Aus Baltrums Tierwelt

Meta Miesmuschel

Sie sauste mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Von einer möglichen Gehirnerschütterung zu reden, wäre in diesem Zusammenhang wohl etwas übertrieben, aber irgendwie erschüttert war sie schon. Erschüttert, aber nicht zerschmettert, was die Möwe, die Meta Miesmuschel vor ein paar Minuten von deren sicherem Zuhause auf der Muschelbank gepickt hatte, eigentlich beabsichtigte. 

Möwen haben gelernt Muscheln zu knacken, indem sie sie aus zuverlässiger Höhe auf Steine fallen lassen. Strandmauern und ähnliche Uferbefestigungen sind da gerade recht. Möwen gehen eben mit der Zeit! 
Wenn die Muschelschale angeknackst ist, kann die Möwe sie problemlos mit dem Schnabel aufbrechen und den Leckerbissen verzehren. 
So sollte es auch mit Meta geschehen, aber die Möwe hatte sich verkalkuliert. Vielleicht war es einfach zu windig; jedenfalls landete unsere Miesmuschel nicht auf den Steinen, sondern auf Sand. Das allein rettete ihr noch keineswegs das Leben, denn Möwen geben nicht so schnell auf, aber da Niedrigwasser war, befanden sich jede Menge Menschen am Strand und die Möwe wurde vertrieben. 

Meta war mal gerade erst drei Jahre alt aber damit schon im verspeisungsfähigen Alter. So waren nicht nur Möwen und Austernfischer, Krebse oder Seesterne hinter ihr her, sondern auch die Menschen. 
Meta war allerdings auch ziemlich groß, nämlich genau 5,2 cm. Andere ihrer Art erreichten diese Ausmaße vielleicht erst nach sechs Jahren. Einige schafften das aber auch in wenigen Monaten. 

Auch Meta hatte, wie viele Meeresbewohner, eine schier endlos große Familie. Sie mochte zwölf Millionen oder nur fünf Millionen Geschwister haben, besser: gehabt haben, denn schon in ihrem ersten Monat als Larve gehen 99,9% dieser Muschelbrut verloren. Das heißt, von zwölf Millionen möglichen Muscheln bleiben nur etwa zwölftausend übrig. 
In der dann folgenden Zeit entwickeln sich die Larven zu Jungmuscheln, um dann mit einer Größe von 0,2 bis 2 cm sozusagen sesshaft zu werden. Aber auch das erleben nur wenige, nämlich nur ein Prozent. 
Von Metas 12.000.000 Geschwistern sind am Ende nur 120 übergeblieben. 
Wer glaubt, dass jetzt ein ruhiges Miesmuschelleben beginnt, der täuscht sich; denn jetzt kommen vor allem die Eiderenten, für die die kleinen Miesmuscheln ein wahrer Leckerbissen sind. 

Nun, Meta hatte das alles gut überstanden und lebte schon eine ganze Weile auf einer Muschelbank vor Baltrum, als sie plötzlich dieses unangenehme Erlebnis mit der Möwe hatte. Jetzt lag sie am Strand, war gewissermaßen orientierungslos und suchte Halt. Zu diesem Zweck fuhr sie ihren Fuß aus, um sich dann mit Hilfe ihrer Haftfäden (Byssusfäden) irgendwo zu verankern, aber wo? Kein Pfahl, kein Stein, kein Artgenosse weit und breit! Meta wurde unruhig. 
Sie war gewohnt, mit vielen. vielen anderen Miesmuscheln versponnen zu sein. Das gab ihnen Halt und schützte sie vor dem Verdriften oder Versinken. 
Miesmuscheln sind nämlich sozusagen die Höhenbewohner unter den Muscheln. Sie buddeln sich nicht in den Sand ein, sondern leben oben drauf, oft genug allerdings bei einer Wassertiefe von 20 bis 25 Metern. 

Während Meta also verzweifelt nach Halt suchte, landete sie unversehens in einem Eimer und - plop, plop, plop - war sie bald umgeben von vielen anderen Miesmuscheln, großen und kleinen, alten und jungen, die ein kleines Mädchen sammelte, um sie ins Aquarium des Nationalparkhauses zu bringen. 
Hier lernte Meta dann auch Manfred kennen, ein stattliches Miesmuschelmännchen von ungefähr 15 Jahren. Manfred war ein alter Mann, nicht mehr ganz fit aber unendlich weise und erfahren. Es war sehr unterhaltsam mit ihm. Außerdem fühlte sich Meta im Schutze seiner knappen zehn Zentimeter äußerst sicher. Sie hatte sich gleich an ihm festgeklebt. Von ihm erfuhr sie dann auch, wie nützlich sie war: 
Muscheln sind die wichtigsten Reinigungskräfte des Meeres. Bei ihrer Filterarbeit nehmen sie gleichzeitig ihre Nahrung auf, nämlich winzig kleine Pflanzen und Tiere, die im Meerwasser schweben. Von einer drei Zentimeter großen Miesmuschel wird pro Stunde ungefähr ein Liter Wasser gefiltert. 
Meta war schon viel größer. Sie konnte also schon ein bisschen mehr Wasser filtern. Was für ein gutes Gefühl! 

Ulrike Unger 
Nationalparkhaus 

Diese und andere Geschichten gibt es (schön illustriert) im Nordseehaus zu erwerben. 

Die Inselglocke Baltrum 6-1999 

Die Inselglocke Baltrum