Pflanzen der Bibel

 

Grünes

 

Hobbygärtner/innen beschäftigen sich gern mit ausländischen, meist viel Aufmerksamkeit beanspruchende Pflanzen für Fensterbrett und/oder Terrasse. So sieht man nicht selten - auch an Baltrumer Fenstern - einen Minibaum mit stark verzweigtem Astwerk, lebhaft grünem, dichten Laub und leuchtend orangeroten Blüten samt roten Äpfeln ähnlichen Früchten: Punica protopunica. Das ist die "Zwergrasse" des Granatbaumes (Punica granatum). Dass beide Formen wenig anspruchsvoll, sogar etwas Salz tolerant sind, trägt zur Beliebtheit bei.

Der Granatapfelbaum gehört zu den berühmten sieben Pflanzen, die in der Bibel das Land auszeichneten, in dem es den Bewohnern gut erging. Übrigens kennt die Bibel keinen Begriff für unser Wort Pflanze oder Vegetation genau, es gibt nur das Wort jereq, was so viel heißt wie "Grünes" und für Bäume wie für Blütenpflanzen allgemein benutzt wird. Spezielle Pflanzennamen nennt die Bibel sehr wohl, und da ist der Granatbaum die Nummer Zwei auf dem Lehrpfad "Pflanzen in der Bibel" im botanischen Garten Osnabrück, nach dem Johannisbrotbaum (vgl. IGL 4-2003).

Viele Male wird der Baum erwähnt; 613 Kerne sollen in seiner Frucht sein, entsprechend den 613 Gesetzen des Alten Testamentes. Die Glöckchenform von Blüte wie Frucht wird ausdrücklich bestimmt für die Saumzierde des Gewandes des Obersten Priesters (2. Mose 28, 33). Der Sänger Salomo verwendet im Hohen Lied an die zehn mal Farbe, Form, Duft, Fruchtbarkeit des Granatapfels für Vergleiche mit den Vorzügen der Geliebten. Dass die Frucht auch Paradies- oder Liebesapfel heißt, könnte mit Salomo zu tun haben.

Die älteste handgreifliche Spur der Frucht stammt übrigens aus Ägypten. Man fand Früchte als Grabbeigabe für Pharao Ramses IV. (1153 - 1146 v. Chr.).

Was wir modernen Menschen wie der biblische König Salomo oder der noch frühere Herrscher Ägyptens ganz direkt genießen können: die Erfrischung, die die Frucht auch heute noch bietet.

Zur Reifezeit der Früchte stehen im Mittelmeerraum, wo die Bäume angepflanzt werden, Händler an einer Fruchtpresse am Straßenrand und bieten frisch gepressten Granatsaft an. Ohne Hilfsmittel an die Köstlichkeit heranzukommen, ist nämlich gar nicht ganz einfach. Die Außenschale ist ledrig, die saftigen Kerne liegen wie aufgereihte Perlen in einer weißlichen, leicht bitter schmeckenden Haut. Am besten löffelt man die Kerne heraus oder bereitet gleich einen Granat-Eisbecher:

Zwei Kugeln Vanilleeis werden in einen Becher gegeben, die Kerne eines halben, süßen Granatapfels darüber verteilt, und mit etwas Johannisbeersirup (wenn vorhanden, ist auch Grenadine, der Gewürzwein aus Granatäpfeln, gestattet) beträufelt. Das Ganze verziert man dann noch mit einem Sahnehäubchen, das mit geraspelter Blockschokolade besonders appetitlich aussieht.

Hüten Sie sich, beim Zubereiten Saftspritzer auf die Kleidung zu bekommen, die Flecken sind kaum mehr zu entfernen! Gekochter Saft ist pechschwarz und wird heute noch zur Tintenherstellung verwendet. Schale, Saft und Rinde zusammen liefern seit Jahrtausenden Farbstoffe für Orientteppiche.

 

Im Kapitel "Die Bedeutung der Pflanzen im religiösen Leben" schreibt M. Zohary: "Kaum ein anderes Volk des Altertums hat so viele Pflanzen in sein religiöses Leben einbezogen, wie die Hebräer der biblischen Zeit. Die Bibel weist eine Vielzahl von Riten, Festen, Geboten und Vorschriften auf, die es mit Pflanzen, deren Anbau und Pflege zu tun haben..."

Da gibt es ein Kreuzungsverbot für verschiedene Arten (3. Mose 19,19), ein Ernteverbot vor dem vierten Jahr nach der Neupflanzung (3. Mose, 19, 23-25) und ein Gebot zur Brache nach sechs Jahren der Ernte für ein Feld oder einen Weingarten: ein Sabbatjahr (3. Mose 25, 1-5) "...es soll Feierzeit sein für das Land."

Dienten diese Vorschriften der Ökologie, so finden sich andere, die eher mit Humanität zu tun haben: Garben, die umgefallen oder vergessen worden waren, blieben liegen für die Armen, aus gleichem Grund wurde auch keine Nachlese bei Ölbäumen oder Weinstöcken gehalten (5. Mose 24, 19-21). Die Eckteile der Felder durften nicht abgeerntet werden, Arme und Fremdlinge sollten dort Ähren oder Früchte sammeln können (3. Mose 19,9-10).

Bäume wurden verehrt als Symbole der göttlichen Kraft und Macht. In ihrem Schatten wurde Recht gesprochen (Richter 6,11), wurden Könige gewählt (1. Könige 13,14) und fanden große Persönlichkeiten ihr Grab.

Seinen wohl stärksten Ausdruck der Verbindung von Religion und Pflanzenwelt findet man im Gebot "... drei mal im Jahr sollst du mir ein Fest feiern..." (2. Mose 23,14), wonach sich der jüdische Kalender richtet.

März/April: Pessach (Passa) - das Fest, das die Israeliten an ihren Auszug aus Ägypten erinnern soll und an dem Gott die erste Frucht, die erste Garbe geopfert wird;

50 Tage später: Schavuot - ein Dankfest für Gottes Segen auf Feld und Flur, am Abschluss der Weizenernte;

September/Oktober: Sukkot (Laubhüttenfest)

Wenn die Oliven eingebracht sind - Ende Oktober - ist das landwirtschaftliche wie das kalendarische Jahr um, es folgt das Neujahrsfest Rosch Ha Schana. Dieses ist gleichzeitig das Neujahrsfest der Bäume, die bis Januar gepflanzt werden, in New York wie in Jerusalem, in Erinnerung an die Schöpfung.

 

Helga Ribani

Die Inselglocke Baltrum 5-2003