Stiller Protest

 

Das DRK-Kurhaus schließt seine Pforten

 

Völlig unverständlich ist für die Mütter der August-Kurgruppe die Schließung des DRK-Mutter-Kind-Kurhauses auf Baltrum. Die schon im letztem Jahr angekündigte Entscheidung steht erst seit Anfang des Jahres sicher fest: Am 30. November 2004 soll das beliebte Haus endgültig seine Pforten schließen.

Als die Mütter mit ihren Kindern davon erfuhren, war die Empörung groß. Spontan machten sie ihrem Unmut Luft, als der DRK-Landesgeschäftsführer Bernd Anders in der letzten August-Woche auf der Insel weilte: Mit Transparenten und Plakaten zettelten sie eine kleine Demonstration an. Sie sind sich dennoch durchaus bewusst, dass es in diesem Jahr die letzte Kur für sie auf Baltrum war. Viele der Mütter aus dem ganzen Bundesgebiet waren schon mehrmals auf der Insel gewesen, lobten den Kurerfolg in der Nordseeluft und der familiären Atmosphäre des kleinen Kurhauses.

Das im Jahr 1961 eröffnete Kinderkurheim hat schon manchen Wandel vollzogen: Im Winter 1986/87 wurde es zum Mutter-Kindkurhaus umgebaut, 1993/94 gab es den Erweiterungsanbau mit den medizinischen Einrichtungen für Krankengymnastik und Massage - immer, um den steigenden Bedürfnissen gerecht zu werden.

Mit der Gesundheitsreform haben die Krankenkassen und das Müttergenesungswerk jetzt neue Auflagen beschlossen, die für die Mutter-Kind-Kurhäuser zum Beispiel zur Folge haben, dass die Mütter und Kinder getrennt untergebracht werden sollen. Dazu müssen Appartements gebaut werden. Für das Haus auf Baltrum würde das eine große Umbaumaßnahme bedeuten, und die Bettenzahl würde damit zu gering, sprich, der Betrieb unwirtschaftlich.

"Es ist doch kein Problem, mit dem Kindern in einem Zimmer zu schlafen!" schimpft Brigitte Straub, Mutter von Joachim. Und auch Helga Klug, Mutter zweier Kinder bestätigt: "Gerade in der Kursituation sind die Kinder doch gerne bei ihren Müttern und wollen auch mal kuscheln. Wir haben uns hier immer wie zu Hause gefühlt! Im Gegenteil, das hat uns als Familie noch mehr zusammengeschweißt!" Die Mütter weisen darauf hin, dass besonders für die Alleinerziehenden und deren Kinder Trennungsängste eine große Rolle spielten. Durch "die umsichtig planende Leitung des Hauses" sei die Möglichkeit eh gegeben, getrennt zu schlafen, loben die Damen in einem Brief an das DRK, worin sie ihr Anliegen unterschreiben.

Sie fühlen sich allesamt gut aufgehoben und untergebracht. Das eher kleine Kurhaus kann 19 bis 20 Mütter beherbergen und bis zu 30 Kinder. Da wächst schnell Vertrauen und Verständnis untereinander.

Für die Mütter ist schwer vorstellbar, dass das in einem großen Haus ebenso sein könnte, wo man "nur eine Nummer" wäre. Hier könne ganz anders auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden. Sie empfinden sowohl das Kurhaus als auch die Insel Baltrum als Standort ideal: Die autofreie Nordseeluft und das Reizklima garantierten die Genesung von allerlei Krankheiten von Asthma, Neurodermitis und auch rheumatischen Erkrankungen, das hätten sie am eigenen Leibe erfahren. Die kleine Insel bietet ganz andere Qualitäten, die man bei dieser Entscheidung berücksichtigen hätte sollen: Zum Beispiel ist die Inselärztin im Notfall per Fahrrad in drei Minuten im Kurhaus beim Patienten - das ist in einem großen Heim nicht unbedingt der Fall. Eine der Auflagen heißt: Der Arzt muss im Hause sein. Ebenso haben eine Familientherapeutin und eine zusätzliche Psychologin ständig anwesend zu sein.

Die Inselglocke Baltrum 5 - 2004

Eine weitere Auflage: die Einrichtung einer Rezeption. "Warum müssen wir unsere Gäste in einer Empfangshalle begrüßen?" schüttelt Heimleiterin Martina Leißner den Kopf, "wir nehmen sie doch am Baltrumer Hafen in Empfang und laufen mit ihnen, wie auf der Insel üblich, zum Kurhaus. Wenn sie dann hier sind, kennt man sich schon. Alles andere regelt sich hier so."

 

 

 

Die Sozialpädagogin Martina Leißner ist seit 1991 auf Baltrum, zunächst als Kurleiterin, seit 1997 hat sie die Leitung des gesamten Hauses übernommen.

Die Mütter haben hier zum Beispiel auch die Möglichkeit, ihre Wäsche zu waschen. Die verschiedenen angebotenen Gruppen-Aktivitäten ließen keine Wünsche offen. Die Kinder im Alter von drei bis dreizehn würden individuell betreut und sich hervorragend untereinander verstehen.

Dies bestätigt Susanne Nibelung, seit 15 Jahren Erzieherin im DRK-Kurhaus. Sie wirft noch einen ganz anderen, den sozialen Aspekt auf: Anfang des Jahres hätten die 14 Mitarbeiter des Heimes auf Baltrum (Sozialpädagoginnen, Krankenschwester, Erzieherinnen, Hauswirtschaftsleiterin, Koch, Hauswirtschafterin, Küchenhilfe, Raumpflegerinnen, Haustechniker, Zivildienstleistender und auch die Allgemein- und Badeärztin sowie der Med. Bademeister und Masseur) erst von der endgültigen Schließung erfahren. Einen Sozialplan gebe es nicht. Zunächst seien ihnen andere Arbeitsstellen versprochen worden. Doch wo, wenn beispielsweise schon zehn Einrichtungen des Müttergenesungswerkes bundesweit geschlossen würden? Sie hatte sich überlegt, vielleicht nach Langeoog zu gehen, das Haus dort soll erweitert werden. Doch ob das dann auf Dauer ein sicherer Arbeitsplatz wäre? Es werden also fast alle Mitarbeiter entlassen. Als Teil des Gesamtbetriebes hätten die Baltrumer Mitarbeiter zu wenige Rechte, als dass die Garantie auf einen Arbeitsplatz in dem ihren gelernten Beruf realisierbar sei. "Es ist für alle Mitarbeiter schlimm". Die Mutter von zwei Kindern hat noch keine Perspektive. Auf der Insel könnte sie nur bleiben, wenn sie außerhalb ihres Berufes Arbeit finden würde - und die ganzjährigen Jobs sind auf der saisonabhängigen Badeinsel rar. Knapp die Hälfte der Belegschaft versucht auf Baltrum zu bleiben, was aus genannten Gründen aber schwierig ist.

Enttäuscht ist man auch, dass seitens der Baltrumer Gemeinde nie so richtig reagiert worden sei, obwohl man früh auf die Entwicklungen hingewiesen habe. Immerhin ist das Haus mit 14 Mitarbeitern schon einer der größeren Arbeitgeber auf der Insel. Es wären durchaus Modelle realisierbar wie die Einrichtung des Hauses für Familienfreizeiten, was aber der Unterstützung von allen Seiten bedürfte. Aber auch die Kurverwaltung wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.

"Mit der Schließung des Hauses wird am falschen Ende gespart - und die Leidtragenden sind die Pfeiler der Familie" heißt es in dem Mütterschreiben. "Wie sollen die Kinder ins Leben gehen, wenn sie schon durch ihren Gesundheitszustand im Schulleben beeinträchtigt sind?" fragen sich die Mütter. In drei Wochen Kur würde sich das Allgemeinbefinden schon so positiv stärken, dass das für ein ganzes Jahr anhalten könnte. Früher hätte die längere Kurzeit von vier Wochen mit der Option auf Verlängerung noch größere Erfolge gezeitigt. Heute sei man froh, überhaupt eine Kur gewährt zu bekommen, man müsse bitten und betteln. Aber die Entscheidungen an den bürokratischen Schreibtischen werden nicht von den Betroffenen getroffen, zucken die Frauen ratlos die Achseln.

Deshalb wollen sie aber wenigstens mit ihrem Schreiben zum Überdenken aufrufen - vor allem auch für das charmante Kurhaus auf der kleinsten Ostfriesischen Insel: "Wir fordern ein Konzept, das es möglich macht, dieses Haus in dieser Form zu erhalten. Kann die Insel nicht, wie sonst auch, einen Alleingang gehen?"

 

Sabine Hinrichs