Aus Baltrums Tierwelt 

Willy Wellhorn 
Ein Schneckenleben 
1992 - 1998 

Nach wochenlanger Drift in der Nordsee wurde der Laichballen, in dem sich Willy Wellhorn befand, am Badestrand von Baltrum angespült. Es war am 8. Mai 1992, als Torsten Moschner, Mitarbeiter des Nationalparkhauses, ihn bei einem Spaziergang am Spülsaum fand. Torsten ist immer auf der Suche nach gestrandeten Meereslebewesen, die im Aquarium des Nordseehauses ein neues Zuhause finden. Auch um Willy kümmerte er sich in der Folgezeit, so dass dieser ihn schon bald als Pflegevater anerkannte. 

Willy's leibliche Eltern, Walpurga und Wilhelm Wellhorn, hatten ihn zusammen mit ungefähr 2000 Geschwistern als Laichballen mitten in der Nordsee, in einem Gebiet, das sich Doggerbank nennt, an den Meeresboden angeheftet. 

Von Sturm und Seegang losgerissen, trieb er wochenlang mit seinen Geschwistern in der Nordsee umher. Weil er sich im Inneren des Laichballens befand, überlebte Willy, während seine an der Oberfläche sitzenden Familienmitglieder von Fischen und Krebsen aufgefressen wurden. 

Als Torsten ihn schließlich an diesem 8. Mai fand und in das Aufzuchtbecken des Aquariums brachte, lebten außer ihm noch 14 weitere kleine Schnecken. Manche von ihnen waren aber schon so schwach, dass sie in den folgenden Wochen starben. Einige von ihnen wurden auch von Krebsen, die in das kleine Aufzuchtbecken gelangten, aufgefressen. Ihr Schneckenpanzer war leider noch nicht hart und groß genug, um das zu verhindern. 

Damit er nicht das gleiche Schicksal erleiden musste, fraß Willy ganz besonders viel. 

Er wollte schnell groß und stark werden. So wuchs er in den nächsten Wochen und Monaten von einem Millimeter bis zu einem Zentimeter Größe heran. Als er sein Haus auf fast zwei Zentimeter Größe ausgebaut hatte, durfte er seine Kinderstube verlassen. Torsten setzte ihn in das große Aquariumbecken. 

Dort kam ihm alles groß und riesig vor. Er brauchte Stunden, um von einer Ecke in die andere zu kriechen. Überall gab es Neues zu entdecken; bunte Seenelken, kleine Würmer, die im Boden saßen, Garnelen, die aufgeregt durch das Wasser flitzten, kleine Sandgrundeln, stachelige Seeigel, an denen er sich anfänglich immer piekste, und freundliche Seepocken, die ihm fast immer zuwinkten. 

Nur selten versteckte er sich aus Angst vor größeren Krebsen unter Muschelschalen oder in dunklen Ecken des Aquariums. Mit zunehmender Größe wurde er immer mutiger und verjagte auch gelegentlich die schnellen Garnelen vom leckeren Futter, wie toten Würmern oder Muscheln. In seiner neuen Heimat fühlte er sich sehr wohl. Jedesmal wenn Torsten neues, frisches Wasser vom Hafenbecken brachte, das so wunderbar nach Nordsee roch, erinnerte er sich an den Geruch des Meeres, an Ebbe und Flut und viele andere Dinge, die er schon fast vergessen glaubte. 

Immer war viel Kleingetier im Wasser; winzige kleine Schollen, die fast durchsichtig waren und sich schnell in den Sandboden einbuddelten. Besonders im Frühjahr wuselten Tausende von Larven und Eiern umher, die von vielen verschiedenen Meeresbewohnern stammten. 

Einmal wäre er fast im Sandboden versackt, als sich plötzlich neben ihm ein kleiner Krater auftat. Ein Wattwurm hatte gerade Hunger und schlürfte Sand mit den daran klebenden Algen in sich hinein. 

Es war ein schönes und abwechslungsreiches Schneckenleben. Viele Menschen sah Willy durch die dicke Glasscheibe gucken. Kinder und Erwachsene wollten einen Blick in die Unterwasserwelt tun und manchmal waren auch Tiere darunter, die Willy noch nie in seinem Leben gesehen hatte. 
Gelegentlich zeigten die Menschen auch mit Fingern auf ihn und klopften sogar an die Scheibe. Das mochte er überhaupt nicht, weil es in seinen Ohren sehr weh tat. 
Nur das große weite Meer hat er stets vermisst, die Wellenbewegungen, die riesigen Fischschwärme, die Stürme, die das Meer aufwirbeln, und auch die Schraubengeräusche der großen Schiffe, die bis auf den Meeresboden zu hören sind. 

Schließlich feierte Willy Wellhorn 1998 seinen sechsten Geburtstag - ein stolzes Alter für eine Wellhornschnecke! 

Danach fühlte sich Willy nicht mehr so gut. Das Essen wollte nicht mehr schmecken. Er wurde schwächer und schwächer, und am 8. August 1998 starb er im Aquarium im Nordseehaus. 

Sein mittlerweile auf die Stattliche Größe von 82 Millimeter angebautes Schneckenhaus ist übriggeblieben und zeugt von seinem bewegten Leben. Es hatte ihm sechs Jahre lang Unterkunft gewährt und Sicherheit gegeben. Nun hat sich ein Einsiedlerkrebs darin eingenistet, der sich über das komfortable Haus freut, das Willy Wellhorn einst baute. 

Ulrike Unger 
Nationalparkhaus Baltrum 

Die Inselgocke Baltrum 4-1999 

Die Inselglocke Baltrum