Strandgut

Von Strandjern und anderen netten Leuten

Hand auf’s Herz: Warum sind Sie ausgerechnet nach Baltrum gekommen? Ich frage nicht die Insulaner, sondern Sie, die Kurgäste.

Den Baltrumern diese Frage zu stellen, wäre sinnlos. Man könnte ebenso gut das Blatt eines Baumes fragen, warum es am Ast hängt. Es gehört dorthin – so einfach ist das.

Aber Sie als Touristen! Wissen Sie, dass die Insel kleiner ist als manches bäuerliche Anwesen auf dem Festland? Ganze 6,5 Quadratkilometer Land hat diese Insel zu bieten. Das stört Sie nicht? Diese Insel hat alles, was ein Flecken Land in der See braucht: Dünen, Strand, Wege, Kneipen, Cafés und immerhin drei Kirchen. Das gibt es nicht auf jeder Insel.

Im Zeitalter der offenen Grenzen und multikultureller Gesellschaftsstrukturen ist unser „Dornröschen der Nordsee“ ein Ruhepunkt, ein Erdflecken, auf dem sich noch nie jemand verlaufen hat. Wenn Sie um die Düne oder Hausecke gehen, wissen Sie genau, was Sie dahinter erwartet.

„Ich wollte immer mal nach Barbados, doch bis Ostfriesland komm ich bloß, und darum häng ich halt rum im Friesennerz auf Baltrum.“

Erinnern Sie sich an dieses Lied, das Reinhard Mey vor Jahren sang? Es ist nicht gerade die Nationalhymne der Baltrumer, aber stellen Sie sich vor, wenn statt Reinhard Mey Herbert Grönemeyer auf dieses Eiland gekommen wäre.

„Baltrum – was will ich hier?

Bald rum, das bin ich hier.

Du bist ein winziger Fleck

Und wenn kein Boot kommt, komm ich nicht weg.“

So oder ähnlich hätte es klingen können. Nicht auszudenken!

König Georg der Fünfte, Theodor Fontane, Heinrich Heine und Bismarck waren zu ihren Lebzeiten auf Norderney. Bruder Johannes – unser derzeitiger Bundespräsident – fährt auch nach Spiekeroog. Nach Baltrum verirren sich Berühmtheiten eher selten. Aber unter uns gesagt: diese Leute hatten oder haben keine Ahnung.

Hier gibt es keine Museen, durch deren heilige Hallen Sie Ihre sich sträubenden Kinder oder Enkel schleppen müssen, keine Galerie mit überdimensionalen Ölschinken an den Wänden, die entweder unverständlich oder zu teuer sind, keine Freizeitparks in der Nähe mit endlosen Warteschlangen vor den Fahrgeschäften.

Hier gibt’s nur eins: Insel satt, Kaninchen, Fasane, Möwen, Wind, Sand zwischen den Zähnen und Zehen und – die See.

Wenn Sie es genau überlegen, es ist die See, die Sie hierher lockt. Es sind die sanft auf den Strand rollenden wellen des Meeres, die Sie sehen und spüren wollen. Es sind die schäumenden Brecher, die bei Sturm die Gischt über die Strandmauer jagen, die Ihnen das Gefühl von Naturnähe vermitteln und wohlige Schauer über den Rücken rieseln lassen. Es ist das Meer, das Sie in seinen Bann zieht.

Für die Insulaner ist das Meer noch ein bisschen mehr.

 

 

Die Inselglocke 4-2002

In alten Zeiten, als auf Baltrum und den anderen ostfriesischen Inseln noch keine Kurgäste (erste Kurgäste 1873) anzutreffen waren – außer ein paar Sonderlingen vielleicht – war das Meer die Lebensgrundlage. Es waren nicht nur die Meerestiere, denen die Insulaner nachstellten, um zu Nahrung und Brot zu kommen. Es gab noch etwas weit Spektakuläreres als Fischfang und Muschelsuche.

Wenn die Stürme sich über der Nordsee zusammen brauten, wenn die Unwetter im herbst oder Frühjahr die See in einen Hexenkessel verwandelten, wurde es richtig spannend auf der Insel.

Sicher, es war nicht ungefährlich, auf einem kleinen Flecken Land in der tobenden See zu hocken. Ungefähr vier Quadratkilometer hat die Nordsee im Laufe der Jahrhunderte „geschluckt“. So ging 1825 bei einer schweren Sturmflut das erste Westdorf verloren.

Aber das Meer nahm nicht nur, es gab auch: Schiffe gerieten in den Stürmen in Seenot und kenterten. Schrecklich! Die armen Seeleute, die bei diesen Unwettern ums Leben kamen oder irgendwo angespült wurden.

Doch wie heißt das alte ostfriesische Sprichwort: „Wat den een sien Uhl, is de anner sien Nachtigall.“ (Des einen Eule ist des anderen Nachtigall.)

Der Nachtigallenruf galt in diesem Fall den Insulanern. „Skipp up Strand!“ lautete er und versprach mehr oder weniger reiche Beute.

Alles, was bei den Stürmen von den Wellen auf den Strand der Insel gespült wurde, war Eigentum der Inselbewohner.

Treibholz, Kisten mit Tee oder Tabak, Fässer mit hochprozentigem Inhalt oder andere brauchbare Gegenstände ließ die Flut am „Driefsel-Rand“ (Spülsaum) zurück. Pech für den Schiffseigner – Glück für die „Strandjer“, die Beutesucher.

Das war keine Barbarei, nein, das war ihr verbrieftes Recht, das Strandrecht. Der Finder erhielt ein Drittel der Beute, der Häuptling (die Ostfriesen hatten Häuptlinge!) zwei Drittel. Erst Napoleon machte zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert diesem treiben ein Ende. Ob es dem mächtigen Mann gelungen ist, den Insulanern damit auf Dauer eine lukrative Einnahmequelle zu nehmen, kommt auf die Sichtweise an. Heute landen immer noch Schiffe an. Sie kentern nicht, sie werden angedockt. Aber das, was da von den Schiffen und Fähren quillt, bringt den Insulanern immer noch einiges ein...

Renate Hedemann, Großheide

anlässlich der Ausstellungseröffnung von Elma Ihben im Rathaus am 15. Juni 2002

Foto Hinrichs