Flora und Fauna des Wattenmeeres

Die Gemeine Salzbirke
Bétula salína  MOSCHNER ET NENNEN, 1997 

Die Salzbirke tritt im Wattenmeer in zwei Unterarten auf: 

- als Backbord-Salzbirke (Bétula salina ssp. rúbra) 

- als Steuerbord-Salzbirke (Bétula salina ssp. víridis) 

Beide werden im Volksmund auch „Pricke" oder „Prigge" genannt. 

Beschreibung: 

Beide Unterarten der Salzbirke haben eine bis zu 5 Meter hohe baumartige Gestalt. Während die Backbord-Salzbirke (ssp. rubra) an einem rot reflektierenden Ring unterhalb der besenartig ausgebreiteten Äste an der Spitze zu erkennen ist, erscheint die Steuerbord-Salzbirke (ssp. viridis) mit grüner Ringausbildung und zurückgeschlagenen, eng am Stamm anliegenden Ästen. (Vgl. Abbildung: rechts: Betula salina ssp. rubra, links: Betula salina ssp. viridis). 

Beide Formen weisen lange, astlose, mit weißer Haut umgebene Stämme von der Dicke eines Kinderunterarmes auf. Blätter kommen nur in Einzelfällen vor: Diese erscheinen höchstens kurzzeitig im Frühjahr und bleiben bei einigen Exemplaren als vertrocknete Reste noch lange haften. 

Verbreitung: 

Die Salzbirke ist nahe verwandt mit der Sand- und der Karpatenbirke, die trockenere Bereiche an Land bevorzugen, aber auch auf den Inseln nicht selten sind. 

Salzbirken vertragen dauernde Überflutung, Wassertiefen bis zu 3 m und einen Salzgehalt von 3,5%. Sie können daher als einzige Landpflanzen noch unterhalb der Quellerzone wachsen. Sie bevorzugen Prallhänge von Wattfahrwassern und Hafeneinfahrten. 

Fortpflanzung: 

Die Salzbirke vermehrt sich spontan im März/April. Ihre Lebenszeit beträgt ca. 1 Jahr, manchmal überdauert sie auch ein zweites Jahr. Es wird Ausläuferbildung angenommen, da Blüten bislang noch nicht beobachtet worden sind. 

Herkunft und Geschichte: 

Der Ursprung der Salzbirke ist nach heutigen Erkenntnissen im frühen Mittelalter zu suchen. Es besteht eine starke Ähnlichkeit mit dem Hexenbesen, und tatsächlich sind heute jede Zweifel über die Verwandtschaft der beiden Arten unbegründet. Es ist bekannt, dass der Berufsstand der Hexen jährliche Treffen organisierte, die dem Austausch und der Kommunikation dienten. Bei der Anreise zu diesen Treffen wurden jeweils neue Birkenstöcke geschnitten und durch Zauberkraft zum Fliegen gebracht. Auch die Hexen Ostfrieslands hielten diese Treffen früher regelmäßig auf den Sandflächen des Wattenmeeres ab. Der Umstand, dass das Wattenmeer damals im Winter und Frühling permanent trocken und im Sommer und Herbst dauerhaft überschwemmt war, kam den Hexen dabei zu Gute. 

In alten Schriften wird von einer Störung dieser Treffen berichtet, den sogenannten „Wattenmeerkonferenzen". 

In der Walpurgisnacht 1362 wurden die Feierlichkeiten der Hexen im Baltrumer Watt durch neugierige Insulaner gestört. Die Hexen verließen daraufhin fluchtartig den Tanzplatz und ließen die Besen im Wattboden stecken. In der Folgezeit beschlossen die verärgerten Damen, mit dem Tanzplatz auch gleich die ganze Insel den Blicken der Insulaner zu entziehen. So geschehen im Herbst des Jahres 1362 mit der 2. Marcellusflut, auch „Große Mannsdränke" genannt, bei der viel Land und Leute sowie deren Hab und Gut in den Fluten versanken. 

Vom Elend der Menschen angerührt, setzten sich die Hexen abermals zusammen und einigten sich auf einen Kompromiss: Sie beschlossen, das Wasser jeden Tag zwei mal zur Ermahnung der Bevölkerung bis an den Rand der Insel auflaufen und anschließend wieder ablaufen zu lassen. Auf diese Weise entstanden damals die Gezeiten, die sich wohl wegen eines Rechenfehlers täglich um fast eine Stunde verschieben. 

Die Hexenbesen überstanden die Überflutung und konnten sich dank ihrer Zauberkraft im Wattenmeer ansiedeln. Ausgehend von einem kleinen Bestand zwischen Baltrum und Nessmersiel, der dort unentdeckt über 500 Jahre sein Auskommen fristete, gibt es seit ca. 120 Jahren einen großen Bestand im gesamten Wattenmeerbereich. Man vermutet, dass die weiträumige Besiedelung erst durch Ausbildung der Unterarten und Mutation möglich wurde. 

Man kann also das Jahr 1362 als Geburtsstunde der Salzbirke und der Gezeiten bezeichnen. 

Verwendung: 

Den besonderen Standort der Salzbirke und ihre gute Kenntlichkeit machten sich die Seeleute schon frühzeitig zu Nutze. Sie dient noch heute als Navigationshilfe und ist aus dem Wattenmeer nicht mehr weg zu denken. 

Aus diesem Grunde ist eine Unterschutzstellung dringend geboten. Das Pflücken der Salzbirke ist strengstens untersagt! 

Einige Hafenämter haben sich spezialisiert und kultivieren bereits erste Exemplare der Salzbirke. Diese künstlich vermehrten Sträucher werden vor allem in Bereiche ausgepflanzt, in denen die Salzbirke bereits rückläufig ist. Auf diese Weise versucht man heute, die Bestände für die Zukunft zu sichern. 

Frank Nennen, Torsten Moschner

Die Inselglocke Baltrum  4-1997 

Die Inselglocke Baltrum