Aus Baltrums Tierwelt 

Sigi Scholle 
Ein Leben als Plattfisch 

Wie der Blitz war sie im Sand des Meeresbodens verschwunden. Wer genau hinsah, konnte noch ihre Augen sehen, die wie Sternchen aus dem Sand hervorlugten. Aber wer sah schon genau hin? Für den Seehund, der sie gejagt hatte, war sie jetzt uninteressant geworden und das war schließlich der Sinn ihrer Tarnung. 

Sie hieß Sigi Scholle und schwabbelte mutterseelenallein in der Nordsee herum, obwohl sie jede Menge Geschwister hatte, eine wirklich große Familie. Es mochten 620.000 sein oder nur 50.000. Genau wusste das niemand, am wenigsten ihre Eltern! Und überhaupt: Die meisten ihrer Geschwister waren wohl ohnehin nicht mehr am Leben - gefressen von anderen Fischen, als Ei, als Larve oder als junger Fisch, je nach dem. Nur ein Prozent eines Laichschubes gelangen an die Küste und schließlich ins Wattenmeer. Bei 50.000 Eiern sind das mal gerade 500 Stück. Sigi hatte Glück gehabt! 

Aber wie lange konnte so ein Glück dauern, ehe sie einem Krebs, irgendwelchen Vögeln, anderen Fischen, einem Seehund oder womöglich Menschen in die Falle geriet und genau das wurde, zu dem sie bestimmt war: Futter - ein kleines Glied in einer großen Nahrungskette?! 

Nur wenige Schollen sterben an Altersschwäche. Vor Kurzem war Sigi mal einer wirklich alten Dame ihrer Spezies begegnet: 50 Jahre alt, nicht ganz einen Meter lang und ungefähr sieben Kilogramm schwer. Sigi wäre vor Ehrfurcht fast im Boden versunken. Voller Bewunderung hatte sie Samanta zugehört, die natürlich viel zu erzählen hatte. Dabei hatte sich herausgestellt, dass sie Landsleute waren, beide an der Ostküste Englands geboren. Sigi war ganz warm ums Herz geworden! 

Ein Wunder eigentlich, dass sie sich getroffen hatten, denn je älter und größer Schollen sind, desto tiefer wohnen sie. Nur junge Schollen leben in den küstennahen Flachbereichen. 

Sigi selbst war jetzt ein Jungfisch, eine junge Erwachsene, die ihre "Pubertät" bereits hinter sich hatte. Das heißt, sie hatte sich von der Larve in einen Plattfisch verwandelt. Ihr linkes Auge war über die Oberkante ihres Kopfes nach rechts gewandert, und sie hatte angefangen, mit der linken Seite nach unten zu schwimmen. Das war jetzt schon einige Zeit her. Als das anfing, war sie nicht einmal zwei Zentimeter groß gewesen. Jetzt maß sie bereits fünf. 
Mit dieser Wandlung hatte auch ihr Bodenleben begonnen. Nur so hatte sie sich eben vor dem Seehund retten können. Nun ruhte sie also im Sand des Meeresbodens und harrte der Dinge, die noch kommen würden. Jetzt war Ebbe. Da wurde es sowieso Zeit, am Boden zu bleiben. Bei Niedrigwasser konnte man es nur noch im Priel einigermaßen aushalten. 

Tja, der Priel... Niedrigwasser ist die Zeit für Wattwanderungen. Unzählige Menschengruppen stampfen durchs Wattenmeer, um die Besonderheiten dieses Lebensraumes kennenzulernen, um die wunderbare Ruhe im Watt zu genießen oder um einfach im Priel zu fischen. Und genau das geschah an genau der Stelle zu genau dem Zeitpunkt, als sich Sigi Scholle, die Kleine aus England gerade im großen Priel vor Baltrum entspannte, um auf Hochwasser zu warten. 

Jäh wurde sie aus ihrer Ruhe gerissen. Irgend etwas hatte sie aus ihrem Sandbett geholt und in die Höhe gehoben. Sie kam sich eingeengt vor und wartete darauf, jeden Augenblick von gierigen Zangen, Schnäbeln oder Zähnen zermalmt zu werden. Aber nichts dergleichen geschah! 

Statt dessen fand sie sich nach kurzem Schock erneuet von Wasser umgeben. Es war eng, aber sie bekam wenigstens Luft. Ängstlich versuchte sie sich einzubuddeln, aber nirgends war Sand und wegschwimmen konnte sie auch nicht; überall war eine Wand. 
Während sie also entsetzt auf ihr weiteres Schicksal wartete, gab es plötzlich eine große Welle und nach kurzer, verwirrender Besinnung fand sich Sigi Scholle auf einem Meeresboden wieder. Schnell buddelte sie sich ein, um erst einmal aus sicherer Tarnung abzuwarten, was geschah. Tatsächlich blieb die Lage ruhig und bei Sigi meldete sich Hunger. Da war ihr der kleine Krebs, der arglos vor ihren Augen entlang krabbelte, doch gerade recht. Die Gegend, in die sie auf geheimnisvolle Weise gelangt war, schien in Ordnung zu sein. Hier konnte sie erst einmal bleiben. 

Das muss sie auch, denn ihr neuer Lebensraum, das Aquarium im Nationalparkhaus auf Baltrum, ist begrenzt, und vor allem gibt es erst einmal keinen Weg zurück ins große Meer. Aber das weiß Sigi nicht, also ist sie auch nicht beunruhigt; und solange es genug zu essen gibt, ist die Welt doch in Ordnung! 
Für das Essen sorgen Torsten und so mancher Tourist, vor allem Kinder, die immer mal Nachschub fürs Aquarium bringen. 
Wenn Sigi größer wird, kommt sie ins Meer zurück. Da ist es dann aus mit dem bequemen Leben. Die Seehunde warten schon! 

Horst Unger 
Nationalparkhaus Baltrum 

Die Inselgocke Baltrum 5-1999 

Die Inselglocke Baltrum