Auf und nieder...

Gezeiten IV

Nun wollen wir uns mit den Auswirkungen von extremen Wasserständen befassen. 
Wirkt starker Wind oder gar Sturm aus westlichen Richtungen auf den Tideverlauf ein, so kommt es zu Wind oder Sturmfluten. Bläst der Wind andauernd mit Orkanstärke, so werden die Fluten als Orkanfluten bezeichnet. Vielfach erleben wir Sturmfluten zur Zeit der Springtide. Das macht sich bei den Wasserständen deutlich bemerkbar. 
Die Folgen einer Sturmflut sind sehr unterschiedlich - ebenso die Vorbereitungen der Gefahrenabwehr. 

Beginnen wir mit den Windfluten. Sie erreichen durchweg nur Wasserstände bis ca. 1,2 m über dem Mhw. Sie gehören zu den als "leichte Sturmflut" bezeichneten Fluten und sind auch in den Sommermonaten zu erwarten. Im Allgemeinen geht von ihnen keine Gefahr für die Inseln und die Küste aus. Allerdings muss in den Sommermonaten an die Strandkörbe, Zelte und andere Utensilien, die sich im Strandbereich befinden, gedacht werden. Wenn in den Wintermonaten Sturmfluten die Strandhöhe ungünstig beeinflusst haben, muss rechtzeitig damit begonnen werden, diese Gegenstände aus dem flachen Bereich an die höher gelegene Randdüne und an die Übergänge an das Dorf heranzuschaffen. 
Als vor einigen Jahren der Strand sehr niedrig lag, schafften es die Mitarbeiter der Kurverwaltung nicht immer ohne die Unterstützung der Feuerwehr. Wurde die gefährliche Situation erst spät abends deutlich, so baute die Feuerwehr eine Beleuchtungsanlage auf, um die Unfallgefahr für die Helfer zu verringern. In den Sechziger Jahren hat ein Rettungsschwimmer eine Rückenverletzung bei den Bergungsarbeiten erlitten. 

Leichte Sturmfluten bis zu einer Wasserhöhe von 2,40 in werden kaum Schäden an den Uferschutz-Anlagen hervorrufen. Fluten mit dieser Wasserhöhe sind zwischen Oktober und März zu erwarten. Schwere Sturmfluten treten nur im Winter auf. Sie erreichen durchweg Wasserstände bis 3,20 über dem Mhw, wobei erfahrungsgemäß hier auf Baltrum Wasserstände bis zu 2,50 in erreicht werden. Aus diesem Blickwinkel ist es sicherlich verständlich, dass im Herbst möglichst vor der ersten Sturmflut alle Gegenstände, zu denen auch die Ruhebänke am Hafen, auf der Strandpromenade und auf dem Hellerweg gehören, in Sicherheit gebracht werden. 

Die zweimal im Jahr stattfindenden Deichschauen gehören zu den vorbereitenden Maßnahmen des Sturmflutschutzes. Im Frühjahr werden alle Uferschutzanlagen von einer Kommision aus Fachleuten auf Sturmflutschäden untersucht. Im Herbst erfolgt dann die Kontrolle ob die im Frühjahr festgestellten Schäden beseitigt worden sind. Gleichzeitig wird geprüft, ob alle Deichverteidigungsgeräte und -materialien vorhanden und einsatzbereit sind. Hier ist eine große Menge Sandsäcke, aber auch Rammpfähle, Bindedraht, Faschinen und Schüttsteine vorhanden. Die Strandmauer und die Deiche auf der Südseite und im Osten der Insel schützen uns bis zu einer Wasserhöhe von 6,0 in über den Mhw. Vorsorglich werden nach der Saison die Deichscharten im Strandmauerbereich geschlossen. Lediglich am Strandhotel bleibt ein kleiner Durchgang offen. Erst im Gefahrfall wird diese Lücke geschlossen. Die Dammbalken für die anderen Deichscharten werden zur gleichen Zeit aus dem Sommerlager auf dem Bauhof am Westkopf zu den Deichscharten gebracht. 

Auf Baltrum - auf den Nachbarinseln ist es fast genauso - werden bei einem zu erwarteten Wasserstand von mehr 2,50 in über dem Mhw Vorbereitungen für den Sturmschutz getroffen. Zunächst werden behördeninterne Einsatzmaßnahmen abgestimmt und Fahrzeuge und Geräte vorbereitet. Als nächtes werden gefährdete Gebäude im Deichvorland, unter anderem das Nordseehaus, durch Sandsackwälle geschützt. Die Rohrsiele der Oberflächenentwässerung müssen zugedreht werden, damit durch die Rohrleitungen kein Meerwasser in das Dorf eindringen kann. Wird ein Wasserstand von mehr als drei Meter erwartet, werden die Deichscharten beim Hotel Fresena und beim Haus Seestern geschlossen. Die Öffnungen in der Sturmflutschutzmauer nahe dem alten Rettungsschuppen und den beiden kleinen Häusern ebenfalls. 

Sobald das Wasser den Deich erreicht hat, nehmen die Deichwachen die Arbeit auf. Die Insel ist in drei Kontrollabschnitte eingeteilt. Der erste umfasst die gesamte Strandmauer und die Randdüne vor dem Dorf. Zum zweiten Abschnitt gehört der Süddeich vom Bauhof bis zum Strandhof. Von dort bis zum BK-heim reicht der dritte Kontrollbereich. 
Die Deichwachen bestehen aus zwei Personen, sie sind natürlich wettersicher bekleidet. Mittels Handfunksprechgerät stehen sie untereinander und mit dem Bauhof stets in Verbindung. Wird mit erheblichen Gefahren für die Insel gerechnet, so tritt der Einsatzstab entweder im Rathaus oder im Feuerwehrhaus zusammen. 
Hier werden die eingehenden Meldungen ausgewertet und Schäden so weit mit den vorhandenen Geräten und Materialien eingedämmt oder gar beseitigt. Gelingt das nicht, so muss über den Landkreis Aurich und über das NLWK Norden Hilfe vom Festland angefordert werden (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz). 

Die sicheren Deiche und die Strandmauer lassen eigentlich keine Schäden bei den hier zu erwartenden Sturmfluten vermuten. Problematisch könnte es werden, wenn sich die Strandverhältnisse am Ostende der Strandmauer derart verschlechtern, dass das mittlere Hochwasser am Dünenfuß steht, wie es 1982 und 1992 der Fall war. Eine Sturmflut könnte dann gefährliche Dünenabbrüche nördlich des Kurzentrums herbeiführen. 

Die außergewöhnlichen Niedrigwasserstände sind für die Schifffahrt auf dem Wattenmeer von Bedeutung. Wenn starker Ostwind - vielfach zur Zeit der Nipptide auftretend - die Flutung der Wattpriele verhindert, können die Schiffe zunächst nur bei Hochwasser fahren, dann ist pro Tag nur eine Fahrt durchführbar. Verschlechtern sich die Wasserverhältnisse weiter, so fährt nur eine Fähre zum Festland und erst am anderen Tag zur Insel zurück. Schlimmstenfalls muss die Schifffahrt eingestellt werden, bis die Sturmstärke abgenommen und die Windrichtung sich verändert hat. Aber auch zu hohe Wasserstände führen zur Beeinträchtigung der Schifffahrt, vor allem, wenn die Hafenanlagen unter Wasser geraten sind. Dann werden die Fährzeiten in den Niedrigwasserzeitraum verlegt. 

Natürlich freuen wir uns, wenn wieder ein Winter ohne schwere Sturmfluten vergangen ist. 

Für die vielen Auskünfte, die von den Mitarbeitern der Bundes- und Landeseinrichtungen gegeben wurden, danke ich hiermit herzlich. 

Quellen: 
Gezeitenkalender 
Sturmfluten von Petersen u. Rhode 
Deutsches Gewässerkundliches Jahrbuch 1996 
Pegel und kennzeichnende Wasserstände an der Ostfriesischen Küste WSA Ernden 1983 

Heino Comien

Die Inselglocke 4-1999 

Die Inselglocke Baltrum