Dünensingen

 

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder ....

 

...oder: Komm im Sommer an den Vormittagen an den wunderbaren Baltrumer Badestrand. Dort findest du Gleichgesinnte, die bei Wellen, Wind und Wogen nach Herzenslust zu Akkordeonklängen singen. Und am Mittwoch Abend klingt es in der Düne hinter der Kirche weiter.

Es geht aber auch prosaischer: Singen in freier, frischer Nordseeluft verstärkt die Sauerstoffzufuhr, Singen stimuliert deine Glückshormone, unter Gleichgesinnten spürst du Harmonie und Aufgehobensein – kurzum, Strandsingen ist das reinste Lebenselixier.

So, genug der Schwärmerei von etwas, was für Baltrum-Freunde ganz selbstverständlich ist, aber wohl einmalig auf den Ostfriesischen Inseln.

 

Angefangen hatte alles vor 56 Jahren, 1946  mit Anneliese Grosjohann aus Iserlohn, die der damaligen Kurverwaltung das Programm vorschlug. Schnell fand die Strandgymnastik und das anschließende Singen begeisterte Anhänger. „Tante Anneliese“, wie Groß und Klein sie nannte, wurde in den über vierzig Jahren ihrer Baltrumer Tätigkeit fast so etwas wie eine Insel-Institution.

Als meine Familie vor 18 Jahren das erste Mal nach Baltrum kam, gefiel uns Eltern und den beiden kleinen Töchtern dieses tägliche Strandprogramm so gut, dass schnell feststand, wir kommen wieder.

Doch dann sprach Tante Anneliese Ende der achtziger Jahre vom Aufhören. Alle, die schon jahrelang bei ihr mitmachten, waren betroffen. Baltrum ohne Turnen, ohne Singen, ohne Kinderturnen? Das war nicht mehr Baltrum, wie wir es liebten. Man bat die Kurverwaltung eindringlich, dieses gesundheitsfördernde und inseltypische Angebot fortzuführen. Und Tante Anneliese selbst fand auch ihre Nachfolgerin:

1989 kam Heide Siegmann. Besser hätten es die Baltrumer nicht treffen können: Als Fachfrau in Sport und Musik übernahm sie Tante Annlieses Aufgaben. Natürlich auf ihre Weise, mit ihren Stärken, mit ihren Liedern, und die Anerkennung der Baltrumer Gäste blieb nicht aus.

 

Ja, das war wieder „unsere“ Insel, auch wenn sich die Zeiten änderten. Laternenumzüge oder das Kinderspielfest fielen irgendwann weg, dafür konnte jetzt unter Heides Anleitung das Sportabzeichen gemacht werden. Und dieses Angebot wurde gerne von vielen genutzt.

Und wieder kam der Einschnitt, als Heide nach 12 Jahren sagte, dass sie aufhören würde. Wieder war diese Bestürzung unter den vielen sport- und singbegeisterten Baltrum-Gästen. Und die nächste Frage war, ob es die Kurverwaltung schaffen würde, jemanden zu finden, der im Sommer acht bis zehn Wochen aus seinem Alltag zu Hause ausscheren kann, um auf der Insel das Programm weiterzuführen?

Ich selber konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es nicht weitergehen sollte. Turnen und Singen am Strand gehörte zu Baltrum wie die Gitarrengruppe, die Schatzkoffersuche, das Insel-Theater, der Shantychor, der Sonnenuntergangsspaziergang am Westufer.

Da keimte in mir ein Gedanke, warum sollte ich mich nicht dafür zu Verfügung stellen? Meine Kinder waren mittlerweile groß; mein Mann ist wie ich ein Baltrumfan, er würde mich verstehen. Und meinen Beruf als Bilderbuchautorin konnte ich dank der modernen Medienkommunikation auch auf der Insel ausüben -  was also sprach dagegen, wenigstens den Part des Strand- und Dünensingens zu übernehmen? Nichts, außer, dass ich erst Akkordeonspielen lernen musste!!

 

Die Kurverwaltung stimmte zu, die Liedertexte wurden gedruckt, Termine festgelegt, und dann stand ich am 1.7.2001 auf dem kleinen Sportpodest am Strand und stimmte mit Herzklopfen die ersten Lieder an. Ich spürte die große Freude der Urlauber darüber, dass es weiterging mit dem Singen, natürlich wieder auf eine neue, meine Weise. Jetzt gab es schon einmal ein Kindergedicht beim Dünensingen oder einen Limerick beim freitäglichen Wunschkonzert zu hören. Musikfreudige Urlauber wie Franz, Christiane, Brigitte oder Ralf gesellten sich wieder mit den Gitarren dazu, Horst und mein Mann unterstützten die Sängerrunde mit dem Akkordeon. Uli kam mit seiner Gitarre und den Mundharmonikas. Der Strand erfüllte sich mit Harmonien und Melodien.

Der vormittägliche Termin ist im Laufe der Zeit ein allseits beliebter Treffpunkt geworden, immer gut für neue Bekanntschaften und um alte Freundschaften zu pflegen. Manch Urlauber, der zum ersten Mal auf Baltrum ist, will gerade deswegen wiederkommen.

 

Ca. 2.800 Liederblätter wurden im Sommer 2002 verteilt. Oft wird zu zweit hineingeschaut, d.h. es waren sicher über 3.500 große und kleine Sänger/innen dabei.

Wenn ich im Winter an der zeitaufwändigen Arbeit für das Erstellen des Liederblatts „Sammelsingsang“ sitze, so denke ich an die vielen frohen Gesichter am Strand, wenn wir gemeinsam die inoffizielle Baltrum-Hymne singen: „Ein großer Schatz auf dieser Welt ist eine Nordseeinsel, klein“, und dann freue ich mich auf den nächsten Sommer auf der geliebten Insel.

 

Gerlinde Wiencirz

Die Inselglocke Weihnachtsausgabe 2002