Aus Baltrums Tierwelt

Max und die Garnelen

Familie Konrads kommt aus Bayern und macht gerade Urlaub auf Baltrum. Es ist ihr erster Aufenthalt hier. Die Konrads haben sich vorgenommen, Land und Leute, d.h. auch Sitten und Gebräuche gründlich kennenzulernen. Heute hatten sie Glück, denn ein Krabbenkutter machte im Hafen fest und verkaufte frisch gefangene Nordseegarnelen direkt vom Boot aus. Familie Konrads hat gleich zwei Kilo gekauft, die nun vor ihnen auf dem Ferienhaus-Küchentisch liegen und geknackt werden sollen.
Vater, Mutter, Max und Grete haben sich gleichmäßig um den Tisch verteilt und mühen sich redlich, den rosa gefärbten, hakenförmig gekrümmten Tierchen zu Leibe zu rücken, aber da gibt es offenbar einen Trick, den sie nicht kennen, denn bisher haben sie noch kein Tier ganz aus der Schale bekommen. Sie sollten jemanden fragen, der sich damit auskennt!
Plötzlich ertönt ein durchdringendes "Iiiii!" aus Maxens Mund!
In der Garnele, die er gerade bearbeitet, befindet sich unter dem gesamten Hinterleib eine dunkle unansehnliche Masse, die er für Garnelenkot hält. Aber Max irrt sich. Was er sieht, sind reife Eier, die das Tier bis zum Schlüpfen der Larven bei sich behält. Unreife Eier sind weiß.
Nun stellen die Konrads nach und nach fest, dass unter den zwei Kilogramm Granat (so heißen die Tiere in Ostfriesland - in Nordfriesland sagt man Porren und in Dithmarschen Kraut", die vor ihnen liegen, jede Menge Tiere mit schwärzlicher oder weißlicher Masse sind und sie können sich eines leichten Ekels nicht erwehren!
Sie wissen nicht, dass die meisten Speisegarnelen, die gefangen werden, Weibchen sind. Da Garnelen drei mal im Jahr ihre Eier ablegen, ist das, was die Konrads da sehen, unvermeidbar.
Wenn ein Garnelenweibchen es schafft, an Altersschwäche zu sterben, dann kann es in seinem etwa dreijährigen Leben 32 - 35 000 Eier produzieren. Aber das erreichen wohl nur die wenigsten, denn Garnelen sind ein beliebter Gaumenschmaus in der Unterwasserwelt, aber auch bei Vögeln und natürlich bei den Menschen. Sie sind deshalb ständig auf der Flucht vor Plattfischen, Seeskorpione, Dorschen, Strandkrabben, Grünschenkeln und Möwen, um nur einige der Leckermäuler zu nennen. Es wird geschätzt, dass der Wegfraß durch Fische zwei- bis viermal so hoch ist wie die Fangmenge der Garnelenfischerei.

Aber zurück zu den Konrads: Sie hatten sich sehr auf ihren Leckerbissen gefreut, aber allmählich gerät die Freude zum Frust, denn es gelingt ihnen einfach nicht, richtig an das Garnelenfleisch heranzukommen. Sie wissen nämlich nicht, dass man den Garnelenpanzer, der, wenn man Kopf und Schwanz mitzählt, aus acht Gliedern besteht, an der richtigen Stelle drehen muss, und zwar zwischen dem 4. und 5. Glied. Ganz einfach! Dann kann man beide Teile auseinanderziehen und das Granatfleisch in einem Stück entnehmen. Irgendwann haben die Konrads genug von der Sache. Die ganze Ferienwohnung riecht schon nach Fisch und ihre Hände natürlich auch und das wird trotz Waschens noch ein Weilchen so bleiben.
Mutter Konrads holt den Abfalleimer und in null Komma nichts wandern zwei Kilogramm Garnelen dort hinein, um sich von einem relativ teuren Leckerbissen in Müll zu verwandeln.
Frau Konrads stellt den Mülleimer vor die Tür - schließlich riecht es in der Wohnung schon genug - und zum Abendessen gibt es Schwarzbrot mit rohem Schinken, was immerhin auch etwas Einheimisches ist.
Die Feriengäste aus Bayern sind irgendwie enttäuscht!
Als Max in dieser Nacht 'mal raus muss - eigentlich ist es schon Morgen, aber noch sehr früh - wundert er sich über den Vogellärm vor der Haustür. Er geht der Sache nach und sieht eine große Anzahl Möwen, die sich über den Mülleimer mit den Garnelen hermacht.
"Na, ja", denkt er zerknirscht, "so waren die Viecher ja doch für irgendetwas gut!"
Die Sache mit den Garnelen war zwar eine Panne, aber es gibt ja wohl noch mehr Landestypisches zu entdecken auf dieser Insel, oder!?
Dergestalt motiviert landen die Konrads am nächsten Morgen im Nationalparkhaus. Da soll es angeblich jede Menge Informationen geben. Zu Maxens und Gretes Freude gibt es auch ein Aquarium. Die beiden sind ganz begeistert. Was da alles 'rumschwimmt!
Was sind denn das für komische, durchsichtige Fische? Die sehen eigentlich gar nicht aus wie Fische. Da müssen wir doch gleich 'mal fragen.
Die Beiden erfahren, dass es sich um Nordseegarnelen handelt, die hierzulande auch Granat genannt werden.
Max und Grete sehen sich einen Augenblick verblüfft an, tippen sich dann mit dem Finger an den Kopf und fangen an zu lachen.
Nordseegarnelen!? Das kann ja wohl nicht sein. Die hatten sie gestern auf dem Tisch und die sahen ganz anders aus.
Sie streiten noch ein bisschen mit Torsten herum, lassen sich dann aber doch belehren, dass Garnelen nur in gekochtem Zustand rosa und krumm aussehen. Sie können sich der Färbung des Untergrundes anpassen, sind tagsüber meist durchscheinend und nachts dunkel gefärbt. Außerdem sind sie langgestreckt, sonst könnten sie sich gar nicht fortbewegen.
Dazu benutzen die das vierte bis fünfte Beinpaar (sie haben insgesamt zehn) und schreiten über den Grund. Dabei tasten sie den Raum vor sich ständig mit ihren langen Antennen ab.
Garnelen können allerdings auch schwimmen. Dazu benutzen sie die fünf hinteren Beinpaare. Wenn sie fliehen müssen, können die Tiere ihren Hinterleib einklappen und mit Hilfe des breiten Schwanzfächers rasch rückwärts schwimmen. Sie graben sich allerdings auch ein, um sich zu tarnen. Die Mulde graben sie mit ihren Schwimmbeinen, und mit den Laufbeinen halten sie ihren Körper bei dieser Aktion an Ort und Stelle. Wenn sie sich dann in die Mulde legen, wird der Körper vom nachrieselnden Sand bedeckt und mit ihren langen Hauptantennen wischen sie noch zusätzlich Sand über sich, bis nur noch Augen und Antennen herausragen.
Ach, übrigens, die Augen: Sie liegen auf kurzen Stielen und bestehen aus jeweils ungefähr 1000 Einzelaugen. Garnelen können sogar Farben sehen. Donnerwetter! Max und Grete sind beeindruckt.
"Du, Torsten, kannst Du uns sagen, wie man die Krabben aus ihrer Schale bekommt, wenn man sie essen will?" - "Klar." Torsten erklärt es ihnen und er sagt ihnen auch, dass "Krabben" der falsche Ausdruck ist.
Krabben sind Kurzschwanzkrebse, also z.B. Strand- oder Schwimmkrabben, aber diese Tiere hier sind Garnelen oder eben Granat.
Die beiden wollen schon gehen, da fällt Grete noch etwas ein: "Sag 'mal, Torsten, kann man bei den Garnelen eigentlich Männer und Frauen unterscheiden?"
Torsten erklärt den beiden, dass es da zwar Unterschiede gibt, dass die aber schwer zu erkennen sind, denn nur zwei der hinteren Beinpaare und die ersten Antennen sind bei Männchen und Weibchen ein wenig verschieden. Allerdings werden die Männchen nicht so groß wie die Weibchen und leben auch nicht so lange, immer vorausgesetzt, dass sie nicht sowieso alle vorher gefressen werden, denn das ist schließlich ihre Hauptaufgabe im irdischen Dasein.

Torsten schlägt vor, die beiden am nächsten Tag bei Niedrigwasser mit zum Priel zu nehmen. da können sie dann ein paar Garnelen mit Keschern fangen, um das Aquarium im Nationalparkhaus aufzufüllen, denn auch dort werden die Garnelen schließlich von den anderen Fischen weggefressen.
Die beiden Geschwister sind begeistern und wollen auf jeden Fall kommen.

Aber heute Abend geht es erst einmal zum Essen in ein Restaurant.
Auf der Speisekarte wird jede menge Fisch angeboten, na klar, und es gibt auch Brot mit Nordseekrabben. Prima! Die will Max heute endlich probieren. Die wird er ja wohl nicht mehr pulen müssen!?

Moment 'mal - Nordseekrabben? Das ist doch falsch! Das hat er heute Morgen im Nationalparkhaus gelernt. Wieso wissen die Leute, die hier wohnen, das eigentlich nicht? Er wird den Ober gleich 'mal darauf ansprechen. Gedacht - getan!
Und was sagt der Ober dazu? Er sagt gar nichts, aber sein Gesichtsausdruck sagt so was wie "Rotzlöffel, Klugscheißer, altkluger Besserwisser" oder was es sonst noch so gibt in diesem Bereich!

Ulrike Unger - NPH Baltrum

Diese und andere Geschichten gibt es (schön illustriert) im Nordseehaus zu erwerben. 

Die Inselglocke Baltrum 5/6-2000

Die Inselglocke Baltrum