“English, ... so what?“

Für die ´Inselglocke´ schreiben, das ist so, wie wenn man etwas an die kleine bzw. große Glocke hänge. Also sehe ich mich etwas vor mit dem, was ich in Zeilen hier drucke...

Als Englischlehrer bin ich zugleich Enthusiast und freue mich, für die Schüler ab Klassenstufe fünf (bzw. vier) unsere Nachbar- und Weltsprache Englisch zu vermitteln. Eine Verwandtschaft der englischen Sprache zum Plattdeutschen an der Küste ist unverkennbar – Angeln, Jüten und Sachsen hatten in der Vergangenheit denselben Wohnkreis - und das mag die Sache etwas schmackhafter und interessanter machen. (Ganz zu schweigen von den vielen Amerikanismen, die sich nun noch häufiger in alle anderen Sprachen durchzusetzen scheinen.)

Aber was rede ich soviel von der Sprache? – Um die Schülerinnen und Schüler geht es natürlich in erster Linie im Unterricht an unserer Inselschule auf Baltrum: Um wachsende Persönlichkeiten mit entsprechenden individuellen Unterschieden, um Menschen mit Wünschen, Hoffnungen, auch mit Fragen und Nöten...nicht nur im Bereich der (Sprach-)Bildung, sondern auch in der Erziehung.

Meine Studienjahre habe ich intensiv verbracht mit der Auseinandersetzung von schulischer Bildung und Erziehung in den letzten drei Jahrhunderten.

Heute ist die Schule nach wie vor wie zu Zeiten Comenius´ und Rousseaus´ gefordert, unsere Kinder zu erziehen und zu bilden. Dennoch ist heutzutage diese Schule zu einer Art Massenveranstaltung gewachsen ( – zum Glück nicht so auf der Insel Baltrum! - ) ... und das Recht und die Pflicht auf bzw. zur Erziehung haben lt. Gesetz immer noch die Eltern.

Die Schülerinnen und Schüler kommen sozusagen mit viel oder weniger Disziplin (von Haus aus anerzogen) in die Schule - ... wo sie nun alle gleich behandelt und gleich gesetzt werden sollen – eine Art Widerspruch per se.

Jede Lehrerin und jeder Lehrer kennt diese Gratwanderung von Erfüllung individueller Wünsche und Interessen und gemeinsamer Gleichschaltung im Unterricht - abgesehen von der inhaltlichen Differenzierung nach Schwierigkeitsgrad des Lernstoffes.

Durch meine Aufenthalte auch an holländischen und britischen Schulen und Hochschulen in Großstädten (im Bereich DAF – Deutsch als Fremdsprache) ist mir deutlich geworden, wie unterschiedlich man die Erziehung noch heute handhaben kann – sei es an staatlichen oder privaten Schulen:

Z.B.:

A) Sind manche Eltern sehr froh darüber, dass ihr Schützling an der entsprechenden Schule lernen darf. Sie fragen fast wöchentlich bei den Lehrern an, wie die Entwicklung aussieht (...und sie bekommen geradezu Ängste wenn sie lange nichts von den Lehrkräften zu hören bekommen...).

B) Die Lehrerinnen und Lehrer schreiben die wöchentliche Entwicklung des Kindes in einigen Schritten auf ein Formblatt, das den Eltern zugesandt wird, wenn Probleme im Lern- und auch im sozial-kommunikativen Bereich auftreten...

Die Eltern sorgen sich um ihr Kind und bemühen sich, mit dem Lehrer als Fachkraft und Experten (wie Fleischer, Bäcker oder Modeverkäufer in ihrem entsprechenden Bereich) eine vernünftige Lösung zu finden. Die Lehrkraft hat das letzte Wort – sie spricht im Namen der Schule - ... und im schlimmsten Falle wird das Kind vom Besuch der Schule ausgeschlossen, weil ein Unterricht mit der anerzogenen Lebensweise des Kindes nicht zu vereinbaren ist.

Nun zurück zum Englischen – so what? – Englisch zu sprechen ist eben nicht nur ein rein kognitiver Vorgang, sondern es handelt sich hierbei geradezu um eine Disziplin, ja um eine Lebensweise. Kultur und Sprache hängen dicht miteinander zusammen und sind verflochten zu einem Ganzen.(Wie Sie sich, liebe Leserin und lieber Leser, sicher denken können, ... so ist das Friesische -

wie alle Sprachen eines Landstriches und Landes  - auch nicht nur eine Sprache, sondern auch Kultur von Menschen, die Gottlob! noch leben, mit denen wir kommunizieren können, id est: Trinken, essen und reden, etc. ...)

Wozu sonst lernen Lehrkräfte und Magister interkulturelle Kompetenz, ´intercultural studies´, ... and so on?

Sprache ist eben nicht nur das Lernen von Vokabeln (...wie die meisten noch immer glauben) und grammatischen Regelwerks. All das ist Handwerkszeug, das vielleicht im Anfangsunterricht einen größeren Teil ausmacht ... aber die moderne Sprachmethodik ist schon weiter...: Sprechen kommt von Sprache, von nachsprechen, mitsprechen, mitmachen...oder haben wir etwa unsere Muttersprache mit Grammatikregeln gelernt als wir zwei Jahre alt waren? -

Die Sprachregeln und -gesetze für unsere eigene Muttersprache lernten wir doch erst in der Schule - ...und doch: Sprechen konnten wir schon, bevor wir in die Schule kamen! 

Lernen von Sprache funktioniert nur miteinander: Zuhören, warten, antworten und wiederum abwarten und zuhören, bevor man antwortet, ist der Schlüssel zu jeglicher Verständigung – nicht nur im Fremdsprachenunterricht.

Als zusätzlich ausgebildeter Physik- und Biologielehrer mit Nebenfach der Philosophie (moderne Erkenntistheorie) möchte ich noch ein letztes Wort sagen:

Nach meiner unterrichtlichen Tätigkeit in den Niederlanden und in Großbritannien unterrichtete ich in den letzten zwei Jahren im Raum Salzgitter an einer Hauptsschule und Orientierungsstufe Physik, Biologie und Chemie.

Dort ist mir für die Klassenstufe fünf und sechs zum ersten Mal aufgefallen, wie sehr die Wissensvermittlung heute im Vordergrund steht:

Elektrische Schaltungen und Vorgänge und Erklärungen der Elektrizität werden von dieser jungen Altersstufe verlangt, - Kenntnisse, wie sie mein Vater seinerzeit für seinen ersten Beruf als Elektriker benötigte...

Erziehung und Bildung ... ist das noch zeitgemäß - with English, so what?

Sven Exner

Die Inselglocke Baltrum 5-2001