Transporte

Geländefahrzeuge im Feuerwehr- und Rettungsdienst

Schaut man sich alte Baltrum-Fotos an, so erkennt man, dass es auf der Insel außer einigen gepflasterten Fußwegen und ein paar Bohlen-Stegen vor nicht allzu langer Zeit noch keine befestigten Straßen gab.

Ein Schornsteinbrand in einem Insulanerhaus im Ostdorf, zu dem die Feuerwehr im Handzug mit einem TSA (Tragkraftspritzen-Anhänger, dient zur Aufnahme einer Grundausstattung von Brandbekämpfungsgeräten) eilen musste, gab den entscheidenden Anstoß, ein Motorfahrzeug auf die Insel zu holen. Der Einsatz der Insel-Pferde für Brandschutzaufgaben ist nicht zweckmäßig, weil sie in den Sommermonaten nachts auf der gesamten Hellerweide verteilt sind, und das Einfangen viel zu viel Zeit in Anspruch nimmt. So kam als Zugfahrzeug eigentlich nur ein Jeep in Frage. Nach vielen Abwägungen des Für und Wider im Rat der Gemeinde Baltrum und der Sicherung der Finanzierung dieses „Feuerwehrautos” wurde ein Jeep von der US-Armee gekauft. Er war zuvor in Hamburg für seinen neuen Zweck umgebaut worden und sollte dann auch für Krankentransporte auf der Insel eingesetzt werden. Das ehemalige Vier-Personen-Auto konnte nun eine ganze Löschtruppe - also neun Personen - aufnehmen. Ein Arbeits- und Suchscheinwerfer war angebracht worden. Das Gestell, das für die Wetterschutz-Persenning gedacht war, konnte für die Auflage und Befestigung der Krankentrage genutzt werden.

Dieses Fahrzeug hat sich bei vielen Feuerwehr-Einsätzen und Krankentransporten bewährt: Oftmals mussten damals Kranke oder Verletzte zum Osterhook gebracht werden, wenn wegen Tideniedrigwassers die Fährschiffe nicht fahren konnten - in jener Zeit noch von und nach Norddeich - und der Weitertransport dann mit dem Motorrettungsboot „Langeoog” ans Festland erfolgte. Auch bei Suchaktionen und im Einsatznotdienst, vor allem im Winter 1956, hat es seinen Dienst bei Personen- und Materialtransporten bis zum breiten Pril im Baltrumer Watt geleistet.

Der letzte wichtige Einsatz dieses Jeeps wurde in der Sylvester-Nacht 1956/60 erforderlich, als ein paar Bauarbeiter noch lange gearbeitet hatten und vor Einbruch der Dunkelheit durch das Watt zum Festland laufen wollten. Die verabredete Ankunftsmeldung ließ auf sich warten - und einige Feuerwehrmänner begaben sich mit dem Jeep zur Suche ins Watt. Das Fahrzeug geriet in tiefen Schlick und kam fest. Es gelang den Einsatzkräften nicht, den Jeep wieder zu befreien! Erst am Neujahrstage erfolgte die Bergung - da war er aber über Nacht unter Salzwasser geraten und die Maschine und der Aufbau hatten entsprechend gelitten: Das Fahrzeug musste verschrottet werden.

Nach wiederum langen Beratungen des Gemeinderates konnte im Sommer 1961 ein „neuer” alter Jeep aus Frankfurt abgeholt werden. Auch dieses Fahrzeug stammte aus den Beständen der US-Armee und wurde in „Kriegsbemalung” übernommen. So passierte es denn, dass die Baltrumer Feuerwehrkameraden bei der Überführungsfahrt von einer MP-Streife der US-Armee angehalten wurden, weil sie die für Armee-Fahrzeuge geltende Geschwindigkeitsbeschränkung nicht eingehalten hatten! - Was ja auch nicht nötig gewesen wäre... Auf Baltrum bekam das Fahrzeug dann, wie sein Vorgänger auch, den „feuerroten” Anstrich. (Foto 1: Comien).

Die erste Bewährungsprobe bestand dieses Fahrzeug während der Sturmflut-Einsätze im Februar 1962. Viele Kilometer waren vor allem für Materialtransporte zurückzulegen, und unter den schweren Bedingungen haben Getriebe und Motor schwer gelitten,  so dass nach Abschluss aller Pump- und Aufräumungsarbeiten eine umfangreiche Überholung am Festland nötig wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde das Fahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn sowie einem Suchscheinwerfer, der bei dem Sturmfluteinsatz dringend nötig gewesen wäre, ausgestattet. Später kamen noch Halterungen für Feuerlöschgeräte (Pulverlöscher) hinzu.

Auch diese Fahrzeug hat sich bei allen Einsätzen sehr bewährt. Als Zugfahrzeug für den TSA, der 1966 angeschafften AL 16/4 (Anhängeleiter für Menschenrettung und Brandbekämpfung mit einer Nutzhöhe von 16 m) und dem P 250 (Pulverlöschanhänger mit 250 kg Löschpulver v.a. für die Bekämpfung von Flüssigkeitsbränden) kam es bei vielen Einsätzen und Übungen in Fahrt.

Krankentransporte innerhalb der Ortschaft wurden dagegen nicht durchgeführt: 1960 konnte ein gebrauchter Krankentransportwagen (Opel) vom Krankenhaus Norden übernommen werden. Allerdings musste bei Reit, Arbeits- und Wanderunfällen oft mit dem Jeep in die Dünen gefahren werden, weil der Krankenwagen im Gelände nicht einsatzfähig war. Krankentransporte zum Osterhook, zum MRB „Langeoog”, eine Minen-Sichtung und viele Suchaktionen nach weggelaufenen Kindern gehörten ebenso zu den Einsatzaufgaben wie die Suche nach einem Schwimmer, der von Norderney nach Baltrum und zurück schwimmen wollte und den die Kräfte verließen (Vgl. IGL 96/4).

Der Verfasser dieses Berichtes erinnert sich gerne an die unerschöpflichen Möglichkeiten, die mit diesem Kraftfahrzeug machbar waren. Neben den „harten” Einsätzen gab es auch harmlosere Fahrten: Personen wurden zum Osterhook gebracht, wenn die Fähre wegen starken Ostwindes oder wegen Eises nicht fahren konnte und die Übersetzung nur durch die Accumer Ee zum Festland möglich war. Selbst für Vermessungsarbeiten am Ostteil der Insel, aber auch zum Beispiel zur Beförderung der Sängerin Lale Andersen im Sommer 1964, als sie nach einem Auftritt auf Baltrum unverzüglich ihre alte Heimat Langeoog erreichen wollte: Lale Andersen erinnerte sich anlässlich dieser Fahrt an ihre vielen Fahrten in Jeeps während des Krieges. Sie war beeindruckt, auch im Frieden wieder einmal in einem Jeep fahren zu dürfen - und das ausgerechnet auf einer Insel ohne Kraftfahrzeuge!

Aber der Zahn der Zeit nagte natürlich auch an diesem Auto, und die Instandhaltung wurde sehr teuer. So wurden Ende der Sechzigerjahre wiederum Überlegungen zur Anschaffung eines neuen Fahrzeugs angestellt. Ein DKW Munga 4 war im Gespräch, aber auch ein Unimog-Transporter. Letztlich machte aber der Bauboom in den Sechziger- und auch noch Siebzigerjahren auf unserer Insel die Anschaffung eines genormten Feuerwehrfahrzeugs erforderlich. Diese wurde dann auch aus den Mitteln der Feuerschutzsteuer bezuschusst.

Da für dieses Spezialfahrzeug - es sollte ein Löschgruppenfahrzeug auf Unimog-Fahrgestell sein - eine sehr lange Lieferzeit die Regel war, und eine neuerliche Reparatur des alten Jeeps ausschied, überließ die Unimog-Vertretung in Leer der Baltrumer Feuerwehr für die Übergangszeit einen alten, gebrauchten Transport-Unimog.

Auch mit diesem Fahrzeug wurden einige interessante Einsätze durchgeführt: Als die Feuerwehr zu einem Dünenbrand zwischen BK-Heim und NTB-Jungenbildungsstätte gerufen wurde, fand die halbe Wehr Platz auf der Ladepritsche. Bei einer Großübung wurde die Auslegung einer Schlauchleitung von der Pritsche aus getestet.

Zum Einsatz kam der kleine Unimog auch, als eine Spülleitung durch einen Sturm im Hafenbereich zerstört und auf das Watt getrieben war. Und schließlich wurde er bei den Arbeiten zur Auslegung der Trinkwasserleitung zwischen Festland und Baltrum eingesetzt.

Mit der Auslieferung des LF 8 im Februar 1971 kam der Transporter wieder an das Festland.

Auch das neuangeschaffte Feuerwehrfahrzeug hat sich hauptsächlich bei Geländeeinsätzen bewährt. Krankentransporte zum Osterhook waren nun zwar nicht mehr erforderlich, weil bei dringenden Fällen ein Hubschrauber der Bundeswehr angefordert werden konnte, und außerdem gab es jetzt die „Schnellverbindung” zum neuen Außenanleger in Nessmersiel ab 1972 und das Strandmotor-Rettungsboot „Tamina” auf Baltrum. Der Einsatz-Schwerpunkt für dieses Fahrzeug waren die Sandsacktransporte zur Erhöhung des Deiches während der herbstlichen Sturmflut-Serie 1973.

Im Winter 1984 wurde für die Feuerwehr ein zusätzliches TLF (Tanklöschfahrzeug für Sondereinsätze mit nur 800 l Wasser) beschafft. Es war ursprünglich für den Erweiterten Katastrophenschutz gebaut und bei der Bundespost in Hannover gehalten worden. Durch sein geringes Gewicht konnte dieses Fahrzeug alle Dünenwege befahren und war für die Erstbekämpfung von Dünenbränden mit seinen stets vorgehaltenen 800 l Löschwasser bestens geeignet (s. IGL 2 u. 3/84). Auch Krankentransporte konnten notfalls, wenn die Palette mit den Löschgeräten herausgenommen wurde, mit einer Krankentrage durchgeführt werden. Der Sitzplatz des dritten Besatzungsmitgliedes war so angelegt, dass von dort der Patient betreut werden konnte. Leider musste dieses Fahrzeug im Herbst 1989 wegen zu hoher Kosten für die notwendige Grundüberholung ausgesondert werden.

Mit der Ausrangierung des Unimog LF 8 im Jahre 1992 wurde ein Nachfolgefahrzeug beschafft, das allerdings nicht für Geländeeinsätze brauchbar ist. Das Tanklöschfahrzeug 8/18 (Tanklöschfahrzeug mit ca. 2000 l Wasser, umfangreicher Löschgeräte-Ausstattung und 3 Mann Besatzung), das im Dezember 1979 als Nachfolger für ein ähnliches Fahrzeug aus dem Jahre 1959 angeschafft wurde, ist zwar geländegängig, aber für unsere Dünenwege zu schwer, allein durch den großen Löschwasservorrat. Für Krankentransporte und Sucheinsätze in den Baltrumer Dünen ist es daher nicht geeignet.

Derzeit steht also weder der Feuerwehr noch dem Rettungsdienst ein Fahrzeug zur Verfügung, das für Notfälle im Dünen- und Strandbereich geeignet wäre. Reit- und Wanderunfälle oder z.B. auch Herzinfarkte machen dem Rettungsdienst dort große Probleme.

Die Anschaffung eines kleinen Geländefahrzeuges, das mit einer Funkausrüstung, medizinischem Gerät, einem Hilfeleistungskoffer sowie einem Klein-Löschgerät auszustatten wäre, steht momentan zur Debatte. Leider ist die Finanzierung hierfür nicht gesichert, es sei denn, es kämen Spenden zusammen! Mit diesem Auto könnten Feuerwehr- und/oder Rettungsdienstkräfte jeden Punkt der Insel innerhalb kürzester Zeit erreichen; Erste Hilfe, gleich welcher Art, könnte schnell geleistet und über Funk notfalls weitere Hilfe angefordert werden.

Heino Comien, im Juni 1997

Die Inselglocke Baltrum 3-1997