Die Inselglocke Baltrum
Von Watten und Gaten, Prielen und Riffen  


Eine kleine Entstehungsgeschichte unserer Insel zum besseren Verständnis der empfindlichen Lebensräume für Pflanzen und Tiere.  

Karsten Lill, Inselglocke 1/98 

Baltrum liegt als kleinste der ostfriesischen Düneninseln mit einer Fläche von 6,6 km², 5 km West-Ost-Erstreckung und ca. 1,3 km Breite im Bereich des sandigen Barrieresystems, das sich entlang der südlichen und östlichen Nordseeküste von den Niederlanden bis nach Dänemark zieht. Die kürzeste Entfernung zum Festland beträgt ungefähr 4 km. 

Zum besseren Verständnis der erst in historischer Zeit dauerhaft gesicherten Lebensräume für Pflanzen und Tiere soll die geologische Entstehung der ostfriesischen Inseln hier kurz beschrieben werden. Die folgenden Ausführungen sind aus Barkhausen (1970), Pott (1995), Streif in Reineck (1982) und Zylmann (1949) zusammengestellt. 

Zeitlicher Ausgangspunkt für die Entstehung des Landschaftsraumes „Südliche Nordsee" mit den Düneninseln und Watten ist der postglaziale Meeresspiegelanstieg infolge Klimaerwärmung und Abschmelzen der Eismassen. Das südwärts gerichtete Vordringen (Transgression) der Nordsee begann in der frühen Nacheiszeit, vollzog sich - pollenanalytisch datiert - in dem Zeitraum zwischen 8.300 - 6.000 v. Chr. und fällt damit in die Zeit des Präboreals und Boreals. Die heutige Küstenlinie wurde gut 1.000 Jahre später, also ungefähr 5.000 v. Chr., im Atlantikum erreicht. 

Der Meeresspiegelanstieg verlief in diesem Zeitraum vergleichsweise rasch mit Raten zwischen 1,2 m bis ca. 2m/Jh. Danach verlangsamte sich der Meeresspiegelanstieg auf ca. 0,3m/Jh. Gleichzeitig kam es durch Wechsel zwischen transgressiven (Vordringen) und regressiven (Rückzug) Phasen des Nordseevorstoßes zu Spiegeloszillationen, die bis ins späte Subboreal, d.h. bis ca. 1.000 v. Chr. anhielten. Seit Beginn der historischen Zeitrechnung - im Subatlantikum - ist für die niedersächsische Küste ein kontinuierlicher Anstieg um ca. 0,25 m/Jh. belegt. 

Als Folge der überwiegend - aber nicht ausschließlich - transgressiven Vorgänge an der Küstenlinie wurde auf der holozänen Festlandsaußenkante, dort, wo die Wellen Bodenberührung bekamen, bis vor ca. 2.500 Jahren v. Chr. ein bis zu 30 m mächtiges, sandiges Strandwallsystem in Form einer Barriere aufgeworfen, das sich basal mit terrestrischen Küstensedimenten der Regressionsphasen verzahnte, d.h. sich südwärts auf die Küste aufschob. 

Voraussetzung für diese bis heute hochdynamisch ablaufenden Vorgänge ist die hydrodynamische Balance zwischen dem überwiegend senkrecht zur Küstenlinie gerichteten Sandtransport der Gezeitenströmungen und dem - heute als untergeordnet angesehenen - Küstenlängstransport von West nach Ost. 

Entscheidend für das Ausmaß der Transport-, Fraktionierungs- und Sedimentationsvorgänge und somit auch für die örtlichen Mächtigkeiten und morphologischen Ausprägungen des Barrieresystems ist die Höhe des Tidenhubs: an den west- und ostfriesischen Küsten kam es wegen hoher Tidenhübe zwischen 2 - 3 m zur Ausbildung durchbrochener Barrieren mit Düneninseln, tiefen Seegaten und ausgedehnten Systemen von Sandbänken, -platen und Riffbögen, Watten und Prielen. 

Diese starke morphologische Differenzierung der mächtigen Sandbarriere vollzog sich bis vor ca. 1200 Jahren v. Chr. und lässt sich modellhaft beschreiben: 

Die Brandung der transgressiven Nordsee führt - abhängig vom Tidenhub - große Mengen sandigen Materials an die Festlandskante heran und wirft diese dort zu einer Brandungssandkante auf, die durch hohe Fluten ständig erhöht und weiter auf das Festland verlagert wird. 

Nach Einstellung der örtlich variierenden Tidenhübe entsteht eine von initialen Seegaten durchbrochene Schwemmsandplate, die zunehmend über die Linie des mittleren Tidehochwassers hinauswächst und irgendwann regelmäßig trocken fällt. Nun kommt äolischer (Wind) Sandtransport ins Spiel, der die Platen modelliert, weiter erhöht und dauerhaft flutsicher macht. Hinter der Sandplate können sich in geschützten Bereichen feinkörnige Ablagerungen halten - initiale Inselwatten bilden sich an den Rückseiten. 

Durch Windtransport auf den weitgehend flutfreien Platen entstehen zunächst vegetationsfreie Embryonaldünen, die sich im nächsten Stadium durch eine dünne Vegetationsdecke zu Primärdünen wandeln. Die dünentragende Plate wird dadurch weiter gegen Erosion und Verlagerung gesichert; die Rückseitenwatten in ihrem Schutz wachsen höher und etablieren sich. 

Weitere Aufhöhung und Differenzierung der Vegetation lässt aus Primärdünen wandernde sekundäre Weißdünen entstehen. Bei günstiger Entwicklung bilden sich hintereinanderliegende, bis zu 20 m hohe Dünenketten mit typischer Pflanzensukzession; tertiäre „Grau-" und „Braun-"Dünen entstehen als dauerhafte, feste Inselkerne mit süßem Grundwasser. Dahinter bilden sich Salzwiesen auf alten, hochliegenden Inselwatten (Rückseitenwatten), die nur noch bei hohen Fluten unmittelbar marin beeinflusst werden. 

Die andauernd hohe Dynamik des Ablagerungsraums setzte sowohl die einzelnen Düneninseln, als auch die gesamte Inselkette bis in die Gegenwart starken Umlagerungsprozessen aus: schwerpunktmäßg ostwärts gerichteter Flutstrom, starke Erosion an den Westenden, mäßige Akkumulation an den Ostenden, deutliche Ostverlagerung von einzelnen Inseln (Juist, Baltrum, Spiekeroog, Wangerooge), Südwanderung der gesamten Kette auf die alte Festlandsaußenkante, Sturmflutdurchbrüche, Versandungen. 

Hinweise hierauf geben nicht nur alte Kartendarstellungen aus historischer Zeit, sondern auch Aufzeichnungen über verheerende Auswirkungen von Sturmfluten, die ganze Ortslagen zerstörten und Verlegungen von Wohnhäusern und Kirchen erforderlich machten. 

Die Inseln Borkum, Norderney und Langeoog waren dagegen vergleichsweise lagestabil und lediglich durch Akkumulation an den Ostenden gekennzeichnet. Das Material hierfür stammte in großem Umfang von den jeweils westlich benachbarten, „wandernden" Inseln. 

Zusätzlich zu der vorherrschende West-Ost-Wanderung der Inselkette, die früher wegen ihrer Form auch als Nehrungsbogen fehlinterpretiert wurde, war mit untergeordneter Bedeutung auch eine Südverlagerung auf alte Ablagerungen der Festlandsaußenkante zu verzeichnen. An den Nordstränden der Inseln tauchen diese alten, tonigen und/oder torfigen Sedimente bei weitablaufendem Wasser manchmal auf. 

Weitere Hinweise auf die starken morphologischen Veränderungen, die die Düneninseln im Laufe der Jahrhunderte erfahren mussten, sind die heute verheilten Durchbrüche (Sloops) nach Sturmfluten. Hier wurden die Dünenketten durchschlagen, es kam zu umfangreichen Materialverfrachtungen in die rückseitigen Watten und zu großflächigen Zerstörungen der Vegetation. Auf Baltrum zeugt das Timmermannsgat an der schmalsten Stelle der Insel, zwischen heutigem West- und Mitteldorf, von einem solchen Durchbruch. 

Bis zum Beginn des Deichbaus ab ca. 1.000 n. Chr. verlief die Entwicklung der Küste und der vorgelagerten Inseln ausschließlich natürlich. Es wird deutlich, dass die oben beschriebenen Verhältnisse die Ausbildung einer Vegetationsdecke auf den Düneninseln bis in die jüngste Zeit weitgehend verhinderten. Die Ausbildung terrestrischer Biotope mit dauerhafter Flora und Fauna blieb bis zum Einsetzen menschlicher Besiedelung und den damit verbundenen Inselschutzmaßnahmen spärlich oder fehlte ganz. Erst anthropogene Eingriffe in die Küsten- und Inselmorphologie wie Schutzbauten und Sandfestlegung hatten fördernden Einfluss auf die Entstehung, Differenzierung und den Schutz der Biotope. 

Für Baltrum ist menschliche Besiedelung ab 1398/1406 urkundlich und archäologisch belegt. Trotzdem ist in dem Zeitraum bis 1873 (erste Buhnen am Westende), bzw. 1892 (erste Westkopf-Befestigung) für Baltrum eine West-Ost-Wanderung von ca 4.300 m zu verzeichnen: Das Baltrumer Westende lag um 1650 im zentralen Bereich des heutigen Norderney. Ungefähr 15 m Landverlust pro Jahr bedeuteten für die Insulaner jahrhundertelang häufige Wohnraumzerstörung und -verlagerung und für die Vegetation Zerstörung und Versandung. 

Erst nach der dauerhaften Befestigung des stark durch Gezeitenerosion gefährdeten Westkopfes Ende des 19. Jh. und durch Erreichen eines geschlossenen Randdünenwalls durch Sandfestlegung konnte zu Beginn des 20. Jh. die Inselwanderung weitgehend gestoppt werden. 

Die nachhaltige Entwicklung einer differenzierten Vegetation, bzw. terrestrischer Lebensräume, war demnach erst seit Ende des 19. Jahrhunderts möglich. Im Schutz der bis zu 17 m hohen, sekundären Weißdünenketten bildete sich in den feuchten Tälern der tertiären Grau- und Braundünen und auf dem südwärtigen Heller eine dichte Vegetationsdecke, die die typische Biotop-Differenzierung aufweist. 

Die anthropogene Einflussnahme war also Voraussetzung für die - erst spät in historischer Zeit beginnende - Ausbildung vielfältiger und dauerhafter natürlicher Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Gleichzeitig ist die Einschleppung / Einführung von Arten seit Beginn der menschlichen Besiedelung gerade auf den Inseln von hoher Bedeutung für die Entwicklung von Fauna und Flora. Gezielte Ansiedelungsversuche gab es u.a. auch für diverse Molluskenarten (vgl. Leege 1915). 

Wegen der jahrhundertelang sehr schwierigen Siedlungsbedingungen auf Baltrum ist es sicher nicht falsch, für die heute vorgefundene Artenvielfalt ein Alter von max. 150 Jahren anzunehmen und diese auf die damals intensive Garten-, Land- und Viehwirtschaft sowie auf Inselschutz und Bautätigkeit zurückzuführen. Für Baltrum ist belegt, dass bis Mitte des 18. Jahrhunderts jeglicher Dünenbewuchs fehlte. Erst im Jahre 1872 wurde der erste Sanddornstrauch beobachtet. Die ab ca. 1880 nachhaltige Sicherung der Ortslagen hatte den Nebeneffekt, dass in den Dünengebieten auch höherwüchsige Pflanzen zu dauerhaftem Aufwuchs kommen konnten. Gleichzeitig setzte bei deutlich steigender Einwohnerzahl eine starke Nutzung und Kultivierung großer Teile der Dünengebiete ein. 

Trotz oder gerade wegen der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts anhaltenden Unwirtlichkeit und Unzugänglichkeit der ostfriesischen Inseln zogen sie früh das Interesse von Naturforschern auf sich, die hier nicht nur das Arteninventar unerforschter Gebiete quasi vor der Haustür untersuchen wollten, sondern eben auch Besiedelungsphänomene auf den jungen Düneninseln. Diese Situation führte neben der Veröffentlichung umfangreicher Listen mit „neuen" Arten zahlreicher Tier- und Pflanzengruppen auch zu den erwähnten „Freilandversuchen" mit etlichen ausgesetzten Arten. 

Frühe regional-faunistische Bearbeitungen, die eigene Funde nennen und ältere Literatur auswerten, beziehen sich meist auf Borkum und Norderney, weil diese Inseln wegen tideunabhängiger Fahrrinnen vergleichsweise günstig zu erreichen waren. Hohe Bedeutung hatten Norderney und Borkum auch lange als mondäne, königliche Seebäder - ein Umstand, der faunistischer und botanischer Regionalforschung noch nie abträglich war. 

Im Zuge der Etablierung und Inventarisierung des neugeschaffenen Nationalparks „Niedersächsisches Wattenmeer" existiert eine „Dokumentation der (vorhandenen) Daten zur Flora und Fauna terrestrischer Systeme im Niedersächsischen Wattenmeer" als „Teilvorhaben, Vorphase Teil A, Nr. 2/1993, Band 2 (Bröring et al. 1993). Die angedeutete übersichtliche Aufteilung der Untersuchungen in mehrere Arbeitsschritte lässt vermuten, dass in den nächsten Jahren mit umfangreichen weiteren Arbeitsergebnissen zu rechnen sein wird. 

Weiterhin ist seit ungefähr 20 Jahren eine rasante Zunahme der Bearbeitungsintensität für alle ostfriesischen Insel zu verzeichnen: Besonders die norddeutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen haben die Inseln als Freilandlabor entdeckt und liefern zahlreiche Arbeiten mit meist geographischen, botanischen oder entomologischen Schwerpunkten. Malakologische Bearbeitungen fehlen bisher - deshalb werden eigene Untersuchungsergebnisse zum Vorkommen von land- und süßwasserbewohnenden Schnecken und Muscheln auf Baltrum in Kürze veröffentlicht. Auch hierüber soll in der INSELGLOCKE berichtet werden. 

Karsten Lill 
Die Inselglocke Baltrum, Sonderausgabe zur 600-Jahr-Feier der Nordsee-Insel Baltrum, Ostern 1998 

Schriften: 

Barckhausen, J. (1970): Geologische Karte von Niedersachsen 1: 25.000. Erläuterungen zu Blatt Baltrum Nr. 2210 und Blatt Ostende-Langeoog Nr. 2211. 44 S., 5 Abb., 4 Tab., 1 Taf., 1 Kt.; Hannover. 

Bröring, U., Dahmen, R., Haeseler, V., Lemm, R. von, Niedringhaus, R. & Schulz, W. (1993): Ökosystemforschung Wattenmeer - Teilvorhaben Niedersächsisches Wattenmeer, Vorphase Teil A. Dokumentation der Daten zur Flora und Fauna terrestrischer Systeme im Niedersächsischen Wattenmeer. Berichte aus der Ökosystemforschung Wattenmeer, 2(2): 207 S.; Berlin. 

Leege, O. (1915): Die Land- und Süßwassermollusken der Ostfriesischen Inseln. Festschr. naturforsch. Ges. Emden 1814-1914: 115-148; Emden. 

Pott, R. (1995): Farbatlas Nordseeküste. Ausgewählte Beispiele aus der südlichen Nordsee in geobotanischer Sicht. 288 S., 320 Farbfotos, 35 Abb.; Stuttgart. 

Reineck, H.-E. (Hg.) (1982): Das Watt. Ablagerungs- und Lebensraum. 185 S., 88 Abb., 3. Aufl.; Frankfurt am Main. 

Zylmann, P. (1949): Baltrum. 56 S., 3. Aufl.; Norden.