Herbsttreiben

Herbstzeit - Beerenzeit - Sammelzeit

Ein wunderschöner Septembertag, viel zu schade zum Arbeiten. Also ab in die Dünen und schauen, was es in diesem Jahr an Beeren gibt. Reichlich - reichlich. Da ich nur sehen wollte, ob es überhaupt welche gibt, hatte ich natürlich nur kurze Hosen und ein T-Shirt an. Das war ein großer Fehler, denn da ich das Pflücken nicht sein lassen konnte, hinterließen Brennnesseln und Dornen an Armen und Beinen gewaltige Spuren. Das nächste Mal war ich ein wenig schlauer: Dicke Hose, dicke Jacke - natürlich war ich zu warm angezogen, aber es pikste nicht so sehr.

Von allen Beeren gibt es in diesem Jahr viel. Das Sammlerherz schlägt höher und stellt so manchen Insulaner vor die Qual der Wahl, welche er nun zuerst pflücken soll.
Dir Brombeeren mussten als Erste ab, da der Reifegrad schon fast überschritten war. Einfrieren oder sofort Marmelade herstellen.
Als nächstes wollte ich versuchen reife Holunderbeeren zu erwischen. Mit dem Fernglas hatte ich mir einige Holunderbüsche ausgesucht, bei denen es aussah, als ob alle Beeren schon dunkel wären. Für die Marmelade ist dies schon wichtig. Ich begab mich nun auf Wege, die während des Frühjahrs und im Sommer auch für Insulaner verboten sind, denn die Brut- und Aufzuchtzeit der Vögel und des einheimischen Wildes ist im Nationalpark heilig. Nun im Herbst ist es für Insulaner schon ein wenig anders. "Meinen" reifen Holunder hatte ich fast erreicht, aber - oh Schreck! - da waren schon welche am Werk. Es waren die gefiederten Sammler, einheimische und ziehende Vögel, die den reichlich gedeckten Beeren-Tisch auf der Insel gerne annehmen. Ich stand ganz ruhig, ließ mich zu Boden und betrachtete erst einmal mit dem Fernglas das Treiben. Herrlich anzusehen, wie die kleinen Vögel eine Beere nach der anderen verspeisten. Rotkehlchen, Gartengrasmücken, jede Menge Buchfinken, Mönchsgrasmücken, Zaunkönige und Amseln flogen wie in einem Wirtshaus aus und ein. Gegen Abend fielen die Stare in die Bäume und die Fasanen hatten den guten Geschmack auch kängst entdeckt. Sie sind zwar ein wenig schwer für die kleinen Zweige, aber von stärkeren Ästen machen sie einen langen Hals und kommen auch so ans Ziel. Die Sonne schien, ich saß und schaute zu, bis mein Blick auf meine leeren Eimer fiel. Ich gab mir einen Ruck, ließ die Mitesser sein und kam am Ende doch mit vollem Eimer nach Hause. Gleich gezupft, gewaschen, aufgesetzt, durchpassiert und aufgekocht. Die leckere Holundermarmelade war fertig.

Es reifen auch immer wieder Beeren nach, so dass man, sofern es die Zeit zulässt, alle paar Tage wieder nachpflücken kann.
Hagebutten ergeben einen sehr schmackhaften Brotaufstrich. Das ist jedoch mit viel Mühe und Zeitaufwand verbunden.
Auch der Sanddorn ist schon reif und sollte geerntet werden, damit der Vitamin-C-Vorrat für den Winter gesichert ist.
Als letzte Beere in der Pflückfolge ist die Schlehe dran. Vor dem Ernten müsste schon der erste Frost darüber gegangen sein - nur, bis dahin sind die Früchte anderweitig verspeist. Na, egal, für uns bleibt immer noch genug übrig, und jeder freut sich, wenn im kommenden Frühjahr unsere gefiederten Gäste ihren Gesang erschallen lassen.

Eberesche (Vogelbeere), Weißdorn, Waldgeißblatt- und Schneeballbeeren lassen zur Zeit die Dünen in herrlichen Rot erglänzen. Traubenkirschensträucher hatten in langen Jahren nur kleine mickrige Früchte. In diesem Jahr hängen so viel und reichlich an den Büschen, dass die Stare ganze Dächer mit Kirschkernen bekleckern. Die Wäsche an der Leine muss oft noch einmal gewaschen werden, da es zwischendurch blaue und rote Spritzer "regnet".
Stare, ein fliegendes Geschwader, fallen in Bäume und Büsche und treffen sich anschließend zum gemeinsamen Plausch auf Dächern und Fernsehantennen. Die Zeit zum Flug in den Süden ist nicht mehr weit. Ein Zwitschern, Piepsen, Schnalzen und Trillern tönt durch die Luft. Aus der Vogelsprache übersetzt heißt es so viel wie: "Na, wie geht's, wann ziehen wir los? - Sind die Kinder schon flugbereit? - Ach, mein Mann meint, warten wir noch ein paar Tage, das Wetter ist ja noch so schön. - Hoffentlich haben wir nächste Woche Rückenwind!" Es geht zu wie bei einem Kaffeekränzchen.

Na, ich habe in der Zwischenzeit meinen Beerenvorrat und freue mich, wenn es den Meinigen schmeckt. Nun kann ich mich wieder meinen anderen Aufgaben und Pflichten zuwenden. Vielen Insulanern geht es sicher ebenso.

Sollte die alte Bauernregel stimmen "Viele Beeren - kalter Winter" ???...
Bei dem Beerenreichtum in diesem Jahr kann ich dann nur sagen: "Zieht Euch warm an!".

Bärbel Nannen

Die Inselglocke Baltrum 5/6-2000