Brunnenwal

Wie Baltrum zu einem Wal kommt

Erster Schritt: Eine vage Idee.

1995, als die Fertigstellung der Strandpromenade gefeiert worden war, fanden Veranstalter und Gäste, dass solch ein Fest eine gute Sache und darum wiederholbar sei. Die eingenommenen Gewinne könnten Wünsche erfüllen, die angesichts leerer Gemeindesäckel sonst unerfüllt bleiben würden. Der damalige Gemeinde- und Kurdirektor Volker Rieche plädierte für etwas, das Baltrum ein besonderes Gesicht geben würde. Dafür sollte ein Teil der Gewinne aus den folgenden Promenadenfesten verwendet und zunächst angespart werden. Ein Brunnen könnte so etwas sein.

Zweiter Schritt: Eine etwas genauere Idee.

1997 konnte festgestellt werden, dass eine gute Summe vorhanden war, die es nun gut unterzubringen galt. Ein kleiner Wettbewerb war schnell gestartet, und etliche Künstler brachten kleine Modelle ihrer ganz konkreten Ideen zur Insel. (Die kleinen Modelle standen - und stehen - im Sitzungsraum des Rathauses auf den Fensterbänken.) Da sieht man Segel, riesige Kugeln, alles sehr abstrakt, ziemlich erklärungsbedürftig und sehr künstlerisch. Ein Entwurf wurde jedoch nur gezeichnet eingereicht: klar und deutlich „schwamm” da ein kleiner Wal in einem Wasserbecken. Jemand erinnerte sich an das tragische Ende des Pottwals, der 1994 vor Baltrum strandete, und schon wurde dem Walbrunnen allgemein der Vorzug gegeben.

Dritter Schritt: Bürokratische Voraussetzungen.

Februar 1998 tauchte der Wal denn in der Tagesordnung des Baltrumer Rates auf. Viel gab es zu bedenken:

1. Der Standort - mitten auf dem Platz (im Volksmund bekannt als Platz des himmlischen Friedens), am Rande desselben, vor dem Rathaus...

2. Die Technik - Untergrundbeschaffenheit (der „Kleine” bringt immerhin seine drei Tonnen auf die Waage), Wasser- und Stromanschlüsse, Pflastersteine für den Umgang rund um das Brunnenbecken...

3. Die Kosten - Material und Fertigstellung des Beckens sowie für die Rundumpflasterung waren nicht aus den bisher erwirtschafteten Gewinnen zu bezahlen. Nachdem sich die Festplaner zur Übernahme auch dieser Kosten bereit erklärt hatten, waren noch die Folgekosten zu bedenken. In das Becken wird Sand eingetragen, da müssen Reinigungskräfte ran, die Technik muss gewartet werden, Strom und Wasser ...

Nach hitziger Debatte beschloss der Rat:  

Vierter Schritt: Auftragserteilung.

Andy Möbius, einfallsreicher Bootsbauer aus Wirdum, bekam das berühmte „grüne Licht” zum Walbau. Im Künstleratelier entstand ein Skelett mit Hilfsträgern (die Betonmasse soll schließlich zwischen den Stahlrippen haften bleiben).

Fünfter Schritt: Reise nach Baltrum.

Viel Technik und noch mehr Menschenhände sind nötig, den Transport zum vorgesehenen Standort zu bewerkstelligen. Terminprobleme gab es auch zu lösen, aber dann

Sechster Schritt: Ein sicherer Standpunkt.

Das Ausheben des Bodens für die Beckenmulde erfordert Knochenarbeit, müssen doch Rosenwurzeln  (s e h r  zäh!) entfernt werden. Den Berechnungen der Statiker entsprechend wird dann die Mulde gegossen - zu drei Tonnen Skulpturgewicht kommen vier Tonnen Wassergewicht - auf Stahlmatten!

Siebenter Schritt: „Fleisch für das Skelett”.

Nachdem entschieden ist, dass die Figur sein Heck dem Meer zuwenden soll (im Bild: Bürgermeister Gerd Althainz mit Künstler Andy Möbius), wird Betonschicht auf Betonschicht aufgetragen, do dass die Gestalt deutlich wird.

Achter Schritt: Gestaltungsprobleme.

Um ein gleichmäßiges, allmähliches Trocknen zu gewährleisten, wird ein Zelt aufgebaut. Das Einreiben der Farbe geschieht ebenfalls dort (gemalte Farbschichten könnten die Haut rissig machen), der Fangkorb für die Technik ist eingesetzt. Die senkrechten Stäbe erinnern an Barten, das sind bekanntlich die „Siebe”, mit denen die lebenden großen Verwandten der Skulptur auf Jagd gehen. Pottwale - und daran erinnert die Gesamtform - gehören allerdings zu den Zahnwalen, mit mächtigem Schädel über einem vergleichsweise schmalen Unterkiefer. Auf die widersprüchlichen Eindrücke angesprochen, erklärt der Künstler: „Es soll kein natürliches Abbild eines Wals entstehen. Dies ist erkennbar ein Wal, so, wie er auf Karikaturen und überall erkannt wird. Darum ist er auch gepierct!”

Neunter Schritt: Fertigstellung.

Mittlerweile ist die Figur getrocknet, himmelblau leuchtet sie. Ein der Natur näheres Dunkelgrau wäre problematisch gewesen, denn die Sonne Baltrums könnte das Äußere stark aufheizen, während aus dem Inneren das kühle Wasser kommt - es könnte die Figur zerreißen. Eine Leitung wird auf die Schnelle ausgehoben, die Randsteine für die Beckenumrundung (Spende eines Baltrumer Bauunternehmers) werden noch im letzten Augenblick gemauert. Dann ist der 28. Juni da, das Dorf-Fest, bei dem der Brunnen der Gemeinde offiziell übergeben wird.

Zehnter Schritt: Taufe.

Bis zum 8. August darf man sich noch daran beteiligen, dem Baltrumer Wal einen Namen zu geben (Vorschläge sind bei der Werbegemeinschaft, Haus Nr. 127, abzugeben). Am Sonntag, den 9. August wird er dann beim diesjährigen Promenadenfest getauft.

Helga Ribani

Die Inselglocke Baltrum 1-2001