Expo 2000

Insulaner auf Weltreise

Wer die Gelegenheit hat, sollte sie unbedingt nutzen: Ein paar Tage zur Expo 2000 nach Hannover zu fahren und die Ideen einer Ausstellung zu erleben und mit nach Hause zu bringen!
"Mensch - Natur - Technik".
Unter diesem Motto steht die Expo. Und für mich war das Überraschendste, dass der Mensch überall und immer im Mittelpunkt steht. Nicht nur die Technik bestimmt die Zukunft des Menschen, sondern die Fantasie des einzelnen oder der Gemeinschaft, mit deren Hilfe die neue Welt in einem neuen Jahrhundert erschaffen wird.
Man muss Zeit und auch ein bisschen Geduld mitbringen. Das Expo-Gelände umfasst zwei große Bereiche: den Themenpark und die Ausstellungen der einzelnen Teilnehmer aus verschiedenen Nationen. Das Gelände ist in fünf Räume gegliedert: Die Pavillons West, das Gelände Mitte (mit den alten Messehallen), der Themenpark, im Anschluss daran die Expo-Plaza und die Pavillons Ost. 
Einen guten optischen und räumlichen Überblick verschafft man sich am Besten zu Beginn des Besuches mit der Südtiroler Seilbahn, die in zwei Abschnitten über das Gelände führt. An deren einem Ende steht das größte bewegliche Riesenrad der Welt "Mega Wheel 2000": Aus sechzig Metern Höhe kann man das gesamte Expo-Gelände sehen, auch den Parc Agricole mit seinen Feldlabyrinthen außerhalb. Die Mittelstation ist guter Ausgangspunkt für die aufsehenerregenden Pavillons Ost. In ihr selbst befindet sich das "Reinhold Messner Land" mit einer echten eiskalten Gletscherspalte, einem Filmausschnitt auf Großleinwand über den donnernden Abgang einer Lawine bis zum Überschallknall und Abbildungen von den größten Bergen der Welt, vom Yeti und vom Ötzi.
Die Länge der Warteschlangen vor den einzelnen Pavillons lässt auf die Beliebtheit der verschiedenen Ausstellungen schließen. Sie spiegelt indes nur die Erwartungen wider, nicht die tatsächliche Qualität. So würde ich demjenigen, der mich fragen würde, ein ganz anderes Programm anraten, als das, was man gemeinhin in den Zeitungen vorgeschlagen bekommt. Allerdings: Ich habe in viereinhalb Tagen nicht einmal die Hälfte aller Ausstellungen sehen können. Mein Vorgehen bei deren Besuch richtete sich mehr nach äußeren Bedingungen wie zum Beispiel die Ankunft an einem bestimmten Ort, die geschätzte Wartezeit, Hunger und Durst, die Länge des Weges zum nächst höchsten Platz der gedachten Hitliste usw. und hatte zunächst etwas Planloses.
Der spektakuläre Niederländische Pavillons scheint einer der beliebtesten zu sein. Drinnen jedoch finde ich es eher enttäuschend. Eigentlich genügt der Anblick der gewaltigen Etagenlandschaft mit den Windrädern ganz oben drauf von außen. Ganz anders dagegen überraschen Frankreich und Großbritannien mit ihren großartigen Darstellungen in relativ schlichten Gebäuden - hier muss man nicht lange warten und man bekommt nicht nur gewaltige Szenerien in grandiosen Bildern zu sehen sondern auch die kleinen landestypischen Eigenarten und Erfindungen. Ganz schlicht und einfach schön ist auch der luftige Pavillon von Rumänien, ein Ort der Ruhe mit erstklassiger Musik und dem leichten Rauschen der Blätter in der begrünten offenen Stahlkonstruktion. Der "Pavillon der Hoffnung" am Ende des Geländes besticht nicht nur durch seine Walform sondern auch durch die vielen Vorstellungen und Angebote, die dort gemacht werden. Ein Höhepunkt für mich war der blaue wasserumflossene Pavillon von Kroatien: Über mit landestypischen Böden unterschiedlichster Art unterlegten Glasplatten betritt man einen 360°-Panorama-Saal. Ein Film erzählt von der Hoffnung des nach dem Krieg zerstörten Landes in poetischen Bildern. Man hat das Gefühl, zum Beispiel mitten in einer Wiese zu stehen, wenn eine Herde Pferde einmal um einen herum galoppiert... 
Der finnische Pavillon ist eine weitere Attraktion im Ostgelände. Dort muss man sich allerdings in einer langen Warteschlange in Geduld üben. Dies fällt hier nicht weiter schwer: Eine nette finnische Polizistin bringt einem die wichtigsten finnischen Floskeln und ein bisschen Gymnastik und das Lachen bei, damit man sich bei der persönlichen Begrüßung am Eingangstor auch richtig verhalten möge! Hier wird man mit der Darbietung vielfältiger Landeskultur belohnt, Kinderbilder, High-Tech-Medizin, modernes Design, einer echten Birkenwaldlandschaft und mit einem stillen, virtuell belebtem See, den man wie auf Moos umläuft.
Den monegassische Pavillon erkennt man an den dicken Yachten, die davor liegen und ist gut, um noch mal von der Aussichtsplattform einen Blick auf die traumhaft orientalischen Pavillons der Vereinigten Arabischen Emirate und des Jemen zu werfen. Dort waren die Warteschlangen so lang, dass ich einen Besuch ausgelassen habe.
Im Pavillon der Tschechischen Republik ist unter anderem ein Rondell alter Bücher aufgetürmt, durch das man hindurch blicken und gehen kann, zwei sich drehende Spiegel liefern ständig veränderte Perspektiven - "das Wissen der Menschheit".
Überraschungen gibt es im offenen hölzernen Pavillon der Schweizer: Im Holzlabyrinth kommen Schifferklavierspieler und andere Musikanten aus den Ecken und verschwinden sogleich wieder, die schrägen Töne scheinen sich an oder in den Wänden zu brechen.
Im Osten außerdem sehenswert sind unbedingt der Dänische und der Ungarische Pavillon. Kurze Wartezeiten lohnen in jedem Fall.
Nördlich der Mittelstation liegen das Deutschlandhaus und das Europahaus. Die darf man nicht auslassen. Europa empfängt einen in den fünfziger Jahren. Man nimmt in einem beweglichen Kino Platz und die Zeitreise geht weiter bis in die Zukunft - Festschnallen und Festhalten sind ratsam! Es geht nicht nur den Eiffelturm steil nach oben...
Im Deutschlandhaus kommt man nach der "Ideenschmiede" der 50 berühmtesten Köpfe auf Brücken in luftiger Höhe in einen großen Saal, von wo man von allen Seiten mit bewegten Bildern aus dem richtigen Leben auf riesigen Leinwänden umgeben wird. Die 16 Bundesländer präsentieren sich schließlich in einer hohen Halle mit 180-Grad-Leinwand, einem Baum des Wissens mit bewegten Monitoren und Ausstellungsstücken wie zum Beispiel ein echtes Stück Berliner Mauer.
Von den Pavillons im Westen besticht vor allem der Isländische: In einer Spirale schraubt man sich in blauem durchscheinenden Licht um eine Projektion der isländischen Landschaft aus Vogelperspektive in einem runden See nach oben - bis ein künstlicher Geysir nach hoch aufschießt. Auch an diesem Pavillon läuft standig Wasser an allen Seiten herunter.
Der Venezuelanische Pavillon ist ebenso spektakulär: Wie eine riesige Blüte öffnen sich die Blätter der Dachkonstruktion über einer hervorragenden Präsentation des Landes, reizvoll auch wegen der vielen importierten tropischen Pflanzen, die dem norddeutschen Klima durch offensichtlich gute Pflege trutzen.
Außerdem erwähnenswert wären da noch Kanada und die Afrikahalle, die man nicht auslassen sollte. Nepal hat ein handgeschnitztes Kunstwerk aufgebaut, das fern jedlicher Technik die Traditionen eines Landes zeigt und für Auge und Seele eine Wohltat ist. Die Australier zeigen an einer Leinwand außen an ihrem feuerroten Pavillon die Olympia-Staffel und die begeisterten Erzählungen Zugereister und Einheimischer über diesen einzigartigen Kontinent. Außerdem herrscht dort Tag und Nacht gute Stimmung mit Musik. Die Japaner sind mit ihrem werbewirksam präsentierten Pavillon aus Pappe und Papier und dem Schwerpunktthema Kohlendioxideinschränkung allerdings nicht konsequent: PVC-Folien für das Dach und Plastik-Efeu im Inneren widersprechen dem ökologischen Anspruch. 
Enttäuschend empfand ich auch den nach langem Warten endlich erreichten Planet M. Es werden in zwei Filmen die Geschichte der Kommunikation und der Nutzen des Internets bei der "Suche nach der Wahrheit" präsentiert.
Natürlich muss man den Themenpark besuchen. Dort heißt es allerdings warten, vor allem vor dem "Planet of Visions" und "Das 21. Jahrhundert". Hier und in den anderen Bereichen ("Zukunft der Arbeit", "Mobilität", "Wissen", "Mensch") wird in fantasievoller Weise und beeindruckendem technischen Aufwand gezeigt, was für die Zukunft möglich sein kann. Man kann ins Schwärmen und Träumen geraten, Bilder und Töne wechseln in atemberaubender Geschwindigkeit und irrationaler Intensität.
Die Eindrücke waren so gewaltig, dass ich sie noch nicht so recht sortiert habe.
Im Themenpark "Gesundheit" wurde ich wieder auf den Boden zurück geholt: Im Ruheraum an einem kühlen See wollte ich mich entspannen, auf Gesundheitsliegen, umgeben von angenehmem Licht und einem Bildermeer und leiser Musik (laut Expo-Führer). Die technischen Anleitungen ließen mich aber mehr an die Hausordnungen und Bestimmungen auf einer Ostfriesischen Insel denken: "Guten Tag! Ich begrüße Sie hier im Themenpark Zukunft Gesundheit! Wenn Sie jetzt den Raum betreten, verhalten Sie sich ruhig! Drängeln Sie nicht! Es sind genug Liegen für alle da! Beachten Sie die gelbe Linie! Sie bekommen sonst nasse Füße! Und alles wird nass! Schalten Sie das Handy ab! Fotografieren Sie nicht! Äh, Sie dürfen natürlich schon fotografieren, aber erst, wenn es wieder hell ist! Drücken Sie bitte nicht an den Knöpfen herum! Der grüne Knopf bringt Sie in Liegeposition, sie werden sanft durchgeschüttelt! Verlassen Sie den Raum durch den Hintereingang!..."
Alles in allem ist die Expo unbedingt empfehlenswert. Man kann viel erfahren und erleben über die Eigenarten und Einzigartigkeiten vieler verschiedener Länder und Kontinente. Die gesamte Expo ist großartig angelegt, organisiert und präsentiert. Für uns Insulaner besonders schön ist, dass dort kein Autolärm stört und keine Abgase. Ein leises Lüftchen weht ständig über das weite Gelände, es gibt viele grüne Parks und schöne weite Plätze. Für deutsche und internationale Verpflegung ist an allen Ecken bestens gesorgt, es gibt auch Bier schon ab drei Mark - und das in der Nähe des Expo-Sees, wo man sich am Abend das Flambée ansehen kann, eine Show aus Wasser, Licht, Feuer und Musik. 
Am Beeindruckendsten empfand ich die Freundlichkeit der beteiligten Menschen, die sich sehr um alles kümmern. Vom Taxifahrer in der Innenstadt Hannovers über den Schaffner am Hauptbahnhof bis zu den Einweisern an den Eingängen der Expo-Pavillons sind alle so auffallend hilfsbereit und höflich, dass die gesamte Stimmung auf dem Gelände davon bestimmt wird. Es wird nirgends gerempelt oder gedrängelt, es herrscht eine unglaubliche Perfektion und Disziplin! Die Atmosphäre ist wohltuend friedvoll. Es ist überall blitzsauber, die Straßen, die Einrichtungen, die Toilettenanlagen. Und die Gastfreundschaft der einzelnen Nationen wird in den Länderpavillons wirklich gelebt.
Wir können viel lernen und viel an Ideen mitnehmen, auch für die Zukunft unserer Insel!

Sabine Hinrichs

Die Inselglocke 5/6-2000

Die Inselglocke Baltrum