Die Inselglocke Baltrum
50 Jahre Baltrumer Gitarrengruppe 


Von der Zigarrenkiste mit aufgezogenem Draht bis nach Göteborg  

Vor 50 Jahren - es waren schlechte Zeiten auf Baltrum, und die Insulaner tauschten Bettwäsche gegen Tee und Lebensmittel - kam auf diese Weise auch eine Gitarre auf die Insel. 

Keiner wusste damit so recht etwas anzufangen. 

Aber unsere alte Gemeindeschwester Lisbeth Sprenger wusste Rat: Ihr Bruder, den es als Flüchtling aus dem östlichen Teil Deutschlands nach Baltrum verschlagen und der an der hiesigen Grundschule eine Lehrerstelle bekommen hatte, war des Spielens kundig. 

So kamen schnell sechs kleine Mädchen zusammen und machten mit ihrem neuen Lehrer und seiner Gitarre Bekanntschaft. 

Als die ersten Liedchen langsam erklangen, fanden sie alle viel Gefallen daran. 

Aber woher sollten weitere Instrumente kommen? 

Man war damals sehr erfinderisch, und die jungen Mädchen bastelten sich selbst kleine Ersatzinstrumente aus mit Drähten bespannten Zigarrenkisten. 

So fing es sehr mühsam an, aber bald kamen weitere, richtige Gitarren auf die Insel, und schon im Sommer 1950 traten die mutigen Sängerinnen mit ihrem Lehrer Hans Sprenger zum ersten Mal im Strandschlösschen, dem damaligen „Café auf dem Dach", auf. Die Auftritte wurden von Gästen und Insulanern mit großer Begeisterung aufgenommen. Und es meldete sich schon damals das Finanzamt und wollte einen Obolus haben. 

Aber Herr Sprenger schrieb an das Finanzamt: „Es handelt sich um eine Musikerziehung von Schulkindern, die erstreben will, dem jungen Menschen den Liederschatz des deutschen Volkes zu erschließen. Die Lauten- bzw. Gitarrengruppe Baltrum ist ein Zusammenschluß innerhalb der gesamten Schularbeit. Die Gruppe ist den Wünschen von Insulanern und Gästen nachgekommen, und hat in den Jahren 1950 und 51 schlichte Liederabende für sie gestaltet, welche weiter nichts geben sollten als eine Hinführung zu Besinnlichkeit und Fröhlichkeit. Von den spontanen Geldspenden der Gäste wurden weitere Instrumente angeschafft, um hiesigen Flüchtlingskindern und Minderbemittelten (- die gab es damals noch zahlreich hier -) Gelegenheit zu geben, sich am Musizieren zu beteiligen. 

Sollte für die Gruppe eine Umsatzsteuer bezahlt werden, müßten die Instrumente versteigert werden, um das Geld zu beschaffen. Die weitere Erziehung zur Hausmusik wäre gefährdet." So Herr Sprenger in seinem Schreiben an das Finanzamt Norden. 

Der zuständige Sachbearbeiter hatte Einsicht und verzichtete auf Erlöse und wünschte der jungen Gruppe viel Erfolg. 

Und so ging es munter weiter. 

Als ich selbst im Jahre 1952 auf die Insel heiratete und am Heiligen Abend die Gitarrengruppe hörte, wusste ich sofort: Da musst du mitsingen! 

Herr Sprenger unterrichtete mich im kommenden Winter an vielen Abenden und schon im Jahr 1953 sang ich jeden Dienstag in den verschiedensten Hotels mit, denn die Gruppe war schon auf dreizehn Mitglieder angewachsen, und Herr Sprenger hatte den Dienstag zum Abend der Gitarrengruppe gemacht, was bis heute so geblieben ist. 

Herr Sprenger sagte oft: „Wir sind kein Kinderchor mehr. das war einmal. Die Mädels sind älter und größer geworden. Wir haben uns aus kleinsten Anfängen entwickelt, dabei aber nichts von dem frischen, ungekünstelten Singen verloren." 

Geboren ist diese Haltung aus unserer naturnahen, von der Hast der Zeit unberührt gebliebenen Insel. Hier haben wir uns das erhalten, was leider vielerorts verloren gegangen ist. Wir sind glücklich darüber, dass sich immer wieder während der Saison so viele Menschen um uns scharen, um mit uns frohe und besinnliche Abende zu verleben. Im Herbst 1959 besangen wir die erste Schallplatte. 

Die Gruppe entwickelte sich laufend weiter, und viele Baltrumer Mädchen übten und sangen mit. Aber sehr viele von ihnen gingen später an das Festland, und es blieben immer nur etwa 18 bis 20 Sängerinnen auf der Insel zurück. 

Dafür heirateten aber auch junge Frauen vom Festland- wie zum Beispiel ich - eingeborene Insulaner und wurden Mitglieder der Gitarrengruppe. 

Wir sangen in Hafenkonzerten des NDR und in der Aktuellen Schaubude. Bei der Bundesgartenschau traten wir auf und warben und werben auch heute noch auf diversen Messen für das Dornröschen der Nordsee, unser geliebtes Baltrum. Wie viele schöne Orte wir im In- und Ausland kennenlernen durften, wäre hier zu mühselig aufzuzählen. Aber überall wo wir auftraten, verbreiteten wir viel Freude. 

Seit 1963 habe ich die Leitung der Gruppe von Herrn Sprenger übernommen, der aus Altersgründen die Leitung abgeben wollte. 

Ich habe mich immer bemüht, den alten Geist beizubehalten und glaube auch, dass es mir gelungen ist. Wir singen weiterhin jeden Dienstag - seit vielen Jahren jetzt schon in der Kirche - für unsere Gäste und sammeln an unseren Abenden jeweils für einen guten Zweck (für die Seemannsmission, für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, für die alte Baltrumer Inselkirche, für unsere Gemeindeschwester, für die Lebenshilfe in Norden, für die Oderhilfe, für die Kinder aus Tschernobyl in Dornum oder für das Helenenstift in Hage). 

Im Winter üben wir jeden Dienstag für neue Lieder oder für die Auffrischung unseres umfangreichen Programms, denn dieses umfasst ca. 350 Volks-, Heimat-, Wander-, See-, Abend- und Kinderlieder! 

Neben unseren Auftritten am Dienstag singen wir bei Insulanern an ihrem 75sten und 80sten Geburtstag und ab dem 80sten Lebensjahr jährlich. Des Öfteren beteiligen wir uns am Gottesdienst, so zu Weihnachten, zu Sylvester und bei sonstigen, besonderen Anlässen. 

In den vergangenen Jahren hat die Gruppe viele schöne gemeinsame Fahrten in den Wintersport oder in den sonnigen Süden oder zu den Salzburger Festspielen gemacht. Diese Fahrten haben das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe immer wieder neu gestärkt. Ein besonderes Erlebnis war zu unserem 40-jährigen Bestehen die Fahrt mit unseren Männern auf der Finnjet nach Helsinki. Jetzt gerade, im Februar 1998 zum 50-jährigen Bestehen der Baltrumer Gitarrengruppe, haben wir eine Reise mit unseren Männern nach Göteborg gemacht. Wir wollten ihnen damit einen ganz besonderen Dank abstatten, da sie ja oft zurückstehen müssen, wenn wir auftreten oder unterwegs sind. 

In meiner Ansprache zum 50-jährigen Jubiläum habe ich unseren Zusammenhalt und unsere 50-jährige Gemeinschaft so beschrieben: 

1. Die Freude am Singen, und diese Freude an andere Menschen weitergeben zu können. 

2. Die Erhaltung des alten Liedgutes und die Erarbeitung neuer moderner Lieder. 

3. Geduld innerhalb der Gruppe zu zeigen und die Stärken und Schwächen der Mitglieder mitzutragen. 

4. Nach harter Tagesarbeit - denn alle Mitsängerinnen haben einen eigenen Pensions- oder Ferienbetrieb zu versorgen - abzuschalten und den Stress hinter sich zu lassen. 

5. Ja, der Lohn, eine volle Kirche, begeisterte Zuhörer, strahlende Kinderaugen, manchmal auch Lob von Fachleuten. 

6. Das gesellige Beisammensein nach den Auftritten. 

7. Und ein sehr wichtiger Punkt: unsere Männer!!! Das ist kein Scherz, denn es ist nicht einfach, das viele Drum und Dran einer Gruppe durchzustehen, wenn die Ehemänner uns nicht unterstützten. Und das tun sie, und dafür haben wir sie Ende Februar mit nach Göteborg eingeladen und hatten ein wunderschönes gemeinsames Wochenende auf dem Fährschiff und in Göteborg. Göteborg war der krönende Abschluss von 50 Jahren Baltrumer Gitarrengruppe und gibt uns Mut, noch ein wenig weiterzumachen. 

Karin Bruns-Strenge 

Die Inselglocke Baltrum , Jubiläumsausgabe 1998