Flora und Fauna des Nationalparks

Schäumender Wanderer

Nicht nur Menschen reisen, Pflanzen reisen auch. Wie die Menschen machen die einen „Kurztrips", die anderen unternehmen große „Fernreisen". Und einige kehren gar nicht mehr nach Hause zurück, sie bleiben einfach in der neuen Gegend. 

Diese Zuwanderer benehmen sich auch ganz ähnlich wie Menschen: Da gibt es - dem geschichtlichen Beispiel der Europäer in Nordamerika entsprechend - recht rücksichtslose Typen. Sie beanspruchen die besten Plätze, unterdrücken die Einheimischen, töten sie gar. Das Indische Springkraut (Impatiens glandulifera), das vermutlich aus den Gärten nepalesischer Exzellenzen oder von Kaschmir entsprang, ist dafür ein Beispiel. Es ist von einer Wuchsfreudigkeit, die noch Brennnesseln in den Schatten stellt. 

Andere teilen sich einfach den Boden, das Wasser, das Licht: Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) ist so ein Beispiel für friedliche Koexistenz mit der Wiesenplatterbse (Lathyrus pratensis) oder der Dornigen Hauhechel (Ononis spinosa). 

Viele der Zuwanderer sind ausgesprochen dekorativ, so dass die Menschen sie direkt in die Gärten holen, vor allem, wenn sie Nutzen bringen. Danach ergeht es den Einwanderern wie den Einheimischen: Die Menschen entscheiden, ob und wie lange sie die Pflanzen brauchen wollen, verstoßen sie womöglich wieder aus dem Paradies, wenn die Mode oder die Wissenschaft anderes anbietet. 

So ist es dem Seifenkraut (Saponaria officinalis) ergangen. In Flusstälern jenseits der Alpen war es zu Hause und könnte vom Griechischen Arzt Hippokrates zum Waschen benutzt worden sein. 

..."Seiffenkraut darumb, dass etlich Klosterleuth ihre Kappen und Gerät mit dem Gewächs säubern und waschen. Sparen hiemit Seiffe und Alaun, haben des Gelts nit, Seiffen zu kaufen oder Wäscherinnen zu dingen, wie sich dann die arme Brüder Sanct Francisci höchlich beklagen..." beschreibt Hieronymus Bock am Ende des Mittelalters den Einwanderungsweg des Seifenkrauts. 

Die Saponine, die besonders reichlich in der kräftigen Wurzel enthalten sind, bilden bei Kontakt mit Wasser einen milden Schaum, der sogar für empfindliche Stoffe wie Seide genutzt werden kann. Die Franziskaner Mönche, von denen in der obigen Quelle die Rede ist, haben wohl deshalb den Schaum zum Waschen ihrer Kutten genommen, weil er so milde ist, dass die wollenen Gewänder nicht einliefen. 

Doch kann die Waschkraft des Krautes nicht der ausschließliche Grund dafür gewesen sein, dass es in alten deutschen Bauerngärten nie fehlen durfte. 

Auch auf Baltrum - wie auf allen anderen Inseln auch - fand das Kraut Einlass in die Gärten. Da es sonst auch mit weniger gutem Boden zufrieden ist, gedieh es im nährstoffreicheren Gartenboden besonders gut. Es entwickelte so viel Widerstandskraft, dass es sich noch ausbreiten konnte, als es längst aus den Gärten verbannt war. 

Auf Baltrum sehen wir von August bis September an vielen Stellen - mitten im Ort, am Wegesrand - die „Herbstnelke" als Gartenausbrecher. Mit ihren zart bis kräftig rosa Blütenständen, deren Einzelblüten zuweilen sogar „Gefüllt" sind, auf 50 bis 80 cm hohen Stengeln sind sie kaum zu übersehen. das Laub ist lebhaft grün, die kreuzweise gegenständigen oval-elliptischen Blätter kennzeichnen die Pflanze als Familienmitglied der Nelkengewächse (Caraphyllacee), so dass der Name Herbstnelke durchaus richtig ist. 

Ein gefälliges Aussehen ist allerdings auch nie so recht ein Grund gewesen, eine Pflanze im Bauerngarten aufzunehmen. Die Waschkraft allein ist es wohl nicht gewesen, denn die Hausfrauen auch früherer Jahrhunderte erstrebten porentiefe Sauberkeit bei der Wäsche. Volksnamen wie Zigeunerseife und Katzenseife beweisen, dass der Seifenschaum aus der Wurzel nur für zweitklassig gehalten wurde. 

Als zwingenden Grund, eine Pflanze im Garten zu halten, gibt/gab es nur eine Eigenschaft, die für den Menschen wohltätig ist/war. Früher mussten Inhaltsstoffe solcher im Garten aufgenommenen Pflanzen mit Heilkraft überzeugen. Und darum ist wohl das Seifenkraut auf die Inseln gekommen. Im „Pflanzenbestimmungsbuch für Oldenburg-Ostfriesland und ihre Inseln" der 30-er Jahre erklären die Verfasser Meyer/Leege/van Dieken: ..."nicht heimisch, war früher Arzneipflanze...". 

Die Saponine, die die Wurzel schäumen lassen, wurden von der Volksmedizin als Schleimlöser, abführendes und harntreibendes Mittel empfohlen. Diese Eigenschaften nutzt die heutige Medizin nicht mehr, und so könnte denn nur noch ein intensiver Duft, wie er bei einem Nelkengewächs erwartet werden darf, der Pflanze einen sicheren Platz im Garten bewahren. Doch der Duft, der zudem erst nach Sonnenuntergang von der Herbstnelke ausgeht, ist für die meisten menschlichen Nasen zu schwach und nur interessant für die in der Nacht aktiven Insekten, die mit ihren langen Rüsseln in die Tiefe der Röhren der Blütenkelche tauchen können. 

So haben die Menschen das Seifenkraut aus ihren Gärten vertrieben und ihm nur noch den schmeichelhaften Namen Mondviole mitgegeben. 

Wer die schonende Waschkraft nutzen will, müsste im Oktober nach der Wurzel graben.

Helga Ribani 

Die Inselglocke Baltrum 5-1997