Wellen

Das Funknetz des Rettungsdienstes auf Baltrum

Sicherlich sind Ihnen die vielen Antennen an der Turnhalle aufgefallen. Für den Sport und für Veranstaltungen werden sie sicherlich nicht benötigt. 
Wozu aber dann? Sie dienen den Funkverbindungen der Feuerwehr und des Rettungsdienstes.

Anfang der Sechzigerjahre wurde in Ostfriesland mit dem Aufbau des Feuerwehrfunknetzes begonnen. Die Feuerwehr der Seehafenstadt Emden, die damals auch Krankentransporte im
Stadtgebiet durchführte, bekam die ersten UKW-Funksprechgeräte in unserer Region. Kurze Zeit später folgte die Stadt Norden den Wünschen der Feuerwehr und ließ eine Feststation im Feuerwehrhaus errichten. Die wichtigsten Fahrzeuge wurden mit Sprechfunk ausgerüstet. Zwanzig Feuerwehrkameraden erhielten Alarmempfänger, damit sie ohne Telefonate und ohne Sirenenalarm alarmiert werden konnten.
Mag dieser Vorstoß in die moderne Technik nicht ohne Vorbehalte hingenommen worden sein, zur Inbetriebnahme erschienen viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Sicherlich hätten die hohen Kosten der damaligen Gerätetechnik einen schnellen Aufbau in Ostfriesland verhindert, wenn nicht die Sturmflut im Februar 1962 die großen Vorteile eines umfassenden Funknetzes deutlich gemacht hätte. Nun wurden alle Gemeinden auf diese Notwendigkeit hingewiesen. 
Mit dem Aufbau des Funknetzes in den vier Landkreisen und der schon in der Grundausstattung bestückten kreisfreien Stadt Emden wurde noch im Jahre 1962 begonnen. Die ersten Landgemeinden folgten dem Aufruf das damaligen Bezirksbrandmeisters und beschafften moderne Funkgeräte. Es mag von der Umsicht der damaligen Feuerwehrführung zeugen, dass Baltrum die erste Insel war, die mit einem solchen Gerät im Jahre 1963 ausgestattet wurde. Unsere Wehr verfügte damals über drei Fahrzeuge. Einem Tanklöschfahrzeug (Borgward), einem Jeep und einem Krankenwagen, da damals der Krankentransport von der Feuerwehr wahrgenommen wurde. Die Anschaffung von drei Funkgeräten war zu teuer, deshalb wurde ein Gerät gekauft, das nach Bedarf in einem der drei Fahrzeugen mitgenommen werden konnte.
Außerdem konnte es auch als tragbares Gerät bei Suchaktionen im Watt oder im Dünengelände 
benutzt werden. Es hätte dann letztendlich auch in Gebäuden eingesetzt werden können.

Nun zurück zum Festland. Den Feuerwehren standen in Niedersachsen nur drei Funkwege
zur Verfügung, so dass in unserem Bezirk nicht jeder Landkreis sein eigenes Netz aufbauen
konnte. So wurde in Aurich eine Relaisstation, eine automatische Funkanlage zur Erhöhung der Sendereichweite,  für den ganzen Regierungsbezirk errichtet.
Die Antennenanlage wurde in großer Höhe am Sendemast installiert, der kurz zuvor für die
Fernseh- und Rundfunkversorgung am Auricher Stadtrand aufgestellt worden war. Die Station verband alle Feuerwehren funkmäßig miteinander. Pünktlich zum Landes-Feuerwehrtag, der im Juni 1963 in Emden stattfand, war die Anlage betriebsfertig. Eine gemeinsame Vorführung mit dem ebenfalls vor Kurzem gegründeten Flugdienst der Feuerwehren in unserem Bundesland war ein voller Erfolg.

Nachdem alle Wehren mit UKW-Funkgeräten ausgestattet waren, konnten Funkgespräche von Borkum bis ins Rheiderland, von Remels bis nach Spiekeroog geführt werden. 1965 beschafften die Landkreise Funkempfänger für die Alarmierung und Information der Führungskräfte, die auf einem besonderen Funkkanal über das Auricher Relais erfolgten. Alle Kreisfeuerwehren einschließlich der Emder Stadtfeuerwehr erhielten ortsfeste Funkstationen für dieses Netz. Auch die stille Alarmierung der großen Feuerwehren wurde ausgeweitet. Einsatzleitfahrzeuge wurden auf Kreisebene angeschafft.

Zwei große Einbrüche, die das gut funktionierende Funknetz trafen, sind bis heute noch nicht endgültig überstanden. Zunächst wurde in Deutschland ein neues Kanalraster eingeführt, durch das die bisher genutzten Geräte unbrauchbar wurden. Es gab nun zwar mehr Funkwege für den Brandschutz, aber auch die Gebietsreform und der bundesweite Ausbau der Funknetze verhinderten den Aufbau von hohen Antennen.

Auf Baltrum haben wir in der Übergangszeit kleine, japanische Funkgeräte eingesetzt, bis es
preiswerte UKW-Geräte gab, mit denen wir alle Fahrzeuge ausstatten konnten. Vorherige Versuche Handfunkgeräte anzuschaffen, die auf den Funkkanälen der Feuerwehr eingesetzt werden konnten, waren am hohen Preis (DM 2.500 pro Stück) gescheitert. Leider ist es uns nicht gelungen, einen eigenen Funkkanal für die Insel zu bekommen, auf dem die Geräte genutzt werden konnten.

Auf Betreiben der Nachbarinseln wurden Ende der Siebzigerjahre in einem anderen Funkbereich, dem Zweimeterband, Sprechwege bereitgestellt und auf jeder Insel ein eigenes Netz erstellt. In diese Netze wurden auch die insularen Rettungsdienste einbezogen. Festlandsverbindungen waren nur eingeschränkt möglich.

Mit Schaffung der rund-um-die-Uhr besetzten Leitstellen wurden auch die Alarmsirenen über Funk auslösbar gemacht. Am Festland wurde der Notruf 112 flächendeckend eingeführt, während einige Inseln sich besondere Telefonanschlüsse in den zuständigen Leitstellen einrichten ließen, deren Telefonnummern zur Alarmierung der jeweiligen Wehr nur auf der eigenen Inseln bekanntgemacht wurde. Zwischenzeitlich ist der Notruf 112 auch von den Inseln anrufbar.
Dieses war auch ein Grund, Anfang der Neunzigerjahre die Inseln Juist, Norderney und Baltrum funkmäßig zusammenzufassen. Auf dem Norderneyer Wasserturm wurde eine Relaisfunkstelle errichtet, die einerseits den Funkverkehr aller insularen Feuerwehren ermöglicht, aber auch Gespräche in das festländische Funknetz verbindet. Die Inselfeuerwehren haben außerdem ortsfeste Funkstellen, um mit Einsatzkräften vor Ort sprechen zu können. Für den Funkverkehr an den Einsatzstellen stehen handliche Funksprechgeräte zur Verfügung. Die Alarmierung der Feuerwehrleute erfolgt auch auf den Inseln durchweg mittels Funkempfänger. Da auch die Reichweite der festländischen Sender nicht ausreicht, wurden zusätzliche Alarm-Umsetzer errichtet, sowohl für die Feuerwehr als auch für den Rettungsdienst.
Der Rettungswagen, das DGzRS Seenotrettungsboot Baltrum - Letzteres dank einer großzügigen Spende - und auch der Rettungshubschrauber stehen im Einsatz untereinander und auch mit der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle sowie mit den Krankenhäusern in Verbindung.

Natürlich stehen der Polizei, dem Zoll und dem NLWK (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz) Funksprechgeräte zur Verfügung, die im großen Notfall - bei einer Sturmflut - auch miteinander sprechen können.

Zum Ende dieses Jahrzehnts steht eine grundlegende Umstellung des Behördenfunks auf europäischer Ebene an. Ob und wann es auch unsere kleinen, finanzschwachen Gemeinden trifft, ist noch unklar. Auch die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme ist immer noch umstritten.

Heino Comien

Die Inselglocke Baltrum, 5/6-2000