Die tragende Erde

Helmut Dohrmann, den Insulanern und vielen Gästen der Insel als Künstler bereits gut bekannt durch seine sommerlichen Ausstellungen in der Schule Baltrum, hatte vor Kurzem einen „Auftritt“ im holländischen Fernsehen „Nederlande1“.

Die holländische Filmemacherin und Videokünstlerin Angela Linders plant seit einiger Zeit einen Zyklus von vier Filmen über die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft unter dem Oberbegriff „Reading the worlds – touching the mind“. Dieses Motto lässt schon gewisse Rückschlüsse auf die Art der Annäherung an dieses Thema zu.

Während der Planungsphase zum ersten Teil des Zyklus „De dragende aarde“, also „Die tragende Erde“, begegnete Angela Linders durch Zufall dem Künstler Helmut Dohrmann beim EXPO-Projekt „Steinzeichen Steinbergen“, als Dohrmann im Oktober 2000 für vier Wochen sein „Offenes Atelier“ in einem großen Steinbruch bei Rinteln an der Weser aufgebaut hatte. Hier zeigte er vor mehreren tausend Besuchern seine Bilder und gab einen Einblick in seine Arbeitsweise indem er vor Ort malte.

Die Filmemacherin beschloss, Helmut Dohrmann und seine künstlerische Arbeit am Thema Gestein in ihren Film einzubauen.

In einer Synopsis zum Film heißt es unter anderem:

„Das Bedürfnis des Menschen, die tieferen Schichten unserer Existenz zu entdecken und zu erfahren, ist so alt wie die Menschheit selbst. Religion und Kunst sind viele unterschiedliche Wege gegangen, um dieser Suche immer wieder neuen Ausdruck zu verleihen. Die Natur mit ihren Elementargesetzen und ihrer magischen Symbolkraft ist der Ausgangspunkt dieser Suche nach den Tiefenschichten unserer Existenz, nach dem „Urgrund“. Gesucht wird die Einheit von Natur und Geist, versucht wird, der Materie Geist einzuhauchen.

Der Film ist eine Art „poetisches Tryptichon“. Gezeigt werden zum Einen Bilder von Felsformationen und aus einem Steinbruch, welche dann in Beziehung gesetzt werden zur Arbeit zweier Künstler – Richard Long aus England und Helmut Dohrmann aus Deutschland – die sich beide, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, in ihrem Werk mit Gesteinen auseinandersetzen. Außerdem sind meditative Bilder eingeflochten, die in der Einsamkeit der Natur entstanden, als sich die Filmemacherin in einer entlegenen Jagdhütte in den Wäldern des Harzes aufhielt.

Über den schon angesprochenen Teil hinaus war Helmut Dohrmann der Filmemacherin bei der Suche nach geeigneten Drehorten im Harz entscheidend behilflich, denn seine „Gesteinsphase“ hatte Ende der 80er Jahre hier begonnen und wurde 1999 mit dem Kunstband „Eine private Geologie“ vorläufig abgeschlossen. Während mehrerer Tagestouren im Sommer 2001 zeigte Dohrmann der Filmemacherin seine „Stellen“ im Harz. Im Herbst 2001 begannen dann die Dreharbeiten zum Film.

Helmut Dohrmann: „Einerseits fühlte ich mich schon geehrt, in einem solchen Film mitzuwirken, andererseits war mir aber ganz schön mulmig zumute. Was am Ende dabei herauskommen würde, war kaum absehbar. Ich wusste nicht, ob ich unter diesen äußeren Bedingungen – also der ständigen Beobachtung – etwas künstlerisch Brauchbares zustande bringen könnte und vor allem auch, ob es „natürlich“ wirken würde.

Tatsächlich war es zum Teil während der Filmaufnahmen schwer, die Spontaneität zu wahren – wenn man beispielsweise nun schon zum siebten Mal hinter einem Gebüsch hervorkommt, eine Felsformation (immer noch) erstaunt entdeckt, dann, ohne die Augen davon zu wenden, mit offenem Mund seine Zeichensachen aus dem Rucksack klaubt, sich auf dem Klappstuhl niederlässt und begeistert zu zeichnen beginnt. Die sechs Versuche davor: 1. Versuch: Einen Felsen auf der „falschen“ Seite umrundet, was der Regie nicht gefiel. 2. Versuch: Die Batterien in der Kamera mussten ersetzt werden. 3. Versuch: Die Tonmeisterin hatte kurz geschlafen. 4. Versuch: Die Geräusche einer Phantom F4 waren nicht meditativ genug. 5. Versuch: Dem Zeichner entglitten einmal leicht die Züge. 6. Versuch: Die unerwünschte Wolke erforderte eine Neueinstellung der Belichtung. Geduld und Langmut waren also auf allen Seiten reichlich gefragt.

An drei verschiedenen Orten im Harz entstanden Skizzen, deren Entstehung auch gefilmt wurde. Sehr stark beschäftigte mich nun die Frage, ob aus diesen Skizzen auch gute Bilder werden würden – dann nach den Dreharbeiten im Harz und nur wenigen Tagen Pause – bzw. für mich Vorbereitungen – sollten dann die Dreharbeiten in meinem Atelier in Vahlbruch-Meiborssen im Weserbergland fortgesetzt werden, mit der Umsetzung der Skizzen in zwei größere Bilder, wie es meiner Arbeitsweise häufig entspricht. Hier trat zum ersten Mal echtes Lampenfieber auf: Drei Tage lang fremde Leute im Atelier während ich arbeite! Und dann die Unterbrechungen: „Helmut, kannst du den Pinsel etwas anders hinlegen, sonst stört er mich im Bild!“ Gott sei Dank waren wir uns inzwischen menschlich nähergekommen, fast ein richtig gutes Team geworden, was mir die Sache sehr erleichterte.

Helmut Dohrmann

Foto Hinrichs

Die Inselglocke 4-2002

 

Immer mehr drängte sich mir die Frage nach dem fertigen Film auf, der ja nur eine Länge von 30 Minuten haben durfte. Allein der Dreh mit mir bei der Arbeit hatte aber inzwischen schon etwa zwei bis drei Stunden Länge. Ich begriff, dass ein Regisseur ohne festes Drehbuch für alle Eventualitäten mit einem enormen Überschuss an Material arbeiten muss. Vor allem muss er gute Schnittstellen, „Nähte“ und Überleitungen schaffen, wie mir auch im Gespräch mit Angela Linders klar wurde.

Nach den etwa zwei Wochen dauernden Dreharbeiten war ich ziemlich geschafft, ein großes Aquarell und eine große Kreidezeichnung waren entstanden, einiges an Skizzen, viel an Erfahrung gewonnen, Menschen kennengelernt – aber dies alles doch unter der Anspannung, innerhalb eines festen und engen Zeitrahmens Kunst zu produzieren, die dann TV-öffentlicht wird. Ganz ungewohnt.

Im Mai diesen Jahres wurde ich zur Premiere des Films eingeladen und sah das Resultat zum ersten Mal:

Ein ruhiges, meditatives Werk, fast ohne Worte oder Erklärungen, teilweise unterlegt von der unaufdringlichen Musik des kolumbianischen Komponisten Maurizio Isaza-Camacho (eigens für diesen Film komponiert). Das Ganze lebt sehr stark aus dem Kontrast. Zum einen sind da die Bilder im Steinbruch, also Sprengung, ratternde Förderbänder, Bagger etc., sprich: die wirtschaftliche Nutzung von Natur. Im Gegensatz dazu steht die Stille der Felsformationen, ihre Zeitlosigkeit, die Suggestion, dass sie lange vor uns da waren. Dann die Künstler, die sich von diesem Faszinosum zu ihrer Art von Tätigkeit stimulieren lassen und auf ihre Weise versuchen, der Materie Geist einzuhauchen.

Der Film „De dragende aarde“ wurde am Sonntag, den 16. Juni 2002 auf „Nederlande 1“ ausgestrahlt. Während der diesjährigen Ausstellung in der Schule wurde er täglich als Video gezeigt.

Und: Am 13. August 2002 wird er um 20.30 im Nordseehaus auf Baltrum vorgeführt!