Mäh! - Mäh?

Es ist kein Geheimnis: Einen dichten Rasen erhält nur, wer mäht. Deichbauer, die ihre Deichanlage fest haben möchten, schicken Schafe zum Mähen; Gärtner, die einen Zierrasen wollen, müssen die Arbeit irgendwie selbst übernehmen. 

Selbstverständlich muss die Saatmischung stimmen, die dem Boden genauestens angepasst sein soll. Charles Edward Hubbard, englischer Gräserspezialist, der lange in den Royal Botanic Gardens forschte und 1967 die Linné-Goldmedaille erhielt, beschreibt: „... Die Anteile in den Mischungen wechseln nach der Art des Bodens und der Lage und dem Typ des Rasens, den man haben möchte...". 

Hubbard unterscheidet drei Sorten von Rasen: Zierrasen, Parkrasen und Rasen für Sportflächen. 

Ohne auf Details wie Gewichtsverhältnisse der Saatmischung der Sorten und Varietäten eingehen zu wollen, lässt sich fest stellen: Jede Rasenart beansprucht eine ganz spezielle Pflege und vor allem Mäh-Arbeit - uns zwar immer wieder. Der für den berühmten Wimbledon-Tennisplatz zuständige Gärtner dürfte einer der höchstbezahlten Europas sein. 

Gemäht wird immer, so bald die Graspflanzen neue Triebe aus den Wachstumsknoten heraus geschoben haben. Dies schaffen die Gräser schneller als die meisten anderen Pflanzen, so dass Blumen bei häufiger Mahd allmählich verschwinden. 

Nur einmal, höchstens zweimal im Jahr mähen muss derjenige, der sich mit einem Wildblumenrasen zufrieden gibt. So ein Rasen schreit auch nicht nach anderen Pflegemaßnahmen wie Düngen, „Kämmen" oder Sprengen. Da wachsen die Wildblumen, wie der Name sagt, und hindern die Gräser sowohl am Höhenwachstum als auch am Teppichbilden durch ein dichtes Wurzelgeflecht. Die W i l d -Kräuter (nur Bauern, die ihre Wiesen als Wirtschaftsfläche verstehen, sprechen von „U n-Kräutern") wachsen bis zur Samenreife heran und sind im nächsten Jahr zuverlässig wieder da. 

Eine solche Wildblumenwiese ist auf Baltrum z.B. unterhalb der „Pension Lottmann" zu bewundern. Im Mai/Juni stellt dort die Schmalblättrige Platterbse (Lathyrus angustifolius) die blassroten Blüten mit purpurfarbenen Flügeln aus, im Farbton passend zur Platterbsen-Wicke (Vicia lathyroides). Einige gelbe Farbtupfer liefern der Klappertopf (Rhinanthus major) und Hornklee (Lotus corniculatus). Die Dünenveilchen (Viola Tricolor) mit ihren gelb-blau-weißen Gesichtern vervollständigen die Palette. Ab Ende Juni/Anfang Juli wird Weiß vom Wiesen-Labkraut (Galium mollugo) und Schafgarbe (Achillea millefolia) vertreten, Gelb vom Echten Labkraut (Galium verum) und kleinen Kleearten (Trifolium campestre, Trifolium dubium und Medicago lupulina). Rötliches steuern der Kleine Ampfer (Rumex acetosella) und der Hasenklee (Trifolium arvense) bei, das hübsch zum Blau des Sandglöckchens (Jasione montana) passt. 

Schon allein diese Aufzählung zeigt, dass ein Liebhaber vieler Farben mit einer Wildblumenwiese besser bedient ist als mit einem Zierrasen. Doch auch Allergikern geht es besser mit vielen Blumen und Kräutern, denn diese werden auf einer solchen Wiese gegenüber den Gräsern im Wachstum begünstigt. Der Klappertopf „zapft" bei Graspflanzen sogar direkt Wasser und hält die klein, die am häufigsten Schuld haben an den Pollen-Allergien! Der ganz ähnlich lebende Zahntrost (Ordontitis rubra) verschwindet übrigens bei häufiger Mahd. 

Die geringere allergene Eigenschaft sollte für Baltrumer Hausgartenbesitzer, die als Vermieter oft in Zeitnot sind, ein besonders gutes Argument für den Wildblumenrasen sein - ein weiteres ist natürlich das Sparen der Mäh-Arbeit. 

Ein Wildblumenrasen gedeiht auf nährstoffarmen Böden, wie sie hier auf der Insel anzutreffen sind, besser als sonst irgendwo. So spart ein Hausbesitzer mit Wildblumenrasen nicht nur Zeit, sondern auch die teure und nicht immer unbedenkliche Künstliche Düngung. Da der Bewuchs einer solchen naturbelassenen Fläche nicht durch Schnitt verletzt ist, entgeht die Wasser speichernde Pflanzendecke und somit der darunter liegende Boden der Austrocknung. Ein Rasensprenger, der Grundwasser und Energie kostet, ist damit auch überflüssig. Und noch mehr spart, wer einen Wildblumenrasen sein Eigen nennt: Die bunte Vielfalt ist eine Insektenweide, die Vögel anlockt, die einmal Insekten auf ihrer Speisekarte haben, dazu aber auch Sämereien mögen. Die Raupen von 48 Schmetterlingen allein sind auf Wegerich-Arten (Plantago ssp.) angewiesen, auf die verschiedenen Löwenzahn-Arten (Leontodon ssp.) sind 41 spezialisiert. Chemie-Einsatz erübrigt sich. 

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, und so mag es Hausbesitzer geben, die Grün der Buntheit vorziehen. Doch sind Bodenqualität und Klima auf der großen Insel mit ihren Spezialisten, die den „Englischen Rasen" geschaffen haben, ungleich günstiger als auf der kleinen Insel Baltrum. Hier stehen Arbeitsaufwand und Kosten in keinem Verhältnis zum Ergebnis. 

Da die Mahd selten per Sense, noch seltener per Schaf erledigt wird, soll zum Schluss noch der Technik gedacht werden: Rasenmäher, gleich welcher Art, sind meist unangenehm geräuschvoll und störend. Umweltfachleute haben ausgerechnet, dass ein Viertakt-Rasenmäher in 24 Stunden genau so viel Schadstoffe ausstößt wie 26 Autos m i t Katalysator in einer Stunde! Und auch elektrische Motoren arbeiten natürlich nicht umsonst... 

Helga Ribani, Frank Nennen 

Die Inselglocke Baltrum 4-1997

Die Inselglocke Baltrum