Die Inselglocke Baltrum
Geheimnissen auf der Spur 


Bernstein und Baltrum 

Bernstein war schon in der Steinzeit ein begehrtes Material: Die vielen vorgeschichtlichen Funde, besonders aber die von Schwarzort (heute Litauen), die römischen Werkstätten in Aquileja und die berühmten Bernsteinstraßen des Altertums sind Belege für die Wertschätzung des Bernsteins in der Antike. Die Preise waren so hoch, dass ein Stück bestimmter Größe den preis eines Sklaven hatte und mitunter höher als Gold bewertet wurde. 

Der griechische Forschungsreisende Pytheas von Massilia reiste von 350 bis 320 vor unserer Zeit. Sein Weg führte an einer Bernsteininsel vorbei, die in der Nordsee lag; er nannte sie ABALUS. Die Einwohner würden den Bernstein anstelle von Holz als Brennstoff verwenden und ihn den benachbarten Teutonen verkaufen. 

Andere Gelehrte wie Diodorus Siculus nennen diese Insel auch BASILIA, ABALCIA, BALCIA, GLESSARIA und GLAESARIA (davon Glas, im Althochd. = Bernstein). Zur Zeit des Kaisers Augustus um Christi Geburt wurden die Ostfriesischen Inseln ELEKTRIDEN genannt; elektron ist das griechische Wort für Bernstein. In dieser Zeit verstand man unter „Bernsteinland" nicht etwa das baltische Samland (heute in Russland), sondern die friesische Küste der Nordsee. 

Die Entstehung des Namen BALTRUM ist nicht geklärt. Es findet sich keine Name an der Küste, der mit BAL- anfängt, und so kommt man in Versuchung, den Namen BALTRUM mit der legendären Bernsteininsel ABALUS in Verbindung zu bringen. 

Bei der Expedition des Drusus in Germanien im Jahre 12 v. u. Zt. werden auch einige Inseln betreten. Näheres darüber erfahren wir bei Plinius d. Ä., der als römischer Reitoffizier zwischen 47 und 57 u. Z. unter anderem im Land der Chauken (heute Ostfriesland) war. Er kannte die Küste aus eigener Anschauung. Von Plinius hören wir: 23 Inseln sind von der kimbrischen Halbinsel (Jütland) durch römische Kriege bekannt. Er nennt drei Inseln in Reihenfolge: BURCANIA (Borkum), GLAESARIA (von den römischen Soldaten so genannt wegen des großen Bernsteinvorkommens und ACTANIA. GLAESARIA wird bei den Barbaren AUSTERAVIA genannt - Norderney ist noch um 1400 als Osterende verdokumentiert. 

Bei AUSTERAVIA fällt uns -RAV- auf, noch heute in Dänemark der Name für Bernstein. Interessant auch: BALTIA, bei Plinius Name einer nordeuropäischen Insel (Meyers Konversationslexikon 1910). 

Wir wissen, dass 1650 der alte Sockel Baltrums weit in das heutige Norderney hineinragte. Bis zum 19. Jahrhundert verdrängten große Sturmfluten Baltrum vom ehemaligen Sockel in die heutige Lage. 

Wenn also AUSTERAVIA die Bernsteininsel der „Alten" war, so können wir annehmen, dass auch Baltrum damit gemeint war. 

Es spannt sich ein Schleier über das Vergangene. Behaupten kann man viel, beweisen nichts, weder positiv noch negativ. Aber man kann Indizien zusammentragen, und wenn sie zueinander passen wie ein Mosaik, dann darf man wohl glauben, die Wahrheit an einem Zipfel gefasst zu haben. 

Elke Szeklinski

Die Inselglocke Baltrum, Sonderausgabe zur 600-Jahr-Feier der Insel Baltrum, Ostern 1998


Literatur: 

Bernstein, Tränen der Götter. Michael Ganzelewski und Reiner Slotta, 1997. 

Sonnensteine. Günter Ludwig, 1984. 

Ostfriesland im Schutze des Deiches. Band I, 1969. 

Der Upstalsboom. Friedrich Sundermann, 1922. 

Dr. Lucia Nessler-Assmann, Braunschweig.