Die Inselglocke Baltrum
Baltrumer Geschichte und Geschichten 


Gemeindeschwester Lisbeth Sprenger erzählt aus dem Hause Nr. 18 
aus der Gemeindekrankenpflegestation und der Schwesternstation unserer Insel Baltrum 

Der Dichter Berend de Vries schrieb über alte Baltrumer Häuser folgendes Gedicht: 

Zwölf Friesenhäuser schaun mit blanken Scheiben 
weit über Wattengrau und Wiesengrün. 
Fall, Anker, hier! Nun laß die Sorgen treiben. 
Ja, eine kurze Spanne nur hier bleiben, 
fernab der Welt und ihrem wilden Mühn. 

Die Dünengärten, wie sie friedvoll liegen 
in grünen Tälern, windgeschützt und still. 
Wie traumhaft weiß im Blau die Möwen wiegen 
und Brandganspaare pfeilgrad wattwärts fliegen, 
indes die Lerche singt so süß sie will.

Wer von Ihnen, verehrte Inselgäste, einmal an einem hellen Sommertage mit „Tina Meta" eine Lustfahrt nach Langeoog unternahm, der sah sie von der Wattseite aus liegen, die alten Friesenhäuser. Und gewiß hat er sich gleichfalls an dem schönen, friedlichen Bilde gefreut, wie der Dichter der obigen Verse. 

Doch nicht nur im Ostdorf - auch im Westdorf haben wir noch einige der alten Inselhäuser mit niedrigen Fenstern und weit herabgezogenen Dächern. Eines davon schaut mit seiner Nordseite weiß getüncht und nüchtern in das Dorf hinein. Jedoch von der Südseite her gesehen ist es ein Idyll. Geduckt und geschützt liegt es zwischen zwei Dünen. Sommers ist es über und über mit grünem Blättergerank bewachsen. Eine dichte Hecke davor umschließt den kleinen Blumengarten. Überrascht stand schon mancher „Gast" vor dem alten verwitterten Bau, und ich konnte es hören: „Das schönste Haus von Baltrum, hier möchte ich auch wohnen." 

Oder scherzend wurde gefragt, „ist dieses hier das Dornröschenschloß?" Auf eine ebenso scherzhafte Antwort folgte dann meistens eine kurze Erklärung über den jetzigen Zweck des Hauses. Doch es schaut auf eine mehr als hundertjährige Vergangenheit zurück, und seine wechselvolle Geschichte ist gar nicht so schnell erzählt. Seinem Alter nach könnte das Haus Nr. 18 gut das Schloß des hundertjährigen Schlafes sein. Zwar trägt die Hecke da herum keine Rosen - es ist Bocksdorn. Aber würde er nicht fleißig beschnitten, so hätte er sicherlich das alte Haus vollkommen bedeckt wie einstens die Rosenhecke das Märchenschloß. Und - nein - eine Prinzessin und ein Hofstaat schliefen auch niemals darin. Im Gegenteil! Durch viele Jahrzehnte hindurch beherbergte es ständig zwei gestrenge Wächter! Die Zollbehörde hatte es für zwei ihrer Beamtenfamilien bauen lassen, ganz im Stil der alten Friesenhäuser, worin man in Butzen schlief, und worin auch die Ställe für Milchschafe, Schweine und Hühner mit eingebaut waren. Die Tiere mußten helfen, für das „tägliche Brot" der Familie zu sorgen. Sie lieferten außerdem den Dünger für den Garten, aus dem man Kartoffeln, Bohnen und Grünkohl erntete. 
Wozu brauchte das kleine Baltrum  z w e i  Zollaufseher? Nun, in jenen Jahren fuhren die meisten Männer der Insel zur See. Nicht alle zum Fischfang. Mehrere hatten eigene Segelschiffe, mit denen sie als Kapitäne Güter und Waren aus deutschen Häfen bis nach Schweden, Norwegen, nach England, ja auch bis nach Riga und Petersburg brachten. Im zeitigen Frühling fuhren die Schiffer von Baltrum und den anderen ostfriesischen Inseln aus und kamen oft erst im November in die Heimat zurück. Vom Ausland brachten die Schiffe wiederum Waren nach Deutschland, die verzollt werden mußten. So hatten die Beamten gut aufzupassen, daß keine Schmuggelware eingeführt wurde. Auch an wertvollem Strandgut durfte sich niemand bereichern. Wer das Glück hatte, einen solchen Fund zu machen, mußte den der Zollstation melden, die dann weiter darüber verfügte. Die weiten Fahrten mit Segelschiffen brachten viele Gefahren mit sich. Mancher Mann und Vater aus alten Inselhäusern kam im Sturme auf dem Meer um und kehrte niemals zu den Seinen zurück. 
Mit den Jahren wurde die Segelschiffahrt immer mehr eingestellt. Den Dienst auf Baltrum konnte fortan  e i n  Zollbeamter versehen. Als im Anfang des Jahres 1932 eine Beamtenwohnung frei wurde, mietete sie der damalige Ortsgeistliche, Herr Pastor Tongers, und richtete darin die so notwendig gewordenen Gemeindeschwesternstation für die Insel ein. Das geschah zunächst in sehr bescheidenem Rahmen. Neben der Wohnung für die Schwester gab es nur ein Dienstzimmer. Nach und nach wurde es gut und vollständig ausgestattet. Der Arzt, welcher von Zeit zu Zeit vom Festland zur Betreuung der Kranken herüber nach Baltrum kam, konnte auch seine Sprechstunde darin halten. Besonders während der Sommersaison fand so mancher Badegast Hilfe und Rat in Krankheitstagen im alten Hause. Auch hier zur Kur weilende Ärzte waren öfter bereit, bei Unfällen und Verletzungen zu helfen. Gar manche Kopf-, Arm- und Beinwunde ist hier genäht und geheilt worden. 

Die Gemeindeschwester war in den ersten Jahren in ihrer Inseltätigkeit mit Krankenpflege, mit der Pflege von Wöchnerinnen und Säuglingen nicht voll ausgelastet. Sie hatte den Handarbeitsunterricht an der Inselvolksschule zu erteilen und konnte sich mit Aufgaben in Frauen- und Jugendkreisen beschäftigen. Viele frohe Kinder gingen im Hause ein und aus, zu lernen, zu arbeiten, zu spielen und zu singen. 

1938 hatte die Zollbehörde ihrem Beamten ein neues Haus gebaut. Nr. 18 wurde jetzt ganz von der Gemeinde Baltrum gemietet. So bekamen wir ein Krankenzimmer dazu und Wohnraum für einen Badearzt und einen Polizeiwachtmeister. Beide Herren waren während der ganzen Sommersaison auf der Insel. Die steigende Zahl der Badegäste vor dem Kriege machte ihre Anwesenheit nötig. 

Als der Krieg kam, wurde die ärztliche Betreuung auf Baltrum schwieriger und seltener. Wohl kamen auch noch Badegäste zu uns, aber in manche Familien und Häuser Verwandte und Bekannte aus größeren gefährdeten Städten. Auch eine kleine Abteilung Soldaten zog auf der Insel ein. Ihre nächste ärztliche Versorgung war auf der Nachbarinsel. So ergab es sich, daß in unserer Gemeindekrankenpflegestation auch die Soldaten ihre erste Versorgung bei Unfällen und Krankheiten haben mußten. Das Deutsche Rote Kreuz hatte mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde unsere Unfallhilfsstelle noch weitgehend vervollständigt mit Gegenständen zur Krankenpflege, mit Instrumenten und Medikamenten. Eine Gruppe von Inselfrauen, jungen Mädchen und Männern wurde im Auftrag des DRK von der Gemeindeschwester ausgebildet und als Helfer zu etwa nötigem Dienst verpflichtet. Anstatt der fröhlichen Kinder waren nun oft große Leute zu ernsterem Tun in der Station beieinander. Immer mußte geübt und irgendwie geholfen werden. Wenn wir hier auf dem stillen Eiland auch nicht in so furchtbarem Ausmaße wie die Bewohner der Städte die Schrecken des Krieges zu tragen hatten, so bleiben uns doch manche schweren Ereignisse in unvergeßlicher, schmerzlicher Erinnerung. Das Kriegsende brachte uns mehr und mehr Pflegebedürftige, zumeist alte Menschen auf die Insel. Und in der Nachkriegszeit erlebte unser altes Haus so viel innere Umgestaltung, daß ich sie nur kurz andeuten kann. Eine Zeitlang war sogar das Gemeindebüro darin untergebracht. Kinderspeisung wurde gekocht. Heimatlos gewordene Menschen fanden vorübergehend darin Wohnung. Damals richteten wir unsere „Mütterstube" in der Station neu ein. Mehreren Flüchtlingsfrauen, die Kinder erwarteten, wollten wir gute Hilfe bei der Niederkunft und Wochenpflege zuteil werden lassen. 

Es kamen nun Jahre rascher Aufwärtsentwicklung der Insel als Nordseeheilbad. Immer mehr wurden es so der verantwortungsvollen Aufgaben für die Gemeindeschwester. Wohl kam der Arzt, Herr Dr. Roelfs aus Dornum, so oft es irgend anging, vom Festland herüber. Und manches Mal ist er unter Gefahr seines eigenen Leibes gekommen und hat den Menschen hier geholfen. Wer winters nie auf einer abgelegenen Insel gelebt hat, kann sich schwer eine Vorstellung davon machen, mit wieviel Schwierigkeiten, ja Unmöglichkeiten zu rechnen ist, wenn in dringenden Fällen plötzlich der Arzt gebraucht wird. Wir sind nicht nur im Schiffsverkehr abhängig von Ebbe und Flut, da ist zuweilen das unberechenbare Wetter mit Sturm, hohen Fluten, mit Eis oder undurchdringlichem Nebel, das Schiffe und Menschen in Gefahr bringt. So war es allseitig dankbar zu begrüßen, daß Herr Dr. Behrendt als ständiger Arzt nach Baltrum kam. Bis zur Fertigstellung des Kurmittelhauses mit den ärztlichen Praxisräumen arbeitete Herr Dr. Behrendt hier in der Station. Auch ihm und seiner Familie diente unser altes Haus zeitweilig als Notwohnung. Später war darin für einige Jahre die zahnärztliche Praxis untergebracht. 

Durch die ständige Anwesenheit des Arztes wurde die Arbeit der Gemeindeschwester um vieles leichter. Es blieb auch wieder mehr Zeit für die Jugendarbeit übrig. Fortbildungsschuluntericht in Hauswirtschaft, Kochen, Nadelarbeit und Säuglings- und Gesundpflege konnte die Schwester durch einige Winterhalbjahre in der Station für eine kleine Zahl von Schülerinnen erteilen. Das war eine besonders schöne, frohe Aufgabe, an welche ich gerne zurückdenke. 

Im Laufe der Jahre machten sich an und in unserem Hause rechte Zeichen von Altersschwäche bemerkbar. Und durch geraume Zeit hindurch war die Frage offen, wer die Kosten für die Instandsetzung tragen sollte. Nach längerer Verhandlung mit den zuständigen Behörden erwarb die Gemeinde Baltrum käuflich das Haus Nr. 18. Und nun verschwanden seine alten Ställe und morschen Teile nach und nach. Erst wurde die Westseite hergerichtet und erhielt u. a. Wohnraum für die inzwischen pensionierte alte Gemeindeschwester. Im letzten Frühjahr wurde die Wohnung der neuen Schwester gründlich verändert und modernisiert. 

Nun sind wir recht froh und dankbar dafür, daß die Gemeinde auch in der Schwesternstation so gut für den Fortschritt sorgte, daß die junge Schwester ein schönes Heim bekam. Ihr Dienst hier auf der im Winter so einsamen Insel ist wohl schön und vielseitig, aber durch die Wege in Sturm und Regen, in Schnee und Eis auch oft recht anstrengend. Wir wünschen Schwester Meta, daß sie lange Jahre in Gesundheit ihr Amt als Gemeinde- und Hebammenschwester der Insel möge wahrnehmen können. 

Advent ist es wieder geworden und gekommen ist die Zeit der Vorbereitung für den Gruß, der als Festausgabe der „Inselglocke" zu Ihnen allen reisen soll. Wenn ich jetzt über Erlebnisse während der letzten drei Jahrzehnte in unserem geliebten alten Hause nachdenke, fällt mir auch eine Erinnerung an darin verlebte Weihnachtsabende ein. Am Heiligabend waren nach der Christvesper meist noch einige Besuche bei alten alleinstehenden Menschen zu machen, ehe ich in mein Heim kam. Weihnachtslichter und Tannengrün waren immer da. Auch ein Instrument für das Weihnachtslied. Und viel, viel Post - hergekommen übers Wasser. Allein war ich, und doch niemals einsam, im Geiste verbunden mit vielen lieben Menschen in der Ferne. In der traurigsten Nachkriegszeit lag am Heiligabend auch einmal eine Wöchnerin in der „Mütterstube". Am 18. Dezember war es leider zu einer Zwillingsfrühgeburt gekommen. Eines der kleinen Bübchen war nicht lebensfähig. Das andere hatte die Nottaufe bekommen müssen und uns viel Sorge um sein kleines Leben bereitet. Nun aber lag es rosig in seinem Wärmebettchen. Die blasse Mutter schaute sinnend in den Glanz der Kerzen, welche das fünfjährige Töchterchen und der Vater angezündet hatten. Alle drei waren nach der überstandenen Angst von Herzen dankbar und fröhlich in der warmen Geborgenheit unserer Station. Ihre Notwohnung war kalt, und - ohne die Mutter daheim. 

Im Nebenzimmer brannten die Kerzen für zwei treue gute Kameraden, die getrennt von den Lieben ihrer Familien das Christfest mit mir feierten. Wehmut war in aller Herzen - und doch ein Abglanz der seligen Weihnachtsfreude, die Gott uns in jedem Jahr durch seine unendliche Liebe von neuem nahebringen will. 

Ihnen allen, verehrte Gäste der Insel, wünschen die junge und alte Gemeindeschwester ein gesegnetes, frohes Fest. Zum Schluß möchte ich Sie alle, welche Baltrum liebgewannen, für einige Augenblicke hierherholen an ein kleines Fenster unseres alten Hauses. Im Südosten steigt der rote Ball der Wintersonne feierlich aus dem Watt herauf und bald ist das ganze Zimmer in Sonnengold getaucht. An solch erhabener Schönheit kann man sich freuen, auch im kalten Winter auf unserem kleinen, geliebten Baltrum. 

Schwester Lisbeth Sprenger 

Die Inselglocke Baltrum, Weihnachtsausgabe 1960 und 4-1998