Verwaltung

Die Vogtei Baltrum

1661 - 1885

Einer muss das Sagen haben. So war es immer schon und so wird es bleiben.

Wer war es früher und wer ist es heute?

Verfolgen wir es so weit wie möglich zurück. Die beste Information gibt uns das Ostssippenbuch, in dem alle Baltrumer Familien ab 1645/1707 verzeichnet sind.

Da finden wir den ersten Vogt unserer Insel - Weyerts Reemts - genannt auch Aren(d)ts. Die Amtszeit wird dort für die Jahre 1661-1663 angegeben. Mehr nicht. Nun fragen wir uns: „Welche Aufgaben hatte ein Inselvogt?“

Der Begriff „Vogt“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „der vom Fürsten Berufene“. Damit wissen wir nun schon, wer den Vogt einsetzte. Er sollte im Namen des Fürsten für Ordnung sorgen.

Auf den Inseln ging es sowohl um den Inselschutz, insbesondere um die Pflege der Dünen, und um die ordentliche Aufnahme und gerechte Verteilung des Strandgutes, das nach Schiffsstrandungen vor allem auf den Inseln anlandete.

Als nächster wird  Folkert Frerichs  ab 1675 als Vogt erwähnt. Er wurde 1645 geboren und starb 1716 im Alter von 71 Jahren auf Baltrum. Er war verheiratet und aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Die genaue Amtszeit ist uns leider nicht bekannt. Sie könnte aber fast bis zu seinem Tode gedauert haben. Dem Vogt wurde damals das alleinige Recht, eine Gastwirtschaft zu betreiben, Pferd und Wagen halten zu dürfen und sogar Kaninchen zu jagen, zugestanden. Das alles zur Aufbesserung seines Geldbeutels.

Wie es mit der Vergütung eines Inselvogtes aussah, erfahren wir aus dem Bericht über die Amtszeit des Pastors und Vogtes August Heinsius, der auch noch das Lehreramt ausübte. Er war von 1736 bis 1747 auf Baltrum tätig. 1706 in Magdeburg geboren, erlitt er ein sehr schweres Schicksal, das Dr. Gerhard Canzler in seinem Buch „Baltrum“, ausführlich beschreibt. Die Vergütung des Vogtes belief sich auf jährlich 15 Reichstaler, neun Schaf Standgeld und neun Gulden Heugeld zu. Am Strandgut war er mit je zwei Teilen beteiligt. Dem Landesherrn berichtet er am 13.10.1739, dass Everleute (Frachtschiffer) aus Altona am Strande Holz und Eisen gestohlen haben. Daraufhin verbietet der Graf Carl Edzard den Strandraub durch auswärtige Schiffer an der ostfriesischen Küste und auf den Inseln. Die Insulaner laufen unkontrolliert am Strande, um Güter für sich zu bergen, und schneiden Helm (Strandhafer = Dünengras) als Brennmaterial. Dadurch ist der Bestand der Dünen gefährdet, teilt er dem Amtmann in Berum, seinem Vorsetzten im Vogt-Amte, mit und bittet um eine strenge Anweisung an die Baltrumer. Er stirbt am 10.11.1747 auf Baltrum. Die Regierung will, dass der Pastor zukünftig nicht mehr als Vogt fungiert. Der Amtmann teilt die Meinung aus finanziellen Gründen nicht.

Sein Nachfolger wird der Pastor Harring Gerdes Hajen, der am 15.01.1718 in Norden geboren wurde. Er hat am 13.12.1748 in Norden geheiratet. 1749 wurde seine Tochter hier geboren. Die Trennung der Ämter erfolgt dann doch 1750 durch eine schriftliche Verfügung. Für den Pastoren trat dadurch ein erheblicher wirtschaftlicher Nachteil ein. Nicht nur dass sein Salär um die Vogt-Entschädigung verringert wurde, sondern auch der entsprechende Anteil am Strandgut fiel weg. Pastor blieb er noch bis 1753 auf unserer Insel. Seine nächste Kirche stand in Fulkum, dort starb er am 02.11.1758.

Joachim Föge übernahm 1750 das Amt als Inselvogt. Er stammt aus Hasseldorf/Elbe. Sein Geburts- und Sterbetag sind uns leider nicht bekannt. Geheiratet hat er am 17.02.1750 Tätje Scholemann, die auf Baltrum lebende Enkeltochter des Eberhard Scholemann (1672-1676 Pastor auf Baltrum). Bis 1761 sind aus dieser Ehe fünf Kinder hervorgegangen. Die Liste der Abgabepflichtigen, die am 27.06.1756 ausgefertigt wurde trägt die Unterschrift des Vogtes Föge. Im Jahre 1757 wird eine Verordnung zum Schutz der Inselkirche erlassen. Der Pastor und der Vogt müssen die Einhaltung der Regeln überwachen. Das Ende seiner Tätigkeit ist nicht bekannt. Er soll 1766 mit seiner Familie die Insel verlassen haben.

Die Literatur erwähnt für 1758 den Vogt Hofmann im Zusammenhang mit einer Schiffsstrandung. Es wird berichtet, dass er 100 Pfähle, einen Koffer und später eine Kiste Branntwein an sich nahm und alles versteckte, ohne die Insulaner daran zu beteiligen. Die Strandbegehung machte er ohne die vorgeschriebene Beteiligung des Pastors. Leider ist keiner Schrift zu entnehmen, zu welcher Zeit er hier tätig war, ebenso fehlen seine persönlichen Daten.

Das Vorgehen dieses Vogtes lässt die Vermutung zu, dass ihm der Kaufmann Weert Claassen, wohnhaft in Neßmersiel, als ehrenamtlicher Vogt folgte. Die Regierung wollte einen neutralen Vogt, der weder im geistlichen Amt, noch in enger Verwandtschaft bzw. Freundschaft mit den Inselbewohnern stand. Vor allem die ordnungsgemäße Abwicklung der Strandgut-Bergungen musste gewährleistet sein.

Dennoch wird 1766 Reemt Janssen Vogt, der 1732 geboren wurde. Am 13.6.1754 hatte er Antje Ulrichs geheiratet und bekam mit ihr fünf Kinder. Über ihn und seine Arbeit ist sehr wenig bekannt. Lediglich im Verzeichnis der Subscridenten wird er im Jahre 1796 genannt. Seine Amtszeit ging vermutlich bis 1811, also in die Franzosenzeit hinein. Er starb am 28.11.1816 auf Baltrum.

Sein Sohn Peter Reemts folgte ihm im Amte. Er wurde am 04.06.1740 auf Baltrum geboren, heiratete

Ehltje Edden (Datum leider nicht bekannt) und sie bekamen zwölf Kinder, zwei starben im Kindesalter, sieben haben auf Baltrum geheiratet. Er führte, da er in der Franzosen-Zeit Vogt war, die Bezeichnung „Maire“ das bedeutet in Frankreich Bürgermeister. Er starb am 18.12.1812 auf unserer Insel.

Ihm folgte Tjark Ulrichs, der zur Zeit seines Vorgängers Untervogt war. Am 14.8.1779 wurde er auf Baltrum geboren, heiratete am 06.03.1805 die Langeoogerin Hieske Catharina Betten. Von den zehn Kindern überlebten nur fünf das Kindesalter, die dann alle auf Baltrum geheiratet haben. Während seiner Dienstzeit kam es zu den im Roman „Tjark Ulrichs und seine Maaten“ beschriebenen Schmuggelfahrten. Er führte natürlich, wie sein Vorgänger die Amtsbezeichnung Maire, bis 1813 die Franzosen Baltrum verließen. Sie wollten beim Räumen der Insel die Schanze mit den vorhandenen Pulvervorräten sprengen. Ulrichs löschte mutig die Lunte und rettete die Schanze und weitere Gebäude, die durch die Druckwelle beschädigt worden wären. Durch die Sturmflut am 03./04.02.1825, die auch auf Baltrum große Schäden anrichtete, verlor er sein gesamtes Hab und Gut. Das Haus wurde zerstört und die Schafe ertranken. Aber schon am nächsten Tag schrieb er einen umfassenden Bericht an den Amtmann in Berum, um die schwere Lage der Insel und Insulaner darzustellen, damit vom Festland recht schnell geholfen werde. Dieses geschah dann auch. Er baute sein neues Haus in dem Bereich, in dem heute das Haus 107 a und das EWE-Gebäude stehen. Es war damals das größte Haus auf der Insel. Es hatte die Hausnummer 14 und wurde nachdem Ersten Weltkrieg abgebrochen. Für seinen mutigen Einsatz für die Insel und ihre Bewohner wurde ihm die Preußische Ehrenmedaille Erster Klasse verliehen. Die Verleihungsurkunde wurde vom König persönlich unterzeichnet. Cirka 1855 wurde auf Baltrum eine Zolldienststelle, besetzt mit zwei Beamten eingerichtet, und das Zollhaus (Haus 18) gebaut. Seine Amtszeit endete vermutlich 1860. Er starb am 27.06.1862 auf Baltrum.

Der Schiffer Heinrich Janssen Küper  wurde dann bis zu seinem Tode 1884 Vogt. Geboren wurde er am 12.09.1823 auf Baltrum und er heiratete am 25.06.1852 Margarethe Christine Janssen Ulrichs. Sechs Kinder gingen aus dieser Ehe hervor. Drei starben im Kindesalter, die anderen heirateten auf Baltrum. Er war gleichzeitig Kaufmann und Krämer. Während seiner Amtszeit ereigneten sich sehr wichtige Dinge: 1862 bekam Baltrum eine Rettungsstation, 1872 wurde mit dem Bau der massiven Strandschutzwerke im Westen der Insel begonnen. Eine ständige Postverbindung wurde eingerichtet, Baltrum wurde an das Telegrafennetz angeschlossen. Er war Posthalter und die Telegrafenstation wurde in seinem Haus (Hs. 32) errichtet. An dieser Stelle steht heute das Haus Seeschwalbe. Das Standesamt wurde 1874 eingerichtet und er wurde der erste Standesbeamte. Wie in ganz Deutschland, so wurde 1874/75 die Urvermessung hier durchgeführt und genaue Grundstückskarten- und Verzeichnisse angelegt. Der Fremdenverkehr begann auf unserem Eiland 1876. Küper starb am 02.03.1884 auf Baltrum.

Jann Ulrichs Küper war der letzte Vogt. Es war sein ältester Sohn, der am 20.08.1854 zur Welt kam. Am 22.11.1885 heiratete er Gesche Maria Elselida Eilts. Diese Ehe blieb kinderlos. Mit dem Inkrafttreten der Deutschen Gemeindeordnung im Jahre 1885 wurde er der erste von der Bevölkerung gewählte Gemeindevorsteher. Er starb am 24.10.1886. Auf seinem Grab stand lange Zeit ein hölzernes Schrägbalkenkreuz. Es trug den Spruch „Ruhe sanft in dieser Gruft, bis dich der Erlöser ruft“. Das Kreuz befindet sich jetzt in der Inselkammer des Heimatvereins Baltrum e.V. Seine Schwester Christina Margaretha heiratete am 18.11.1885 den Schiffskapitän Cassen Eilts, der dann als Postagent fungierte.

Fortsetzung folgt

Heino Comien

Die Inselglocke 4-2002