Standorte

Am Wasserwerk: Königskerze und Reseda


Vom Ostdorf kommend finden sich rechter und linker Hand mehrere hoch aufgeschossene Gewächse: Gerade wie eine Kerze oder in dünnen langen Ruten präsentieren sich diese Pflanzen von den letzten Häusern des Ostdorfes („Kleiner Stadtlander"/ „Feldmanns Fischecke") bis zum Wasserwerk und sind sonst nur an einigen wilden Komposthaufen in den Dünen zu finden. Die zwei Königskerzen und die Färber-Reseda sind kulturträchtige Gewächse, vielfältig zu verwenden und relativ neu auf der Insel Baltrum. 

Mit den gelbgrünen Blütenruten wäre die Färber-Reseda recht unauffällig, wenn sie nicht in bis zu 1 m hohen Beständen den Platz beherrschen würde. Die Kaninchen scheinen die überwinternden Blattrosetten und die aufwachsenden Blütenstengel zu schonen - und nehmen die meisten anderen Pflanzen ringsumher. 

Die Pflanze schmeckt auch für den Menschen sehr bitter, was auf den Gehalt an Senfölglykosiden zurückgeht. Diese Stoffgruppe kennzeichnet besonders die nahverwandten Kreuzblütler und verleiht ihnen ihren typischen scharfen bis bitteren Geschmack. 

Mit einem weiteren Inhaltsstoff, dem Luteolin, der in allen oberirdischen Teilen der Pflanze, vor allem aber in den unreifen Früchten zu finden ist, lässt sich Wolle gelb färben. Dieser Eigenschaft verdankt die Pflanze ihre Ausbreitung in unsere nördlichen Gefilde. Sie stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und dem Südosten Europas, wo sie schon seit langem Verwendung findet. Den Römern war die Färbeeigenschaft der Pflanze wohl bekannt, sie nannten sie nach der entstandenen Farbe lutum (lat. luteus, -a, -um = gelb). 

Der deutsche Name Wau oder Waude lehnt sich an en Namen einer blaufärbenden Pflanze an, den Färber-Waid Isatis tinctoria, der den Indigofarbstoff lieferte, das sogenannte „Jeans-Blau". 

Die Bedeutung der Färber-Reseda als Heilpflanze ist gering. Der Name Reseda stammt jedoch von der heilenden Verwendung einer anderen Reseda-Art ab, vermutlich Reseda alba. Der römische Gelehrte Plinius schreibt zur Namensgebung der Pflanze: Weil die Bewohner von Arimum (heute Rimini) mit der Pflanze Eitergeschwüre und Entzündungen heilen wollten und dabei einen Zauberspruch sagten, der begann „reseda, morbus reseda" = „Reseda, stille die Krankheiten" trägt die Pflanze ihren als Imperativ von lat. resedare = stillen, beruhigen, heilen abgeleiteten Namen. Die Färber-Reseda hatte in früheren Zeiten auch in unseren Breiten eine volksmedizinische Bedeutung. Das Kraut und die Wurzeln (Herba et Radix Luteolae) wirken harn- und schweißtreibend und sollen gegen Bandwürmer helfen. 

Die Färber-Reseda ist erstmals 1933 (O. Leege) für die Inseln Borkum, Juist und Norderney angegeben. Ihrem Vorkommen ist auf den Inseln in der Folgezeit keine Aufmerksamkeit geschenkt worden, wohl weil es sich um einen Kulturfolger handelt, so dass man für den Zwischenraum bis heute keine verlässlichen Daten angeben kann. Die Pflanze ist seit dem Umbau des Strandschlösschens 1986/87 auf der Insel; denn ihr erster und heute noch aktueller Standort ist eine mittlerweile zugewachsene Bauschutthalde östlich desselben. 

Anders als die schmalen frischgrün glänzenden Blätter der Färber-Reseda sind die Blätter der Königskerze breit und mit einem Flaum von Haaren überzogen. Zwei Arten von Königskerzen wachsen an diesem Standort, auf der Insel Baltrum sind es insgesamt drei. Die Großblütige Königskerze, Verbascum densiflorum fällt besonders durch ihre grauen pelzigen Blätter und die großen gelben Blüten auf. Auf gutem Boden kann sie 2 m hoch werden, auf dem Sandboden der Dünen schafft sie kaum die 1-m-Marke. Der Name Verbascum ist ein verstümmeltes barbascum (lat. barba = Bart), das soviel bedeutet wie bärtiges Kraut. 

Fast alle Organe der Pflanze enthalten Schleimstoffe, zur medizinischen Verwendung kommen aber nur die Blütenblätter mit den daran festsitzenden Staubgefäßen. Diese Wollblumen kann man aber auch selber sammeln. 

„Die günstigste Zeit ist der späte Vormittag, gleich nachdem die Sonne den Morgentau abgetrocknet hat. Zu dieser Zeit kann man die Kronblätter frisch erblühter Blüten mit den daran festgewachsenen Staubgefäßen leicht pflücken, am Nachmittag ist das schwieriger." Die Blumen müssen gleich an luftigem Ort, nicht über 50° C, aber schnell getrocknet werden. Wenn sie ihre gelbe Farbe verlieren, büßen sie auch einen Teil ihrer Wirkung ein. Der Inhaltsstoff Schleim wirkt reizlindernd, und die Sapione lösen den festsitzenden Schleim in den Bronchien und erleichtern somit das Abhusten. „Fast nie werden Wollblumen allein verwendet," schreibt Pahlow 1993, „sie sind immer nur Bestandteil verschiedener Hustenmittel in Teeform." 

Die Großblütige und die Kleinblütige Königskerze, Verbascum thapsus - auch an einigen Stellen im Westdorf - werden in Deutschland, Belgien, auf dem Balkan und in Italien angebaut, so dass man nicht mehr nur auf die Wildvorkommen dieser Pflanzen zurückgreifen muss. Neben der Großblütigen Königskerze wächst auch die Schwarze Königskerze Verbascum nigrum. Sie hat violette Staubgefäße, bleibt etwas kleiner und ihre Blätter sind grün und mit feinen Haaren bedeckt. 

Königskerzen lassen im Laufe des Nachmittags ihre Kronblätter fallen. Oft reicht als Initialzündung dafür ein Windstoß aus. Die Blüten spenden reichlich Nektar und Pollen und öffnen sich sehr früh am Tage. Untersuchungen im Botanischen Garten Osnabrück haben ergeben, dass die Blüten der Großblütigen Königskerze morgens zwischen 5 und 5.15 Uhr regelmäßig von einem „Schwarm" Hummeln umsurrt und geleert werden. Die etwas später „aufstehenden" Bienen gehen bei diesem Gewächs leer aus. 

Die beiden Königskerzen sind vor zehn bis zwölf Jahren im Ostdorf südlich des Hauses Nannen aufgetaucht. Diese Stelle ist jedoch zur Zeit mit Gras bewachsen, und der für die Pioniere so wichtige offene Boden fehlt. Den Königskerzen bleibt daher nur die Wanderschaft und ein häufiger Umzug an geeignete Plätze. Da die Königskerzen attraktive Gartenpflanzen sind, ist anzunehmen, dass sie schon längere Zeit auf der Insel kultiviert werden und erst in jüngerer Zeit ausgebüxt sind. 

An dem Standort befindet sich seit 1969 der neue Wasserbehälter des Wasserwerkes. Mit dem Bau ist eine Sicheldüne verschwunden, auf der sich ein größerer Bestand der Strandwinde befand. Wie bei den anderen Standorten beim Haus Rolinck und beim Bootsschuppen entstammen die Baltrumer Strandwinden Pflanzungen Otto Leeges, der sie dort für einige Jahre erfolgreich ansiedeln konnte (beim Haus Rolinck bis heute). Die Strandwinde wächst auf den Ostfriesischen Inseln sonst nur im östlichen Dünengebiet Spiekeroogs. 

Frank Nennen 

Die Inselgocke Baltrum 4-1998

Die Inselglocke Baltrum