Bilder in unseren Köpfen

Die Bilder aus New York haben uns alle mehr als nur tief bewegt, sie haben uns geschockt und uns auf übelste Weise vor Augen geführt, welche Auswüchse an Gewalt überhaupt möglich sind.

Der erste Schock hat sich gelegt, einige Zeit ist verstrichen und wenn man sich nun umhört, finde ich zwei gegensätzliche Meinungen:

"Die Welt wird nie mehr, wie sie einmal war. Das ist der Anfang vom Ende." - oder: "In einem Jahr ist das genauso aus unseren Köpfen verschwunden wie jedes andere Unglück auch."

Ich persönlich neige zur ersten Ansicht aber ohne Weltuntergangsstimmung, bin mir aber dennoch bewusst, dass viele Menschen wirklich "vergessen" werden. Das ist an sich auch eher positiv zu werten, denn ich kann nicht alles Leid dieser Welt tragen. Dennoch wird gerade ein solches Ereignis nicht ohne Folgen für das Zusammenleben und die Zukunft der Menschheit sein - in gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher, emotioneller oder auch persönlicher Hinsicht.

Welche Bilder werde ich nächstes Jahr in meinem Kopf haben?

Mir geht es heute um einen ganz winzigen anderen Aspekt, der mich sehr zum Nachdenken bewegt hat. Am zweiten Abend nach der Katastrophe sah ich im Fernsehen ein Interview mit dem sehr renommierten Journalisten Peter Scholl-Latour, der seit 1950 an fast allen Krisenherden der Welt persönlich anwesend war und zu Recht auch als Nahostexperte gilt. Auf die Frage, ob die amerikanische Gesellschaft dieses Trauma je überwinden könne, antwortete er mit „ja“. Denn: Im Gegensatz zu uns seien die Amerikaner in ihrem christlichen Glauben als einer festen Wertvorstellung und Lebensinhalt gebend tiefer verwurzelt.
Wir hier in Deutschland, im christlichen Abendland, hätten uns schon seit einiger Zeit von den einst kennzeichnenden Werten verabschiedet und lebten in einer fast wertelosen Gesellschaft, in der nicht einmal mehr ein Minister der Bundesregierung seinen Eid mit dem Zusatz "so wahr mir Gott helfe" schwören wolle.
Ja, und das ist mir aufgefallen: In der ersten Nacht standen die Mitglieder von Kongress und Abgeordnetenhaus beieinander und sangen die so beliebte heimliche Nationalhymne "Gott segne Amerika". Vom betroffenen Geretteten, über einen Feuerwehrmann bis hin zum Präsidenten selbst hörte ich immer wieder die Worte "Gott segne Amerika" oder "Lasst uns beten".
Ich möchte hier nicht behaupten, dass die amerikanische Gesellschaft eine Nation gläubigerer Christen sei zumal ich auch kritische Aspekte sehe. Aber es gibt mir doch sehr zu denken, dass ein erfahrener Weltmensch wie Scholl-Latour ein solches Urteil fällt.

Es sollte uns allen hier Ansporn sein, unseren Glauben im Alltag zu leben um prägend auf unsere Gesellschaft und unsere Land einzuwirken. Es kann nicht schaden, Amerika hier zum Vorbild zu nehmen und christliche Werte auch mit so einfachen Worten wie den Segen Gottes zu wünschen oder einen anderen Menschen mit in sein Gebet einzuschließen zu vermitteln.
Sollen wir nicht das Salz der Erde sein? Haben wir nicht eine Glaubenshoffnung, die über den Tod hinausgeht? Jesus sagt im Johannesevangelium Kapitel 16, Vers 33: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."
Dies ist ein Plädoyer für den christlichen Glauben und ich schäme mich dessen nicht, im Gegenteil.

In einer Gesellschaft, die sich selbst als pluralistisch bezeichnet, die es gestattet, alle Formen transzendentaler Weltanschauung, spiritueller Erfahrungen, religiöser Experimente, bewusstseinserweiterten Körperkult, ethischer Philosophien unter dem Grundsatz der Toleranz auszuleben, darf auch der christliche Glaube seine Daseinsberechtigung haben.

Der christliche Glaube hat seine Werte verbunden mit Beständigkeit und er vermittelt nicht nur Bilder der Hoffnung, sondern er trägt sie in sich selbst.

Michael Ziegler

Die Inselglocke 6-2001