Seemannsgarn

 

10 schaurigschöne Augenblicke

von Jutta Chrisanth

 

I.

"Die Hand, die aus dem Wattenmeer ragt, gehört bestimmt einer Landratte," erklärt Fietje und verließ mit seinem kleinen Sohn den Strand. Der ist zum Glück noch so klein, dass er seinen Papa nich versteht.

 

II.

An dem Tag als der leblose Frauenkörper an der Ostseite der Insel angeschwemmt wurde, war es windig und kalt. Holger holte seine Schubkarre und ließ die fremde Tote wie einen Sack hinein fallen. Schiet drup, immer wenn ich Dienst hab, murmelte er vor sich hin und steckte sich kopfschüttelnd eine Pfeife an.

 

III.

Als der Fischer das Netz wieder an sein Boot zog, war es rappelvoll. Krabben, kleine Krebse, Miesmuscheln und. Er Traute seinen Seemannsaugen nicht. Bestimmt wieder so ein Dösbattel, der zu weit raus geschwommen ist, brummte er in seinen nassen Bart und überließ den Bermuda bekleideten Männerkörper der See.

 

IV.

"Wenn einer so dick ist, muss er doch nich auch noch ins Watt gehen," stellte Jan Frerich fest und sah zu, wie auch der letzte Finger des Dicken im Schlick verschwand.

 

V.

"Bald rum, bald rum," sang das kleine blaugrün gekleidete Männlein und hüpfte von einem Bein auf's andere.

Als man ihn Tage später fand, formten seine kalten bleichen Lippen das Wort DURST.

 

VI.

Denk ich an Baltrum in der Nacht,

bekomm ich einen Schreck.

Der Schrei der Möwe hat mich aufgeweckt.

Hab' meinen Hals hoch über den Balkon gestreckt

und sie gesehen, diese beiden Armen.

Sie waren wohl verschollen und nun an Land geschwemmt.

In Dunkelheit mit Grollen hatte das Meer sie wieder ausgespuckt.

So nackt und ganz verfroren.

Hatte doch niemand mehr an sie gedacht.

Ja ja, ich sag ja, Baltrum in der Nacht.

 

VII.

"Tja, schade was?! Das war die letzte Packung. Du böses Schlick, Du," sagte der Masseur und räumte die Wolldecke und den Kurgast von der Liege und ließ beides in eine Kiste fallen.

 

VIII.

Der letzte Blutstropfen hing noch am Schnabel der Möwe. Wen sie wohl gefressen hatte? Eine Mutter am Westkopf der Insel weinte, sammelte den Sandeimer und die bunten Plastikförmchen ein und verließ für immer den Strand.

 

IX.

"Junge komm' bald wieder, bald wieder nach Haus," sang sie so laut sie konnte. Jens Hinrichs streckte die Hand mit ganzer Kraft noch einmal aus dem Wasser und ließ das weiße Taschentuch, das sie ihm zur Konfirmation geschenkt hatte, noch ein letztes Mal im Wind flattern. Das Meer forderte eben manchmal seine Opfer, dachte Erna und ging heim.

 

X.

Als die letzte Krabbe in seinem Schlund verschwand, war die Sonne gerade untergegangen. Den Sonnenaufgang sollte Werner P. aus M. nicht mehr zu sehen bekommen. "Jo, so is dat mit dem Fisch aus der Nordsee heutzutage. Die einen vertragen den und die anderen nich." murmelte Fietje und zog seine blaue Seemannskappe tief ins Gesicht.

 

Baltrum im April 2004

Die Inselglocke Baltrum 5 - 2004