Die Inselglocke Baltrum
Die Inselbühne Baltrum im Jubiläumsjahr 1998  

Ut Baltrums Franzosentied  
Wilhelm Klünder 

Sechshundert Jahre würden sie in diesem Jahre alt, erfuhren die Baltrumer im Jahr 1997 und schauten einander erschrocken an. Ja, so sei es dokumentiert! Aber natürlich nicht jeder einzelne, sondern die Insel und ihre Bewohner als Gemeinschaft. Ach so! - Dennoch, das Bewusstsein ändert sich, tastet sich Hunderte von Jahren zurück. Vielleicht besonders intensiv bei denen, deren insulare Familiengeschichte weit zurückreicht und in deren Adern noch Gene von Geschlechtern toben, die schon vor Jahrhunderten hier gelebt haben. Sie und auch die „Jüngeren" fragen, wie man sich das Leben der Altvorderen auf dem Eiland vorstellen muß vor dem eigenen Erscheinen, vor 100 Jahren, vor 600 gar. Darüber wird im Jubiläumsjahr 1998 gelesen, gesprochen, diskutiert werden, und die Gäste sollen einbezogen sein. Denn viele sind interessiert, fragen ohnehin: Wie haben sich die paar Menschen behaupten können auf der kleinen Insel in einer oft feindlichen Umwelt und in alter Zeit ohne Hilfe von außen? Wie haben sie sich behaupten können als kleine Gemeinschaft oder Gemeinde in den Strömungen der großen Politik, die auch vor einer kleinen Insel nicht haltmachen? 

Die Baltrumer Werbegemeinschaft lud Bürger, von denen vielleicht Beiträge zum Jubeljahr zu erwarten waren, zu einer Gesprächsrunde ein. Als Leiter der Inselbühne erhielt auch ich die Ehre und versprach, mindestens zu überlegen, ob die Theatergruppe ein passendes Stück auf die Bühne bringen könnte. Denn ein Theaterstück mußte es sein, welchen Beitrag sollte die Bühne sonst wohl leisten. Und etwas aus Baltrums Geschichte mußte es auch sein. Klar war auch, daß das Stück noch geschrieben werden musste. Zwar gibt es eine Reihe von Büchern und Schriften über Baltrum, es gibt auch eine spannende Novelle über Schmuggelfahrten zur Zeit der Kontinentalsperre von Professor Zylmann und andere Erzählungen und Sagen, aber kein abendfüllendes Theaterstück. Und nicht alles, was bekannt ist, ist Stoff für ein Bühnenstück, dem es an Dramatik nicht fehlen soll. 

Zeitlich fiel meine Wahl auf die Jahre 1806 - 1813. Damals herrschte Napoleon, Kaiser der Franzosen, über große Teile Europas. Ostfriesland, vormals preußische Provinz, wurde nach dem Sieg des Kaisers über die Preußen abgetrennt und zunächst dem Königreich Holland, später Frankreich zugeschlagen. Die Ostfriesen wurden also französische Staatsbürger. Härter traf sie wohl noch der Wirtschaftskrieg zwischen Frankreich und England. Mit einer kontinentalweiten Einfuhrsperre für englische Waren sollte das Inselreich, militärisch unangreifbar, wirtschaftlich in die Knie gezwungen werden. Besonders hart traf diese Maßnahme die norddeutschen Häfen. Auch Baltrum, dessen Haupterwerbsquelle damals die Frachtschiffahrt über Nord- und Ostsee war. Kaum eine Familie, in der Väter und Söhne nicht über Dreiviertel des Jahres auf See waren. 

Um der wirtschaftlichen Not zu begegnen, setzte - ungeachtet der damit verbundenen Gefahren - ein lebhafter Schmuggel zwischen Ostfriesland einschließlich der Inseln und Helgoland ein, das damals englisch war. Ob Baltrum daran beteiligt war, ist nicht dokumentiert, aber anzunehmen, da die kleine Insel über eine für damalige Verhältnisse ansehnliche Schiffskapazität verfügte. Offenbar wegen ihrer strategische Bedeutung im Falle eines englischen Angriffs wurden französische Besatzungen auf die Insel gelegt und Schanzen gebaut, so auch auf Baltrum. Erst 1813, nach dem mißglückten Rußlandfeldzug Napoleons und der erfolgreichen Erhebung der europäischen Völker gegen seine Herrschaft, zogen sich die Franzosen über den Rhein zurück. 

Soweit der historische Rahmen für das geplante Stück, den es nun auszufüllen galt mit der Darstellung der Veränderungen und Schicksale der betroffenen Menschen, also hier der Insulaner. Da über Einzelschicksale aus dieser Zeit - mit einer Ausnahme - wenig bekannt ist, hatte ich freie Hand, wie denn überhaupt der Autor eines historischen Spieles sich nicht sklavisch an die historischen Fakten halten muss, wie berühmte Beispiele zeigen. 

Inzwischen ist das Stück geschrieben. Es hält sich eng an die historischen Fakten und zeichnet ein fiktives Bild vom Leben der Baltrumer in jener Zeit. Viele haben mit Rat und Tat zur Fertigstellung beigetragen. Stellvertretend für alle Helfer sei hier mein Kollege Jürgen Janßen genannt, der einen besonders von der Musik geprägten Teil geschrieben hat. 

Nachdem die Theatergruppe das Stück abgesegnet hatte, begannen die Proben. Inzwischen sind sie gut fortgeschritten. Über 30 Personen spielen mit, ein Novum auf Baltrum und eine Herausforderung für Spielerinnen und Spieler sowie die Spielleitung. Auch sprachlich geht es vielzüngig zu: Grundsprache ist das Plattdeutsch, damals die allgemeine Sprache auf der Insel. Dazwischen immer wieder Passagen in hochdeutscher Sprache, so dat ok de Hochdütschen dat Spöll verstoahn. Französische und englische Einschübe geben dem Geschehen eine Prise von internationalem Flair. 

Am 10. Juni, zu Beginn der besonderen Festwochen des Jubiläumsjahres, ist Premiere gewesen, die gleichzeitig Uraufführung war. Vierzehn Tage später wurde das Stück wiederholt, dann alle drei Wochen bis zum Ende der Saison. Die Inselbühne hofft, dass sie mit dem Stück „Ut Baltrums Franzosentied" Gästen und Insulanern einen wichtigen Abschnitt der Geschichte ihrer Insel lebendig werden lässt. 

Wilhelm Klünder 
Die Inselgocke Baltrum, Jubiläumsausgabe 1998. 

Anmerkung der Redaktion: "Ut Baltrums Franzosentied" wurde auch 1999 während der Saison mehrmals aufgeführt. 

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