Strandgut

von Jutta Chrisanth

 

Gefunden hatte sie den weinroten Wildlederbeutel am Abend kurz bevor das Meer - wie gewohnt - nach Nessmersiel verschwand. Er lag völlig durchnässt am Strand und schrie förmlich danach, gerettet und unter die Lupe genommen zu werden. Erna hatte ihn daraufhin auch aufgehoben und einen kurzen Blick hinein geworfen. Sie würde ihn - wie immer - Hanno geben. Der liebte Schauriges und irgendwie schaurig war diese Damenhandtasche, die das Meer herrenlos weggeworfen hatte, ja schon.

 

Nachdem Hanno die Tasche leer geräumt und die darin befindlichen Gegenstände gesichtet hatte, stellte er fachmännisch fest: "Sie gehört einem Sittenstrolch!" Auf dem Küchentisch lagen dicht nebeneinander ein Hufeisen, ein Stadtplan von Helsinki, ein 15-DM-Schein, ein Sturmfeuerzeug, ein Wochenvorrat Viagra und etwas, das Hanno so nicht kannte. "Aber sicher einem alten," entgegnete Erna und nahm - leise vor sich hersummend - einen Teil der Viagrapillen, um sie in der Nachttischschublade ihres Mannes verschwinden zu lassen.

 

Der hatte es sich inzwischen in einem Korbstuhl im Wintergarten gemütlich gemacht, steckte sich mit dem Sturmfeuerzeug seine Meerschaumpfeife an und betrachtete mit einer gewissen Ratlosigkeit des USB-Memory-Stick. Als solchen sollte ihn jedenfalls Fedde später identifizieren. Er war der erste und einzige Polizeihauptwachmeister auf der Insel und kannte sich bestens mit Computern und allem was dazugehörte aus.

 

Am nächsten Morgen hockte Fedde an seinem Schreibtisch - wie immer - um diese Zeit - und gab sich gewissen kriminalistischen Kombinationsvariationen hin.

 

"Bestimmt ein lüsterner Geldfälscher, ein impotenter Wandervogel, ein perverser Kettenraucher, der mit der Handtasche seiner Mutter per Anhalter nach Helsinki getrampt ist," murmelte er und betrachtete dabei besonders aufmerksam die Viagraschachtel. Egal, vermissen würde der bisherige Besitzer - und dass es sich hier um einen Mann oder etwas ähnliches handeln musste, stand für ihn außer Zweifel - diese Dinge vermutlich jetzt nicht mehr. War doch davon auszugehen, dass ihn die Fluten des Meeres längst verschlungen hatten, und so brachte Fedde den ganzen Kram kurz entschlossen in die Aservatenkammer.

 

Drei Tage später wurde er gefunden. Ein Herr in Damenkleidern und einem abgelaufenen Personalausweis. Angeschwemmt am Westkopf der Insel musste er schon Stunden im Watt gelegen haben. Das folgerte Fedde aus der Tatsache, dass die Kleidung knochentrocken war. Nur das lange rotblonde Haar war noch ein wenig feucht und salzhaltig, wie die hinzugezogene Pathologin später feststellen sollte.

 

Die Recherche ergab, dass es sich um den entlaufenen Insassen einer Einrichtung für psychisch und geistig Verwirrte handelte. "Er hat seine Mitinsassen wie ein Rabe beklaut und andauernd Geldscheine gefälscht," erklärte die Anstaltsärztin mit spitzen Lippen und aufgeregt flatternden Wimpern.

 

Baltrum, im April 2004

Die Inselglocke Baltrum 5 - 2004