Die Inselglocke Baltrum

Das „Sandfatt" erwacht aus dem Dornröschenschlaf 


„Die Insel Baltrum ist bis jetzt völlig vernachlässigt. Obwohl ihre Vegetation am dürftigsten ist, kann doch nicht angenommen werden, daß auf ihr nur die wenigen bezeichneten Arten wachsen sollen, da selbst gemeine Dünen- und Strandpflanzen nicht angegeben werden.", bemängelte Carl Nöldeke, Oberappellationsrath aus Celle 1872 in einem Artikel über die Pflanzenwelt der Ostfriesischen Inseln. 

Ja, er weiß: „Auf den übrigen Inseln ist in den letzten Jahren fleißiger geforscht worden." Carl Nöldeke konnte nicht ahnen, dass der Dornröschenschlaf der Insel noch einige Jahrzehnte andauern würde 

Nicht nur die Pflanzen hatten sich bis zu Anfang dieses Jahrhunderts von der Insel ferngehalten, auch den Menschen hat die sandreiche Insel Baltrum ein Überleben schwer gemacht. Carl Nöldeke 1872: „Auf Baltrum ist der reine Dünensand vorherrschend, die Außenweide sehr unbedeutend, eigentliches Grünland fehlt ganz." Fischfang, Schifffahrt und das Baggern von Muschelschill waren die einzigen Beschäftigungszweige auf den 10 km² spärlich bewachsenen Sand der vor 100 Jahren noch 7 km langen Insel. Ein kleiner Flecken Grünland zwischen dem Wester- und Osterloog (-dorf) ergab nur eine karge Schafweide, die Gärten in den dorfnahen Dünentälern brachten Einiges an Gemüse, vor allem Kartoffeln, und das Meer lieferte Fisch und Muscheln. Auf die ca. 160 Einwohner kamen um 1900 etwa 200 Gäste, so dass sich seit Beginn des Seebadebetriebes 1876 zu dem Fischerei- und Schifffahrtsbetrieb das bis heute einträglichste „Handwerk", die Tourismusbranche, entwickeln konnte. Während Norderney, Wangerooge und Borkum schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu Seebädern erklärt wurden, konnte sich der Ausbau für den Fremdenverkehr auf Baltrum noch einige Zeit lassen. Das erste Hotel, Hotel Küper, wurde 1890, und das Hotel zur Post 1895 erbaut, der Bau weiterer großer Hotels fiel erst in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg. 

Aus dem „Sandfatt" (Sandfass) Baltrum ist heute eine grüne Insel geworden. Es gibt Wäldchen, feuchte Dünentäler, Sümpfe, einige Anpflanzungen und Gärten. Ein Teil des Hellers wird seit langem als Weide genutzt. Die Beschäftigung wurde vollständig auf den Tourismus verlegt. 

Nach eigener Zählung der Pflanzen auf Baltrum bedecken 1997 außerhalb des Gartenzauns etwa 470 wilde, verwilderte oder in die Dünen gepflanzte Pflanzenarten den Sand- bzw. Schlickboden - Moose und Flechten nicht eingerechnet. Das ist für die heute auf 6,6 km² geschrumpfte Insel eine vergleichsweise große Zahl. 

Ein Rückblick auf den Anfang botanischer Zählungen zeigt, dass vor über 100 Jahren nicht einmal die Hälfte an Arten vorhanden gewesen ist. Franz Buchenau konnte im Laufe der Jahre eine Zunahme von 175 (1874) auf 245 (1901) Arten feststellen. Der Juister Lehrer Otto Leege verzeichnet 1936 ganze 335 und der Göttinger Professor G. Wagenitz gibt 1973 eine Zahl von 340 - 350 Pflanzenarten für Baltrum an. 

Rechnet man die Zahlen bis zur ersten urkundlichen Erwähnung Baltheringes im Jahre 1398 zurück, müsste die Insel über Jahrhunderte hinweg fast kahl gewesen sein. Und was ist mit dem Zeitraum, der bis zur Entstehung der Inseln, vermutlich zwischen 500 und 1000 n. Chr. zurück reicht? 

Ein Blick zurück ins Jahr 1650 zeigt, dass nicht nur Lage, sondern auch die Größe und Form der Insel Baltrum starken Schwankungen unterworfen war und mit ihnen die Pflanzendecke der Dünen und Salzwiesen. 

1650 hatte die Insel eine Länge von 7,25 km, jedoch nur eine Breite von max. 345 m. Damit bestand sie nur aus einer schmalen (Weiß-) Dünenkette, in deren Schutz ein schmaler Streifen Salzwiese heranwuchs. 

Die Entwicklung der Insel und ihrer Pflanzenwelt konnte nicht geradlinig erfolgen. Die Verlegung bzw. Neugründung von Siedlungen auf Baltrum kann hier als Maßstab für schwere Inselschädigungen durch Sturmfluten gelten, die neben den Häusern auch einen Großteil der Pflanzendecke zerstört haben. Keine andere Ostfriesische Insel ist so oft durch Sturmfluten geschädigt worden wie die kleine Insel Baltrum; ein wehmütiger Blick nach Osten zeigt, dass das Dorf Spiekeroog seit 450 Jahren (1550) an derselben Stelle stehen bleiben konnte - für Baltrumer Verhältnisse bislang unvorstellbar. 

Im Westen der Insel Baltrum gingen von 1650 bis 1738 etwa 1,8 km Land verloren, die Insel verbreiterte sich dabei allerdings um fast 300 m. Die darauffolgenden Jahre nagten weiter an der Länge der Insel, weitere 1,2 km Verluste am Westende sind zu verzeichnen. Auch die Grünländereien wurden in Mitleidenschaft gezogen, und die Fluten liefen über die Wälle in die Gärten. Dünenzüge am Ostende wurden weggerissen, und die Accumer Ee verbreiterte sich um mehrere hundert Meter. Zwischen den im 17. und 18. Jahrhundert häufigen Einbrüchen des Meeres lagen oft nur wenige Jahrzehnte. In den wenigen Jahren zwischen den Sturmfluten konnten sich nur Weißdünen bilden, erste Graudünenstadien versanken in der folgenden Sturmflut wieder, so dass die Insel nur von grasbewachsenen niedrigen Dünen bedeckt war. Zur Ansiedelung von Sträuchern und Bäumen konnte es unter solchen Bedingungen nicht kommen, und die seit 1744 verordnete Pflege der Dünen konnte die Verluste durch Wind und Wasser nicht verhindern. 

Für den heutigen Pflanzenbestand kann die katastrophale Sturmflut von 1825 als Stunde Null gelten, deren Verwüstung nur zwei Häuser unbeschädigt gelassen hatte, und die an den Dünen, dem Grünland und dem Heller schwere Schäden anrichtete. Der Timmermannsschloot weitete sich zum Gat und teilte die Insel für zwei Jahre zwischen West- und Ostdorf durch, bis ein schmaler Dünenstreifen die endgültige Teilung der Insel verhindern konnte. Erst 1840 war die Teilung vollständig behoben. Seit der Sturmflut von 1825 hatte die Pflanzenwelt bis heute allerdings 170 Jahre Zeit, sich unter der Pflege der Dünen und seit 1873 unter dem Schutz der Inselbefestigung zu entwickeln, der bislang längste Zeitraum ohne Verwüstung. 

Im 19. Jahrhundert fielen noch einmal 800 m dem Meer zu, es ist aber bereits eine starke Anlandung von Sand im Osten und Norden der Insel zu verzeichnen, so dass den verlorenen 800 Metern 1560 m Neuland gegenüberstehen. Auch ging die Insel von 700 auf 1000 m allmählich in die Breite, was sich künftig auf die Dünenlandschaft und das Inselklima günstig auswirken würde. Auf diese Weise haben wir am Ende des 19. Jahrhunderts eine eiförmige Insel Baltrum vor uns, die 7 km lang und etwa 1,6 km breit ist. Mit einigen Formveränderungen liegen damit ein breites Dünengebiet, das sich heute aus mehreren parallelen Dünenketten zusammensetzt, und ein etwas schmaleres Band an Salzwiese vor. Die Insel und mit ihr die Pflanzenwelt verändert sich zusehends in nicht geahnter Weise. 

1901 kündigte das Erscheinen der Schwarzen Krähenbeere eine auf der Insel Baltrum bislang unbekannte, durch Alterung von Graudünen entstehende neue Dünenform an: die Braundünen. In den 1950ern wurde die „Stillegung" der wilden wanderfreudigen Insel Baltrum durch das nun auch durch weitere Pflanzen gekennzeichnete Braundünengebiet östlich des Ostdorfes sichtbar. Drahtschmiele, Katzenpfötchen und Mausohr siedeln noch heute zusammen mit Tüpfelfarn und Kriechweide auf schwarzbraunen Humusschichten in dieser hügeligen, moos- und flechtenreichen Dünenlandschaft. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Alterung der Dünen im Inselinneren stehen noch weitere Neuerungen: Durch ihre Pflege - kein Strandhaferschnitt zur Heugewinnung mehr (schon seit 1737 verboten!), der Pflanzung von Strandhafer in Windrissen, der Einsatz von Buschzäunen als Sandfang und das Betretungs- bzw. Eiersammelverbot für die empfindlichen Weißdünenbereiche - hat die Höhe der Dünen zugenommen. Franz Buchenau schreibt 1901 über Baltrum: „Zwar sind die Dünen nicht so hoch und schön, wie viele auf Langeoog, Juist und Borkum. Dabei nehmen sie aber unter der Pflege des Staats immer mehr an Höhe und Ausdehnung zu." 

Jetzt konnten sich im Windschatten hoher Weißdünenkämme im Osten der in die Breite gegangenen Insel 1872 endlich erste Sanddornbüsche ansiedeln, die bald einen Großteil der Dünen bewachsen würden. Schwarzer Holunder (Süükbäärn) folgte dem Sanddorn (Stiekel oder Dorn) aus den Inselgärten ab 1881 in die Dünen und siedelte sich in den durch Vogelkot gedüngten Sanddorngebüschen mit eben denselben Vögeln an. Auf die nun für beerenfressende Vögel attraktiv gewordene Insel Baltrum schleppten die vielen Drosseln, Amseln und anderen Vögel Rosen-, Weißdorn-, Ebereschen-, Johannisbeer- und Schneeballsamen entweder aus den Gärten, von den benachbarten Inseln oder vom Festland ein. Die vielen Weidenarten nutzten den Wind, um sich in den neu entstehenden feuchten Senken anzusiedeln. Der Zähmung des wilden Sandfasses Baltrum stand nun nichts mehr im Wege. Die Pflanzungen von Schwarz-, Wald- und Bergkiefern, Sitkafichten, Schwarz- und Grauerlen und Stieleichen unterstützten diese Entwicklung nachhaltig. 

Selbst die schwere Sturmflut von 1962 hat die Pflanzenwelt der Insel nicht mehr in den Zustand vor der Ansiedelung des ersten Sanddorns versetzen können: in den Zustand eines grasbewachsenen Sandfasses. 

Die Dünendurchbrüche wurden repariert, das Meerwasser zog sich zurück und die Pflanzenwelt erholte sich schnell. 

Mit der Anlage von Gärten, die nicht nur dem Anbau von Überlebensnotwendigem dienten, kamen neue, heute mittlerweile eingebürgerte Pflanzen auf die Insel. Die großblütigen Gemeinen Nachtkerzen haben sich in den Dünen selbständig gemacht, und man vermutet, dass sie - erstmals auf Baltrum und Langeoog gefunden! - sogar eine neue Art auf europäischem Boden - die Dünen-Nachtkerze - gebildet haben. Der hübsche essbare Erdbeerspinat findet sich noch, aus ehemaliger Kultur ausgebüxt, am Wegesrand. Neuerdings breitet sich der Japanische Riesenknöterich aus, und dem Drüsigen Springkraut steht der Sprung in die Inselwildnis noch bevor. Wildkräuter gelangten aus den Gärten über wilde Komposthaufen in die Dünen, wie z.B. das als Salatpflanze bekannte, in Baumschulen Nordwestdeutschlands massenhaft sich ausbreitende Tellerkraut aus Nordamerika oder der gerne zwischen den verwandten Kartoffeln wachsende Schwarze Nachtschatten. 

Aber nicht nur Menschen schleppten Pflanzen auf die Insel. Plötzlich tauchen Eichen- (1972) und Königsfarn (1978) im sumpfigen Innern der Insel auf, deren Sporen am Gefieder von Wassergeflügel kleben bleiben. Im Hundehaar verfangen gelangten sehr wahrscheinlich die Früchte vieler Grasarten, wie z.B. der Tauben Trespe oder der Mäusegerste auf die Insel. 

Mit den 1997 gezählten 470 Pflanzenarten ist noch keine Grenze erreicht. Im Bereich der Salzwiese ist in diesem Jahrhundert nur das Englische Schlickgras hinzugekommen. Das Salzwieseninventar war also schon im vergangenen Jahrhundert komplett. Die Pflanzen dieser Flächen werden sich aber auf lange Sicht weiterentwickeln und unter sich neue Arten bilden, so wie es bei dem mittlerweile in drei getrennte Arten und zwei Unterarten aufgespaltenen Queller feststellbar ist. Die Dünen nehmen noch einige Arten auf, so wie z.B. das von Paul Otten erstmals verzeichnete, 1942 über Eisen- und Autobahnlinien aus Südrussland eingewanderte Frühlings-Greiskraut. Aber hier sind die Möglichkeiten begrenzt, da die Dünen wie die Salzwiesen einen extremen Lebensraum darstellen. Expandierbar ist der dörfliche Bereich. 

Traubenhyazinthen, Milchsterne und Sibirischer Blaustern fühlen sich in dem Sandboden, besonders unter Kartoffel-Rosen so wohl, dass sie sich mächtig ausbreiten. Schnittlauch findet sich schon auf manch einem Rasen und Maiglöckchen, Silber-Hornkraut und die Deutsche Schwertlilie sind in die Dünen gewandert. Dem Bienenfreund oder Büschelschön kommt das milde Klima zugute, so dass die Pflanze den Winter schadlos übersteht. Nur wenige der genannten Arten werden sich auf Dauer halten oder sich weitläufig ausbreiten. Das haben in der jüngsten Vergangenheit nur wenige Pflanzen geschafft, wie beispielsweise der Weinbergslauch, der mit Baumaterial für die Buhnen (Blaubasalt) aus der Eifel auf die Insel gebracht wurde (Helga Ribani). 

Im Kiefernwäldchen bedeckt seit geraumer Zeit der Rankende Lerchensporn den nadeligen Boden und Roter Holunder ist um 1978/79 aufgetaucht (Bärbel Nannen). Das essbare Sumpfblutauge (Will Eerdbeejen, Nöötjes oder Broodjes) wurde erstmals 1993 von Fritz Nannen entdeckt. Ein Neufund von 1997 ist die Grannenlose Trespe, die sich zwischen Kartoffelrosen in der Nähe der katholischen Kirche angesiedelt hat. 

Wann die Mähnengerste Hordeum jubatum den Sprung im Hundehaar vom Spülteich in Nessmersiel nach Baltrum schafft, bleibt abzuwarten. Es kann aber nicht mehr lange dauern. 

Frank Nennen 
Sonderausgabe Inselglocke Baltrum zur 600-Jahr-Feier der Nordsee-Insel Baltrum, Ostern 1998