Fauna

 

Hermann, die große Seenadel

 

Er stand senkrecht im Tang und lauerte auf Beute, auf Planktonkrebse und Fischbrut. Hier war er gut getarnt, kaum zu unterscheiden von den Pflanzen seiner Umgebung.

Er, das war Hermann, von dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, dass er einmal so genannt werden würde. Überhaupt barg seine Zukunft, die so ganz anders verlaufen sollte als die seiner Artgenossen samt 200 bis 400 Geschwistern, noch einige Überraschungen.

Hermann – wir können ihn ruhig schon so nennen – wurde als große Seenadel in der Nordsee geboren. Es hätte auch irgendwo im Atlantik sein können, zwischen der Westküste Großbritanniens und der Biskaya, aber Hermanns Eltern waren in der Nordsee beheimatet, mehr oder weniger unweit von Baltrum und dort hatte ihn sein Vater zur Welt gebracht.

Jawohl, sein Vater!

Haben Seenadeln geschafft, wovon Menschen noch träumen?

Nun, Frau Seenadel legt zur Laichzeit im Frühjahr oder Sommer ihre Eier in die Bruttasche ihres Mannes. Dort reifen sie dann zu kleinen Seenadeln heran und schlüpfen nach fünf Wochen als drei Zentimeter große, voll ausgebildete Jungfische.

So kam Hermann auf die Welt.

Seenadeln sind  übrigens mit den Seepferdchen verwandt, so zu sagen deren Cousins und Cousinen, die sich allerdings überwiegend in südlicheren Gewässern aufhalten, bis hin zur westafrikanischen Küste, dem Mittelmeer oder den Schwarzen Meer.

Doch zurück zu Hermann:

Er stand also gerade senkrecht im Tang, als er vom Schleppnetz der Baltrumlinie erfasst wurde, die gerade eine Touristenfahrt zu den Seehundbänken machte.

Die Baltrum III versorgt das Aquarium des Nationalparkhauses regelmäßig mit „frschem Fisch“ und Käpt’n Johann erkannte gleich, dass dieser lange, dünne Fisch mit den Knochenringen eine Attraktion für das kleine Aquarium sein könnte.

So geriet Hermann in Gefangenschaft, von Johann im Plastikeimer vom Hafen herauf getragen.

Hermann, der hier seinen Namen erhielt, entwickelte sich zum Liebling der Kinder, die nach Ankunft auf der Insel stets als erstes ins Nationalpark kamen, um nach ihm zu sehen.

Durch einen Bericht über das NPH wurde Hermann sogar zu einer Zeitungsberühmtheit, was unter Fischen wohl eher selten ist.

Die Nachteile der Gefangenschaft wurden vermutlich aufgehoben durch die liebevolle Versorgung im Aquarium, wo Hermann sieben Jahre verbrachte und zur optimalen Länge von 50 cm heranwuchs – ein Beweis dafür, dass er tatsächlich ein Hermann und keine Hermine war, denn die Weibchen bleiben kleiner.

Leider geschah irgendwann ein Unglück, dem auch Hermann zum Opfer fiel:

Das Aquarium wurde mit toxischen Algen verseucht, so dass viele Lebewesen starben, mit ihnen Hermann, die große Seenadel.

Wer um Hermann trauert, dem bleibt ein kleiner Trost, denn dessen zwar sterbliche aber gut erhaltene getrocknete Hülle ist seither außerhalb des Aquariums im Nordseehaus zu bewundern.

Ulrike Unger, NPH

 

Die Inselglocke Baltrum 3-2002