Wilhelm Vogel – ein Inselleben

 

Es war am 1. Juli 1902, also vor 100 Jahren, als der 20-jährige Junglehrer Wilhelm Vogel den ersten Unterricht an der Baltrumer Volksschule gab. Sie war einklassig und umfasste die Jahrgänge I bis VIII. Die Schülerzahl lag bei 30 bis 40 Jungs und Mädchen.

Das Schulgebäude stand dort, wo sich heute das Personalwohnhaus der Gemeinde- und Kurverwaltung „Alte Schule“ nahe der Alten Inselkirche befindet. Lehrer Vogel wohnte bei Familie Küper, mit der er befreundet war. Seine hiesige Lehrertätigkeit wurde zwischen 1903 und 1914 mehrfach unterbrochen. Sein freiwilliges Dienstjahr verbrachte er 1903/04 bei den Soldaten in Oldenburg. Die feste Lehrstelle bekam er 1906 auf Baltrum. Er besuchte Seminare an der Universität Münster bis zur Oberlehrerausbildung und legte sowohl die Rektoren- wie auch die Mittelschullehrerprüfung mit Erfolg ab. Ein Jahr lang unterrichtete er an der Mittelschule (entsprechend der heutigen Realschule) in Wilhelmshaven.

Dann kam er wieder auf unsere Insel. Seine erfolgreiche Tätigkeit wurde im Jahr 1915 durch die Einberufung zum Militär unterbrochen. Er kam an die russische Front und wurde im gleichen Jahr schwer verwundet. Trotz seiner Verletzung blieb er bis zum Kriegsende im Osten als Offizier.

 

1916 heiratete der gebürtige Westfale die Baltrumerin Petje Lucia Eilts, Tochter des Kapitäns Fedde Meints Feddes Eilts. Sohn August kam 1917 in des Vaters Geburtsort Eilshausen im Kreis Herford zur Welt. Tochter Frida wurde 1919 in der Wohnung im Haus Nr. 18, dem Alten Zollhaus, das heute dem Heimatverein gehört, geboren.

Dort wohnte die Familie zunächst. Damals machte nur noch ein Zollbeamter Dienst. Vogel vermietete dort auch Zimmer an Badegäste und er führte die Bücher der Badeverwaltung, deren Schriftführer er war. Mitglied der Badekommission war er ab 1922. Die Nebenzweigstelle der Kreissparkasse Norden führte er ab 1922, zunächst ebenfalls im Zollhaus. Den Sparkassenbetrieb führte er bis 1957, zuletzt gemeinsam mit seiner Tochter. Ab 1953 stand ihnen in der Sommersaison ein Mitarbeiter der Hauptstelle in Norden zur Seite.

Im Jahr 1925 baute er das Haus Nr. 47 „Kikdüne“, in dem er im Baltrum-Prospekt 1926 sechs Zimmer mit zwölf Betten anbot. Sparkasse und Badeverwaltung zogen dort mit ein.

Am Aufbau der Stromversorgung der Insel wirkte er namhaft mit. Er sorgte für eine zukunftsweisende Arbeitsweise, die später die Anschlüsse an die festländische Energieversorgung ermöglichte. Die erste Transformatorenstation stand in etwa dort, wo sich heute das Deichschart am Hotel Fresena befindet.

1927 wurde Vogel wegen seiner Kriegsverletzung als Lehrer in den Ruhestand versetzt. Nun wurde er Badedirektor und leitete die Badeverwaltung eigenverantwortlich.

 

„Baltrum – Das Dornröschen der Nordsee“. Dieser Slogan ist von ihm. Und er ist der Vater der Gästezeitschrift „Die Inselglocke“, die im Sommer 1927 erstmalig aufgelegt wurde. Beide Errungenschaften haben bis in die heutige Zeit für Baltrum eine große Bedeutung.

 

Vogel wirkte an vielen Dingen mit, die dem insularen Fremdenverkehr großen Aufschwung brachten. Der angestiegene Fremdenverkehr machte es 1928 erforderlich, eine Müllabfuhr einzuführen. An den Verhandlungen mit dem Fuhrunternehmer Anton Lüppen wirkte er kräftig mit. Übrigens befand sich die Ablagestelle für den Inselmüll östlich der heutigen Müllumschlagsstation am Wattrand.

Bürgermeister war er von 1930 bis Februar 1936. Zugleich war er sowohl Schiedsmann und auch Standesbeamter. In diese Zeit fällt vor allem die Schaffung einer zentralen Wasserversorgung im Jahr 1935 und der Beginn der Schulbauplanung für eine zeitgemäße Schule am östlichen Rand des damaligen Westdorfes. Auch an der damaligen Wegeplanung war er maßgeblich beteiligt.

 

Mir ist noch ein Gespräch in guter Erinnerung, in dem sich die älteren Insulaner über den Bau des Weges zwischen Hotel Fresena und dem Dünenschlösschen unterhielten. Bis dato führte der Weg zum Ostdorf über die Weide vom Beginn der heutigen Straße zur Müllumschlagstation bis zum Rettungsschuppen nahe dem Friedhof.

Seine letzte Amtshandlung war die Vorbereitung zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr.

Am 24. Januar 1962 wurde Vogel 80 Jahre alt. Die Inselverantwortlichen gratulierten ihm zu diesem Ehrentag und dankten ihm für seinen unermüdlichen Einsatz um die Geschicke des Eilandes zwischen den Weltkriegen. Es war nicht nur sein Geburtstag, sondern auch der 60ste Jahrestag des Beginns seiner Insellaufbahn. Ihm zu Ehren wurde nicht nur ein umfangreicher Lebenslauf in der Tageszeitung veröffentlicht, sondern es wurde ihm der Silberteller, eine Ehrengabe der Gemeinde Baltrum verliehen, die Dank und Anerkennung für die geleistete Arbeit aussprach. Mit dem Ehrentag beendete er seine Organistentätigkeit, die er 60 Jahre lang ausgeübt hat. Sein Nachfolger wurde Jürgen Peikert.

Vogels Hobby war die Natur. Mit großer Begeisterung pflanzte er in seinem Garten Bäume an und pflegte und veredelte sie liebevoll. Oft bekamen wir Nachbarn Setzlinge mit der guten Anweisung für Anpflanzung und Pflege. Auch an seinen Ernteerfolgen ließ er uns teilhaben. Nicht selten gab es von ihm die leckere Baltrumer Möhre.

Dies alles endete mit seinem Tod im März 1966.

Die Gemeinde Baltrum würdigte seine Verdienste in einem Nachruf mit den Worten: „Er wirkte entscheidend an dem Aufbau unseres Heilbades mit und hat mit Tatkraft, Weitblick und hohem Verantwortungsbewusstsein die Geschicke Baltrums geleitet“.

 

Heino Comien

 

Quellen:

G. CANZLER: Baltrum. 1986

H. GANSOHR-MEINEL: Baltrum. Ein Rundgang. 2001

Die Inselglocke 5/83 und 3/92

JANSSEN: Familien der Insel Baltrum 1707-1962. 1963

GEMEINDE BALTRUM: Protokollbuch

Baltrum-Prospekte 1925 u.a.

OSTFRIESISCHER KURIER Januar 1962 und März 1966

Auskünfte der Familie

Die Inselglocke Weihnachtsausgabe 2002