Eiszeit vor 25 Jahren

 

Teil 2: Das Naturereignis „Schnee“

 

"Hurra, es hat geschneit!" - diesen Ausruf hören viele Eltern oftmals im Winter, wenn die lieben

Kinder nach den Aufstehen aus dem Fenster gucken und sehen, dass es während der Nacht geschneit hat. Es entstehen sofort die tollkühnsten Pläne für die nachmittägliche Freizeitgestaltung. Auf dem Weg zur Schule werden mit den Nachbarskindern noch weitere Möglichkeiten besprochen. Die Aufmerksamkeit während des Unterrichts ist alles andere als gut.

Wie sieht es nun aber aus, wenn man nach dem Wachwerden aus dem Fenster schaut und es haben sich während der Nacht zwei Meter hohe Schneeberge - Entschuldigung, auf den Inseln werden Geländeerhebungen "Dünen" genannt - also Schneedünen gebildet.

Hurra, die Schule fällt aus?

Erst wird frühstückt. Dann sehen oder besser hören wir weiter. Im Rundfunk gab es keine Meldung wegen eines Schulausfalles auf den Inseln. Ein Anruf beim Schulleiter genügt – normalerweise – heute ist die Leitung belegt. Und das dauernd, wenn 50 Eltern nachfragen.

Der Schulausfall wurde vom Kultusministerium verfügt und galt auch auf den Inseln

allerdings begann der Unterricht auf Baltrum bereits am 19. Februar, während am Festland erst am Donnerstag, dem 22.2. der Unterricht wieder aufgenommen wurde.

Wie sah es nun auf Baltrum aus? Unsere Insel lag nicht unter einer dichten Schneedecke sondern

es gab lange völlig schneefreie Strecken und dann wieder ungewöhnliche hohe Schneeanhäufungen.

Da wir Baltrumer ja nur in Notfällen vom Auto abhängig sind, stand die Schneeräumung auch nicht

an erster Stelle.

Zu Fuß kam man überall hin, wenn es auch länger dauerte als gewohnt, und beschwerlicher war es auch. Aber wie wäre es, wenn ein Krankentransport erforderlich werden würde, oder die Feuerwehr einen Brand bekämpfen müsste?

Also ging es los mit der Räumung vor allem unter dem Einsatz des Radladers und der Raupe des Bauunternehmers Harms, um Notfallfahrten zu ermöglichen. (Foto) Auch durch private Initiative wurden kleine Weg zu Einzelgebäuden geräumt. So auch zu einem Gebäude, in dem ältere Bewohner lebten, die eventuell einen Arzt benötigten.

Auf dem Festland war der gesamte Straßenverkehr zusammengebrochen. Um die vielen beteiligten Organisationen zentral führen zu können und um den privaten Autoverkehr durch ein generelles Fahrverbot zu stoppen, wurde am Mittwoch um 15:50 der Landkreis Aurich zum Katastrophengebiet erklärt. *) Auf Grund der schon seit 05:00 bestehenden Katastrophen-Vorwarnung - sie war von der Bezirksregierung Weser-Ems herausgegeben worden - war bereits um 13:00 das Fahrverbot ausgesprochen worden. Der Landkreis hatte Krisenstäbe in Aurich und Norden gebildet. Für uns hatten diese Maßnahmen keine Bedeutung.

Das Leben auf der Insel ging eigentlich seinen gewohnten Gang. Wenn auch Post und Tageszeitungen fehlten, so war ja klar, dass es bald viel zu lesen und auch zu schreiben gab. Die Lebensmittelversorgung war kaum problematisch, weil genügend Vorräte vorhanden waren, wenn

auch der Nachschub an Frischware zunächst ausblieb.

Mit dem Feuerwehrfahrzeug wurde die Heizöl-Versorgung mit einem eilends gebauten Schlitten,

auf dem die Ölfässer gestellt wurden, durchgeführt. Mit weitergehender Räumung der Straßen, konnte dann auch der sonst von einem Pferdegespann gezogene Ölwagen mit dem Feuerwehrfahrzeug bewegt werden.

Die Versorgung älterer Inselbewohner erfolgte durch die persönliche Nachbarschaftshilfe.

Natürlich dürfen auch die winterlichen Freuden der Kinder uns Erwachsenen nicht unerwähnt bleiben. Seien es ausgedehnte Schlittenfahrten , das Rodeln von den Dünen herab, auch die Versuche auf Skiern den Winter zu genießen gehören dazu. Der Bau einer Schneebar mit Naturkühlung am Fuß der Aussichtsdüne wird allen Beteiligten und Zuschauern noch lange in Erinnerung bleiben.

Am Samstag, dem 17. Februar landete ein kleiner Hubschrauber des Agrarflug Ahlen auf unserer Insel, holte einige Urlauber ab und nahm dann unsere Post mit ans Festland.

Kurz vor der „Schneekatastrophe“ war das neue 2-m-Band-Funknetz für Feuerwehr und

Krankentransport errichtet worden. Da die Ausstattung im wesentlichen aus Handfunkgeräten besteht, konnte der Radlader während der Räumfahrten über das mitgeführte Handfunkgerät erreicht werden. Die Funkverbindung zum Festland erfolgte über das übrig gebliebene 4 m-Band-Funkgerät.

Im Laufe der Woche wurden zwei mal Hubschrauber für Krankentransporte benötigt, einmal musste

ein Säugling und beim anderen Mal eine ältere Dame ins Krankenhaus gebracht werden.

Am Festland kam es nun sehr häufig zu Krankentransporten mittels der Bundeswehrhubschrauber. Viele außenliegende Bauernhöfe waren mit Fahrzeugen nicht erreichbar, bzw. es hätte sehr lange gedauert, bis unter diesen Verkehrsbedingungen Rettungsfahrzeuge solche Fahrten ausgeführt hätten.

 

Die Inselglocke Baltrum 5 - 2004

Am eindrucksvollsten ist wohl der Krankentransport, der notwendig wurde, weil in der Nähe von

Dornum eine junge Frau schwer erkrankt war. Diesen Transport, der von einem der beiden SAR-

Hubschraubern durchgeführt wurde, der für solche Notfälle während der Katastrophenphase am Norder Krankenhaus bereit stand, begleitete der damalige Amtsarzt Dr. Hermann Briese. Er berichtete im Ostfreeslandkalender 1980 darüber sehr ausführlich.

Der Flug über die verwandelte Landschaft war beeindruckend. Da die Sichtverhältnisse äußerst schlecht waren, kam nur ein Tieflug in Frage. Selbst die Ortsschilder am Straßenrand waren teilweise lesbar. Menschen arbeiteten auf den Wegen und Straßen, auf den einsturzgefährdeten Dächern, um Schnee abzuschieben.

Nahe der Einsatzstelle waren meterhohe Verwehungen sichtbar. Ein loderndes Feuer zeigte den Weg

zu dem anzufliegenden Haus. Viele Menschen waren dort versammelt, sie hatten von der Wiese her einen schmalen Fußweg freigemacht. Ein älterer Feuerwehrmann befürchtete, dass es für die erkrankte Frau schon zu spät sein könnte. Im Haus waren einige Nachbarinnen anwesend, die sofort ihre Hilfe anboten. Aber es ist zu spät, die mitgebrachte Arzttasche und der Notfallkoffer wurden nicht mehr benötigt. Die Anwesenden waren betrübt, jeder trauerte auf seine Weise. Aber man merkte, dass dieses winterliche Naturereignis die Menschen näher zueinander gebracht hat, Entfernungen, die die Technik und andere Zwänge uns auferlegen, waren weg. Die dörfliche Gemeinschaft lebte auf und alleine die Anwesenheit der Menschen nahm dem Tod etwas von seiner Namenlosigkeit und der Einsamkeit. Von diesem Empfinden leitete sich plötzlich ein starker Trost ab.

Wir Menschen benötigen diese Naturereignisse, um, wenn auch manchmal leider für nur zu kurze Zeit, die inneren Werte der Mitmenschen zu erkennen und nicht wie alltäglich uns nur von oberflächlichen Äußerlichkeiten verleiten zu lassen.

Diese Empfindungen habe ich immer gehabt, wenn wir in den vielen Jahren ohne Flugplatz, für die

Hubschrauber-Krankentransporte, den Landeplatz unterhalb der Teestube (Strandklause) absperren

mussten. Das Anfliegen der Hubschrauber hatte auf mich immer eine erlösende Wirkung.

Man möge mir an dieser Stelle den Vergleich zwischen der zweimal täglichen Ebbe und den

Schneeverwehungen im Februar 1979 erlauben.

Da während der Ebbe oft mehrere Stunden kein Schiff fahren konnte, mussten Hubschrauber Kranke

ausfliegen. Vielfach kamen dann Wetterprobleme, im Winter Schneetreiben oder Nebel und im

Sommer Gewitter und Starkregen, erschwerend dazu. So dass es für uns schon fast „alltäglich“ war, gemeinsam mit der Bundeswehr solche Einsätze zu meistern.

 

Nun zurück in den Februar 1979. Der SAR Hubschrauber konnte nicht nach Norden zurückfliegen

sondern wurde über Funk zum Fliegerhorst Upjever geleitet. Ein DRK-Fahrzeug holte den Amtsarzt

nach Norden zurück. Wie ging es nun weiter? Die Straßen wurden mehr und mehr geräumt. Die Fahrverbote aufgehoben und die Schulen nahmen den Betrieb wieder auf. Niemand konnte und wollte in absehbarer Zeit wieder Schnee in solchem Mengen erleben! So hat auch das Kind, das in der Westermarsch lebte und auf dessen Bauernhof eine Scheune durch die Schneelast einzustürzen drohte, seinen Eltern versprochen, nie wieder das Lied „ Schneeflöckchen, weiß Röckchen, wann kommst du geschneit?“ zu singen.

Für uns Insulaner war es auch ein außergewöhnlicher Winter aber nicht vergleichbar mit dem Winter 1962/63, in dem fast drei Monate kein Schiff fahren konnte, aber kaum Schnee gefallen war.

Ein Problem, das sich bereits Anfang Januar ergab, wurde im Teil 1 (vgl. IGL 3-2004) nicht erwähnt und soll an dieser Stelle deutlich gemacht werden: Während sich alle beteiligten Dienststellen bemühten, Versorgungsflüge durch die Bundeswehr genehmigt zu bekommen und Lieferanten Ware zum Norddeicher Flugplatz beförderten, sperrte der Flugleiter den gesamten Flugplatz, so dass die Versorgungsflüge in Frage gestellt wurden. Unverständlich, denn diese Hubschrauber benötigen keine feste Landebahn, und die Piloten wissen selbst, in welchen Situationen sie noch ihre Maschinen einsetzen können. Der Gemeindeparkplatz in Nessmersiel wurde eilends als Behelfslandeplatz eingerichtet. Die auf Baltrum dringend benötigten Waren wurden nach Nessmersiel gebracht. Die Hubschrauber führten dann von dort die Versorgungslücke ohne Schwierigkeiten durch.

Seit dem beschriebenen Winter hat es einen solchen Schneefall und noch nicht wieder gegeben.

Da Naturereignisse in unregelmäßigen Zeitabständen „zuschlagen“, könnte es schon im nächsten

Winter wieder heißen: „Hurra die Schule fällt aus!" .. aber für wie lange...

 

*)  Die Auslösung des Katastrophenalarms war rein formeller Natur. Er regelt die zentrale Führung aller eingesetzten Helfer sowie die Kostenerstattung und kann die Einschränkung gewisser Grundrechte wie Fahrverbot, Inanspruchnahme dringend benötigter Fahrzeuge und Geräte und auch die Hilfsverpflichtung der Einwohner oder die Abkoppelung privater Telefonanschlüsse nach sich ziehen.

 

Quellen: Ostfriesischer Kurier / Ostfriesenzeitung

                sowie allen anderen Tageszeitungen Nordwest –Deutschlands

                Ostfreeslandkalender 1980

                Gedächtnis-Protokolle des Verfassers

 

Heino Comien