Weihnachten

Engel sind auch nur Menschen

Soeben hatten die Englein im Himmel die letzten Plätzchen in den Backofen geschoben, da gab es einen ohrenbetäubenden Knall.
Vor Schreck schlugen sie ganz aufgeregt mit ihren Flügeln, und weil sie gerade so nah beieinander standen, verhedderten sie sich aufs ärgste.
Bei dem Versuch, sich voneinander oder auseinander zu lösen, wurde alles nur noch schlimmer, und schließlich fielen sie alle zusammen auf ihre himmlischen Pobacken.
Da saßen sie nun. Ihre Lage war kaum besser als vorher, aber sie kamen doch ein wenig zur Ruhe. Der gemeinsame Sturz hatte ihre Aufregung in andere Bahnen gelenkt und sie sozusagen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Bevor ich es vergesse, will ich noch erwähnen, daß die Plätzchen Weihnachtsplätzchen waren und nicht nur irgendeine belanglose Bäckerei, die sonst durchaus schon 'mal im Laufe des Jahres im Himmel angefertigt wird und deren Auswirkung dann manchmal als Abendrot am Erdenhimmel zu sehen ist. (So sagt jedenfalls der Volksmund, der sich etwa in folgenden Worten ausdrückt: „Kiek eens, wat is de Himmel so rot? Dat sünd de Engels, de backt dat Brot!")
Es war also Weihnachten, und mit dieser Erkenntnis sind wir auch schon mitten drin in der eigentlichen Geschichte:
Im Himmel herrschte Hochbetrieb, weil ja, wie wir wissen, die lieben Engelein seit Jahr und Tag dem Weihnachtsmann zuarbeiten. - Man kann sich vorstellen, daß er die ganze Arbeit, die von ihm erwartet wird, niemals völlig alleine bewältigen könnte. - 

Die Engelchen hatten also gehämmert, gesägt und gefeilt, geschliffen, lackiert und gestrichen, gestrickt, genäht, gestickt und...gebacken, schier endlos verschiedenste Teige gezaubert und gebacken. Nun waren sie fertig und freuten sich auf einen wohlverdienten Feierabend mit Ammerländer Schinken auf Schwarzbrot und einer ordentlichen Tasse Tee (ostfriesisch natürlich!).
Statt diese Annehmlichkeiten zu genießen, saßen sie nun völlig verwirrt und verknäult auf ihren Hosenboden, hatten Mühe, sich zu entwirren und wußten vor allen Dingen immer noch nicht, warum es so furchtbar geknallt hatte.
War etwa wieder einer dieser modernen Jets mit Überschallgeschwindigkeit geflogen? Wann hörte das endlich auf?! Waren wieder einige dieser Satelitenwracks zusammengestoßen, die seit Jahren den Himmel verschmutzten oder handelte es sich gar um Bombenterror? Mußte man selbst hier oben mit so etwas rechnen? Fragen über Fragen.

Und siehe da, es gab auch eine Antwort: Während die Engelchen noch damit beschäftigt waren, sich vom Boden zu erheben, kam polternd, mit puterrotem Kopf, ständige Flüche ausstoßend, der Weihnachtsmann dahergewalzt.
Was war geschehen, was machte ihn so wütend? Eigentlich nichts Besonderes, nichts, was ihm nicht schon vorher unzählige Male widerfahren war, aber irgendwann ist das Maß voll, und dann platzt selbst einem an sich unendlich gütigen Weihnachtsmann der Kragen, allemal so kurz vor dem wichtigsten Fest des Jahres, auf das all sein Streben gerichtet ist und das natürlich alle seine Kräfte uneingeschränkt fordert.
Also, dem Weihnachtsmann war der Kragen geplatzt und zwar nicht nur symbolisch, wie die Menschen diesen Ausdruck im allgemeinen verstehen, nein, im wahrsten Sinne des Wortes. Vor lauter Zorn hatte er sich mächtig aufgeplustert, seine Halsschlagader hatte sich praktisch verdreifacht, und auf einmal hatte sich sein oberster Kragenknopf mit besagtem ohrenbetäubenden Knall von seinem Bestimmungsort losgerissen, war im hohen Bogen davongeflogen und genau auf Erzengel Gabriels Glatze gelandet, der hier oben in der Weihnachtswerkstatt die Generalaufsicht führte. Er kam leicht ins Schwanken, als der Knopf ihn traf. Fast sah es so aus, als würde er das Gleichgewicht verlieren, aber Engel, besonders Erzengel haben doch ein erstaunliches Stehvermögen. Gabriel faßte sich wieder und fiel nicht um. Er hob den Knopf vom Boden auf und schüttelte den Kopf. „Was macht der oberste 
Kragenknopf des Weihnachtsmannes auf meiner Glatze?" dachte er, und dabei ließ er es bewenden. Er hatte jetzt Wichtigeres zu tun, als sich um Weihnachtsmannkragenknöpfe zu kümmern.

Die Engelchen indessen konnten nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, nachdem sie sich von ihrem Schock erholt und aus ihrer Verhedderung gelöst hatten. Vor ihnen stand ein vor Zorn zitternder, wie wild gestikulierender und unentwegt fluchender Weihnachtsmann, bei dessen Anblick man sich langsam Sorgen machen mußte um die unveränderte Regelmäßigkeit seines Herzschlages.

Tja, und nun wissen wir immer noch nicht, worüber sich der Mann mit dem pelzbesetzten roten Mantel und den dicken schwarzen Stiefeln so maßlos aufregte, aber das ist schnell erzählt:
„Wo, zum Teufel, sind mein Alleskleber, meine Zackenschere und mein Goldlackstift?" tobte er. Die Engelchen wichen entsetzt zurück, nicht so sehr vor des Weihnachtsmannes Zorn im allgemeinen, als vielmehr vor der Tatsache, daß er „zum Teufel" gesagt hatte. Das war hier oben im Himmel nicht nur äußerst unangebracht, es war schlicht undenkbar, unvorstellbar, unglaublich ... aber er hatte es gesagt. An dieser Mißachtung eines ungeschriebenen himmlischen Gesetzes ließ sich ermessen, wie wütend der Weihnachtsmann wirklich war
Und das alles nur wegen Alleskleber, Zackenschere und Goldlackstift, fragst du?

„Ich habe schon fünfhunderdreiundneunzig Mal gesagt, daß niemand diese Sachen wegnehmen darf, weil ich sie ständig brauche", fauchte der Weihnachtsmann, „und ich will, verdammt noch 'mal, nie und nimmer dahinter herlaufen müssen, ist das klar?!"
Schuldbewußt sahen die Englein zu Boden und scharrten verlegen mit den Füßen oder klapperten leicht mit ihren Flügeln.
„Aber wir wollten ja nur...", begann einer, doch der Weihnachtsmann schnitt ihm barsch das Wort ab.
„Was ihr wolltet interessiert mich nicht", futerte er, „ich will, daß die Sachen da bleiben, wo sie hingehören und zwar ein für alle Mal, basta!" „Habe ich mich klar genug ausgedrückt?" fügte er noch hinzu.
Keiner der Engel traute sich mehr, ein Wort zu sagen. Sie nickten nur stumm mit ihren himmlischen Lockenköpfchen und waren nicht sicher, ob sie die ehedem freundliche Bitte des Weihnachtsmannes, die besagten Sachen an ihrem Platz zu lassen, nicht schon häufiger als fünfhundertdreiundneunzig Mal gehört hatten.

Kommt dir das nicht irgendwie bekannt vor?!

Ulrike Unger - NPH Baltrum

Diese und andere Geschichten gibt es (schön illustriert) im Nordseehaus zu erwerben. 

Die Inselglocke Baltrum Weihnachtsausgabe 2000

Die Inselglocke Baltrum