Nordseeromantik 

Dem Treiben der Welt müsste man entfliehen, das Häusermeer der Großstadt einfach hinter sich lassen mit seinen Straßen, in denen oft tagelang der Rauch von hunderttausend Zigaretten steht und den Menschen das Atmen erschwert. Hinaus müsste man ziehen, in die Ferne, hin, wo das Meer rauscht, wo die Nordsee mit ihren Gezeiten bestimmend in den Tageslauf der Menschen eingreift. Freilich, es gibt fernere Ziele, aber ob sie lohnender sind? Lohnender nicht im Sinne des Erwerbs von Geld und Gut, aber im Auffinden der Natur in ihrer Ursprünglichkeit, auch wenn diese dem Besucher so manche Enthaltsamkeit auferlegt wie auf der Insel Baltrum vor der ostfriesischen Küste. 

Sie sind noch nicht alt, diese Inseln. Man schätzt sie auf höchstens fünftausend Jahre, angespült vom Meer, Sandkorn um Sandkorn und aufgetürmt zur Höhe, verfestigt durch Gräser, die der Wind anwehte, bis zum Baum, der knorrig gedeiht und die Sandkörner festhält. 

Wie Wind und Gezeiten die Samen anwehten und anspülten, so sorgten sie auch für stete Veränderungen der Inseln, nahmen Land weg und spülten es an anderer Stelle wieder an. Das ist noch heute so, auch wenn der Mensch seinen Kampf mit den Meeresfluten austrägt und scheinbar gewinnt. Steht nicht Storms Hauke Haien mannhaft für den Kampf des Menschen gegen die Elemente an der Nordseeküste? 

Waren es einst Fischer, die hier lebten, den Fang ihrer Netze verkauften und so ihr karges Dasein fristeten, so sind es heute die Vermieter, die mit immer neuen Ideen den Urlaubern und Kurgästen eine angenehme Zeit bereiten. 

Baltrum ist die kleinste der bewohnten Inseln und der Fremdenverkehr ihr Haupterwerbszweig. Hotels gibt es und Pensionen, Ferienwohnungen und ganze Ferienhäuser. Beginnt der Hochsommer mit seiner Hitze, kommen die Besucher. Dann füllt sich der Strand, an dem man sich trotzdem noch ausstrecken kann, ohne den Nachbarn vor den Bauch zu treten. 

Steht die Flut günstig, erscheinen die Tagesgäste schon am frühen Morgen, lassen das Auto in Neßmersiel auf einem der großen Parkplätze und genießen die Luft und den weißen Sand, bevölkern Strand und Gaststätten oder bedienen sich der zahlreichen Imbissstände, bevor sie am Abend zum Festland zurückkehren. 

Doch wer die Nacht auf der Insel verbringt, sich den Gegebenheiten anpasst und die Augen öffnet, der wird auf besondere Weise belohnt - er entdeckt die zweite Welt dieser Insel, die keine Bahn kennt und kein Auto, nur das Pferd als Zug- und Reittier und das Fahrrad. Von den sechseinhalb Quadratmeter Fläche liegt die Hälfte wüst, ist nicht immer betretbar und fordert den Menschen besondere Verhaltensregeln ab. 

Aber zuerst erreicht der Zureisende die Anlegestelle, einen kleinen Hafen mit Flugplatz nebenan. In Neßmersiel legt die Fähre ab, in Bremen und in Norden starten nur im Sommer die kleinen Flugzeuge und bringen die Menschen, die sich der Fähre nicht anvertrauen möchten. Ein kleiner Rasenplatz auf dem Westheller bietet bei günstigem Wetter Start- und Landemöglichkeiten. Ist das dem Meer nicht genehm, schickt es seine Fluten auf diese Wiese und unterbricht damit den Flugverkehr. Die Fähre dagegen kommt fast bei jedem Wetter, aber eben nur fast. 

In Ermangelung eines Taxis, - es gibt eine Kutsche, die man vorher bestellen muss - bedient man sich eines Wagens. Meist einachsig verrät er seine Verwendungsmöglichkeit als Fahrradanhänger. Name und Hausnummer stehen darauf und klären die Zugehörigkeit zum Quartierwirt. Man braucht nur zuzugreifen. Wer das nicht möchte, kann sich die Koffer auch bringen lassen. Die Insulaner sind gern dazu bereit. Dann fährt das Pferdegespann vor und lädt ab. 

Mein Koffer steht bereits im Zimmer. Er fuhr voraus und ersparte mir die vielen mühen beim Umsteigen. Mehrmals war das notwendig. Vom RE ging es in den ICE, dann in den IR, schließlich in den Bus und zuletzt auf die Fähre. 

Nun liegt der Weg zum Quartier vor mir, laut Plan etwas mehr als zwei Kilometer. Aber der Abend ist schön. Die Dämmerung bricht gerade herein und drüben hinter dem Wattenmeer leuchten nach und nach Lichter auf , die Anwesenheit von Menschen verratend. 

Mein kleiner Fußmarsch frischt die Geister noch einmal auf. Nur Ruhe gibt es nicht. Die Luft ist erfüllt von den Schreien der Tiere, die hier zu Hause sind - oft tausendfach. 

Die Straße verläuft außerhalb der Schutzanlagen in der Ebene, ist weit übersehbar und fast leer. Wo sind die Leute von der Fähre? Sicher haben sie ihre Quartiere oder Wohnungen bereits erreicht. Wie konnte ich nur so im Abseits buchen! 

Nun breitet sich rechts der Kinderspielsee aus mit seinem Anlegesteg, dann verbirgt sich links der Friedhof und danach muss ich einbiegen. 

Das Haus liegt versteckt hinter einer Gruppe verkrüppelter Bäume, die in einer nassen Kuhle stehen und gerade ihre Kätzchen treiben. Dahinter - ein Wohnhaus mit Mansarde über dem Eingang. Ist es das Waldhaus aus dem Märchenland mit schön Hühnchen, schön Hähnchen und der bunten Kuh? Oder ein verzaubertes Schloss, von einem bösen Geist in diese Senke verbannt? 

Eine Laterne beleuchtet die Hausnummer, 35, meine magische Zahl für den Inselaufenthalt. Dort schlafe ich gut, tief und lange. 

Am nächsten Morgen scheint die Sonne ins Zimmer und lockt. Am Strand herrscht Ebbe. Sacht rollen kleine Wellen heran, umspülen die Füße und ziehen sich wieder zurück Auf dem trockengefallenen Gelände laufen Menschen in Gummistiefeln, denn immer wieder sind kleinere oder größere Flächen mit Wasser bedeckt, durch das man mit dieser Fußbekleidung bequem waten kann. Erst weit draußen, noch hinter dem Krabbenfischer, zeigt die Brandung etwas von der Gewalt der Nordsee, die in diesen Tagen vom Sturm verschont bleibt. Nur der Wind bläst über die Höhen, recht kühl am Anfang des Märzen und angenehm an heißen Sommertagen. 

Der Mittag bringt eine Überraschung. Die meisten Gaststätten sind noch geschlossen, aber der "Seehund" lädt zum Schmaus. Selbstverständlich mit viel Frischfisch im Angebot und nicht selbstverständlich - von den zwei Gasträumen respektiert jeder einen als Nichtraucherrevier, auch eine Geste der Gastfreundlichkeit dieser Insel. 

Den Tag verbringe ich in Westdorf, dem größeren der beiden Orte. Jetzt, beinahe noch vor der Vorsaison, sieht vieles recht wild aus. Doch schon sind Männer damit beschäftigt, die Sträucher zu beschneiden und alles wegzuharken, was der Wind abgelagert hat. Viele Blumenrabatten wird es nicht geben, der Boden taugt nicht dafür, aber Krokusse sind da, manchmal ein Blaustern oder eine Traubenhyazinthe, und ein Buschen Osterglocken kündigt sein baldiges Erblühen an. Die wetterfesten Rosen, die jetzt beschnitten werden, wurden in der Ferne gekauft, hier angesiedelt und versprechen, im Sommer ihre karge Schönheit zu entfalten. 

Auf dem Rasen vor einem Haus mit geschlossenen Jalousien läuft ein Fasan umher. Er hält gebührenden Abstand und pickt auf, was es im Gras zu finden gibt. Es ist gewissermaßen ein "Westfasan", der sich an die Anwesenheit des Menschen gewöhnt hat, ganz. im Gegensatz zum "Ostfasan" im Schutzgebiet. Der liebt die Verborgenheit und flieht bei jeder Störung. 

Den Strand bevölkern die Silbermöwen. Die wenigen Lachmöwen sehen winzig aus neben diesen stolzen Vögeln, die auf den Buhnen sitzen und die Wattinseln als ihr Territorium betrachten. Doch sie gönnen auch ihren Vettern das Futter im Wattenmeer. Es reicht für alle, sogar für die Austernfischer, die umherstolzieren und Leckerbissen suchen. Selbst die kleinen Steinwälzer sind erfolgreich und finden, was ihnen die Flut zwischen die Steinbrocken spült. 

An diesem Abend betrachte ich die schwarz-weißen Vögel, die auf einer Koppel rasten. Aus der Ferne schwer erkennbar verrät ihr Geschnatter ihre Zugehörigkeit zu den Gänsen. An einem Zipfel des großen Feldes beginne ich zu zählen. Ein Nachtglas müsste man haben. Aber so geht es auch. Zwanzig von ihnen sind ein winziges Häuf lein. Das große Feld mit den dichtgelagerten Tieren umfasst ein Vielfaches. Ringelgänse sind es. Sie machen hier Rast auf ihrem Weg in die nördlichen Regionen, ruhen ein paar Nächte und ziehen dann weiter. 

Hinter den Gänsen, in den Salzwiesen, übernachten die Möwen. Ihr Geschrei übertönt das Geschnatter der Gänse. Doch langsam werden die Töne leiser. 

In dieser Nacht wache ich auf . Jemand hat an die Wand geklopft, an die Wand meines Mansardenstübchens. Ich schließe das Fenster und denke darüber nach, was mich bewogen hat, in dieses Abseits zu ziehen. 

Das Klopf en wiederholt sich, laut, deutlich - und unbestimmt an welcher Stelle. Ein Schlag nur, ein einziger! Ob es ein Stein war? Nach einer ganzen Weile der nächste Schlag. Aber der ist etwas leiser. Waren es nun fünf Schläge oder sechs? ... Meine nächste Wahrnehmung ist die beginnende Helligkeit vor dem Fenster. 

Draußen herrscht dichter Nebel. Die wüste Höhe ganz in der Nähe ist kaum zu erkennen. Der Schatten oben sieht aus wie ein Hase, oder wie zwei Hasen, die sich gegenüberhocken. Nicht lange, dann bewegen sich die Schatten und hoppeln davon. Im Nu sind sie hinter dem Hügel verschwunden, hinter einem der vielen Hügel, die hier Dünen sind, von Meer und Wind geschaffen, von Gräsern gehalten und den Menschen Schutz bietend vor den Unberechenbarkeiten des Meeres. Nach dieser Erkenntnis richte ich den Blick nach unten. Ein Fasan stolziert umher. Er pickt etwas und zwei Hennen tun es ihm gleich. Dazwischen sucht ein Pärchen Buchfinken nach seinem Frühstück, findet ein Sperling sein Körnchen und die "Hasen" sind da, vier an der Zahl. Sie entpuppen sich als ganz gewöhnliche Wildkaninchen. 

Da tönt es "teck", laut und scharf. Das war der Fasanenhahn. Wo mag er gestern Abend gesessen haben, dass sein Ruf wie das Klopfen gegen eine Wand klang? Störte ihn das Haus? Der Mensch hat es im Revier der Tiere errichtet, lebt nun dort. Doch wenn er am Abend die Türen schließt, wenn Ruhe eintritt in diesem Gebiet, dann kommen die Tiere zurück, bevölkern ihr Revier wie einst, bevor sich der Mensch so ausbreitete. Jetzt gehört ihnen nur noch die Nacht. 

Habe ich nicht überlegt, warum dieses abgelegene Haus mein Quartier ist? Kein Haus drinnen im Ort hat diese Naturnähe! Das verwilderte Gelände rundum? Es gehört dem Menschen nicht. Er ist hier der Gast, der bei Tage das Land nutzt und am Abend sein Haus schließt, um das herum dann wieder Kaninchen, Fasane und Hasen leben wie in alten Zeiten, denn auch Hunde und Katzen haben bei Nacht das Haus zu hüten - von innen! 

Der ganze Ostteil der Insel ist Naturschutzgebiet. Nur auf gekennzeichneten Wegen darf man es betreten, sollte es aber nicht zu oft tun. Darum stehen an den Eingängen zum Schutzgebiet Tafeln mit Verhaltensregeln. Daneben liest man das Werk eines einheimischen Poeten: 

Gebet der Kreatur 

Kommst du, o Mensch in dieses Revier, 
vergiss uns nicht, wir leben hier. 
Sind froh und dankbar, genau wie du, 
gibt man uns Frieden und die Ruh'. 
Wir bitten dich, sei drauf bedacht: 
Dir sei der Tag, lass uns die Nacht. 
Drum, wenn die Sonne geht zur Ruh', 
verlasse dann den Wald auch du. 
Sei morgens nicht zu zeitig hier, 
sonst störst du uns und das Revier. 
Vom Dämmern bis zum frühen Morgen, 
da müssen wir für Äsung sorgen. 
Gar eng ward unser Paradies, 
das uns die Technik übrig ließ. 
Las uns die Dickung, bleib du auf den Wegen, 
so kommst du unsrer Bitt entgegen. 
Für dein Verständnis danken dir 
das Wild und auch der Pächter vom Revier. 

Hier geht es hinein in den Ostheller, eine Landschaft, so eben wie ein Brett, von Wasserläufen durchzogen, mit Schilf bewachsen und mit den Resten des vorjährigen Strandflieders, der Strandnelken und der Salzastern und all dem, was in diesem Gelände den Sommer über gedeiht. 

Kein Mensch ist zu sehen und kein Tier, nur ein paar Möwen fliegen schreiend durch die Luft. Ich gehe langsam und ganz leise. Trotzdem steigt plötzlich ein Vogel mit lautem Geschrei aus seinem Versteck und streicht davon. 

Der Weg ist breit, übersehbar bis zum Wattenmeer. Trotzdem schafft das nicht jeder. Nur wer Gummistiefeln trägt, der kommt durch, denn immer wieder kreuzen Wasserrinnen die Wege und sperren sie für normale Spaziergänger. 

Zwei Schritte hinter dem Wasser liegt das Skelett einer Ente. Säuberlich abgenagt leuchten die weißen Knochen in der Sonne. Fressen und gefressen werden, lautet das Gesetz der Natur. Das fällt mir später noch einmal ein, am Kadaver eines Kaninchens - erst halb ausgeweidet. 

Am Himmel zieht ein Schwarm Gänse, vorn die Spitze, dahinter in langer Reihe die restlichen Tiere. Plötzlich löst sich die Formation auf. Vögel von hinten fliegen nach vorn und bilden die neue Spitze. Gleich danach herrscht wieder Flugordnung. Noch ist nicht klar, ob die Gänse wirklich ziehen, denn wenn die Dunkelheit hereinbricht, ist die Wiese wieder voll und das Geschnatter dringt bis zu den Häusern. Erst wenn die Nacht voll hereingebrochen ist, kommen sie zum Schweigen, und nur hin und wieder ruft ein Tier - leise, damit der Nachbar nicht gestört wird. 

Man glaubt nicht, wieviel Kilometer ein Mensch an einem Tag auf dieser kleinen Insel zurücklegen kann - durch den Heller bis zum Wattenmeer, zurück und durch die Dünen bis zur Aussichtsdüne, um Umschau zu halten, hinunter zum Strand, der wirklich einige Kilometer Länge aufweist, dann hinaus auf die Watteninseln oder an den Flutwellen entlang, die unberechenbar sind, plötzlich über die Schuhe rollen und danach zurückbleiben, als könnten sie niemandem die Füße nässen, schließlich um das Westdorf herum, mit seinem Bollwerk gegen die Sturmfluten. 

Nach diesem Marsch tut es wohl, in der "Post" zu sitzen und einen Friesentee zu schlürfen. Das Stövchen unter der Kanne leuchtet, und Tässchen für Tässchen wird das Getränk stärker. Dort sitzt es sich gut, besonders, wenn die Regentropfen gegen das Fenster klopfen. 

Aber am letzten Tag zieht es mich bald nach Hause, denn um diese Jahreszeit gibt es donnerstags beim "Fischer Z." die abendliche Pizza. 

Ende des Urlaubs. Die Heimreise beginnt mit der Fähre. Vom Fenster aus blicke ich rückwärts, sehe das Eiland langsam in die Ferne rücken. 

Leb wohl, kleine Insel! Auch wenn ich ein Mensch der Berge und Wälder bin, zu dir wird es mich immer wieder ziehen. 

W. E. Matthes, Erfurt  April 1999 

Die Inselglocke Baltrum 4-1999

Die Inselglocke Baltrum