersonne Mittagsstrahlen sendet,

von manchen Gräbern kaum noch eine Spur,

kein Baum, kein Strauch, der Schatten spendet.

 

Keiner Blüte glühend frische Farbe

gibt den Grüften lebensvollen Duft,

nur des Dünengrases Silbernarbe

reckt spitze Lanzen in die bleiern Luft.

 

Des wilden Stranddorns kraus Gezweig

kriecht fußhoch über Dünen vor,

dringt selbst hier in der Toten Reich

trotz Lattenzaun und stählern Tor.

 

Viel hundert weiße Muscheln geben

den kahlen Hügeln karge Zier,

selbst Reste nur vom einst’gen Leben –

Wahrzeichen in des Sensemanns Panier.

 

Kein Käfer hält hier weilend seine Rast,

fern hallt der Möwe und des Austernfischers Schrei,

der Falter taumelt fort mit Hast,

kein Leben stört dies tote Einerlei.

 

In jener Ecke schlummern Inselleute,

verblichen steht ihr hölzern Mal,

es war des Wetters allzu leichte Beute,

kaum mehr noch als ein morscher Pfahl.

 

Nur wen’ger Marmorplatten schwarz Gestein,

auf dem sich grell die Sonne malt,

mischt fremd sich in die Kreuzesreih’n

und trotzt des Sturms und Regen Allgewalt.

 

Sieh, hier liegt Freund und Feind bestattet,

Soldaten mit und ohne Namen,

Matrosen, die zu früh der Tod bestattet,

die aus dem Meer auf diesen Acker Gottes kamen.

 

Dies Kreuz hat selbst die Daten noch genannt,

die eines Menschenleben Lauf verkünden

Bei vielen aber heißt die Inschrift „Unbekannt“,

o Herr, sei gnädig ihren Sünden!

 

Die heiße Luft lässt alles flimmern,

die Gräser, Dornen, Steine, Kreuze beben,

irrlichtergleiche Hauchgestalten schimmern,

als wollten tote Leiber wieder leben.

 

Von fern singt dumpfes Rauschen nur

des ew’ges Lied von Gott und Zeit,

und der Gezeiten stumme, wundersame Uhr

tickt mahnend mir den Takt der Ewigkeit.

 

So frag ich still das Schicksal und ergeben,

bedrückt von soviel erdenschwerer Last:

„Werd’ ich dereinst mein abenteuerliches Leben

auch hier ausruhen oder bin ich doch nur Gast?“

 

Max Zelk

(1902 – 1984)

 

Erinnert von Bonno Stürenburg, Norden

Die Inselglocke Baltrum 3-2002